Auf den Dächern unterwegs

Von Beruf Glücksbringer: So läuft die Ausbildung zum Schornsteinfeger 

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Auf dem Dach der Kirchberger Jausenstation: Jennyfer Keil aus Schauenburg Hoof. 

Ein rußiger Job mit Tradition: Junge Menschen, die eine Ausbildung zum Schornsteinfeger machen, gibt es im Kreis Kassel eher selten. Für Jennyfer Keil und Steve Kotzorek ist es der Traumberuf. 

Wenn Jennyfer Keil (25) und Steve Kotzorek (16) in voller Montur unterwegs sind, dann kann es schon mal vorkommen, dass ihnen jemand aufgeregt hinterher rennt. „Weil sie uns anfassen wollen“, sagt die 25-Jährige lachend. 

Denn der Aberglaube, dass Schornsteinfeger Glück bringen, sei bei vielen immer noch fest verankert. Andererseits gebe es aber auch Kunden, die den Schornsteinfegern nur ungern die Tür öffnen – schließlich kommt nach der Dienstleistung auch eine Rechnung.

Jennyfer Keil liebt ihren Job aber nicht nur, weil sie für viele ein Glücksbringer ist. „Man arbeitet frei, kommt an Ecken, an denen man sonst nie ist und hat ständig Kontakt zu Menschen“, schwärmt die Gesellin. „Am liebsten mache ich die Arbeit, bei der man richtig schwarz wird.“

Keil und Kotzorek sind bei Bezirksschornsteinfeger und Obermeister der Schornsteinfegerinnung Kassel, Michael Maurer, angestellt. Die Schornsteine der Kunden kehren sie zurzeit im Doppelpack. Kotzorek hat im August dieses Jahres seine Ausbildung zum Schornsteinfeger begonnen. Durch ein Praktikum hat er den Beruf für sich entdeckt, verrät der Vellmarer. „Mein Opa war auch schon Schornsteinfeger.“

Maurer, der Chef der beiden, übt den Beruf bereits seit 42 Jahren aus. „Früher war das richtig harte körperliche Arbeit“, sagt er. Heute sei es zwar auch noch eine anstrengende Tätigkeit, aber doch etwas abgeschwächt. Alleine deshalb, weil die Arbeitsgeräte heute leichter seien. 

Steve Kotzorek aus Vellmar hat im August seine dreijährige Ausbildung begonnen. 

„Aber gerade in so einem Sommer kann es auf dem Dach schnell mal an die 50 Grad heiß werden“, sagt Jennyfer Keil. Und die Arbeitskleidung liefere auch alles andere als eine Abkühlung. Zum Kehranzug gehört unter anderem der Koller (Jacke) mit seinen markanten goldenen Knöpfen und dem Koppel (Gürtel) mit Schloss.

Auch Jennyfer Keil, die 2008 ihre Lehre begonnen hat, ist durch ein Praktikum zum Beruf gekommen. Etwa zehn Prozent aller Auszubildenden sind heute weiblich, sagt Maurer, die Tendenz sei steigend.

In der Abendschule lernt Keil derzeit für ihre Meisterprüfung. Im März kommenden Jahres will sie ihren Meistertitel in der Tasche haben. „Danach bleibe ich erstmal angestellt, um weiter Praxiserfahrungen zu sammeln. Aber irgendwann will ich mich selbstständig machen“, sagt die 25-Jährige. 

Die Arbeit in luftiger Höhe löse manchmal schon noch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend aus, gibt Steve Kotzorek zu. Das höchste Dach in Maurers Kehrbezirk – dazu gehören unter anderem Edermünde und Teile von Baunatal – sei immerhin an die 35 Meter hoch. „Aber es ist ein Flachdach“, sagt Keil. Um die Kehrbezirke müssen sich die Schornsteinfeger übrigens alle sieben Jahre neu bewerben.

Kotzorek darf bis zur bestandenen Gesellenprüfung nur unter Aufsicht an die Schornsteine. Und bis dahin heißt es Pauken. Der theoretische Teil der Ausbildung macht 50 Prozent aus. Auf dem Plan steht unter anderem Mathe, Physik, Chemie, Deutsch und Rechtskunde. Denn Schornsteinfeger sind auch Energieberater. Das klassische Kehren der Schornsteine ist nur eine der Aufgaben.

Hintergrund: Schornsteinfeger sind auch Energieberater

Brandschutz, Sicherheit, neutrale Beratung (das heißt unabhängig von Herstellern und Produkten) und Umweltschutz – so lauten die Aufgabengebiete eines Schornsteinfegers. Die Feuerstättenschau, das Kehren der Schornsteine und Abgasanlagen, mit dem Bränden durch das Entfernen des Ruß’ vorgebeugt wird, sind schon lange nicht mehr die einzige Aufgabe der Schornsteinfeger. 

Sie sind unter anderem auch in der Energieberatung tätig, informieren zur energetischen Sanierung von Häusern und geben Tipps zum Einbau und Betrieb von Kaminen. „Mittlerweile hat im Schwalm-Eder-Kreis jeder zweite Haushalt einen Kaminofen zusätzlich zur Zentralheizung“, sagt Obermeister Michael Maurer, der in Niederzwehren ansässig ist. 

Mit Thermografieaufnahmen untersuchen Schornsteinfeger beispielsweise auch, an welchen Stellen Häuser Wärme verlieren. Unter anderem gehört auch die Abnahme von neuen Feuerungsanlagen zu den Aufgabengebieten des Schornsteinfegers. Die vielfältigen Aufgaben spiegeln sich auch in der Ausbildung wieder. Die Lehrlinge müssen unter anderem Gesetze aus 150 Rechtsverordnungen wissen, sagt Maurer. 

Zur Bewerbung um einen Ausbildungsplatz gehört eine Prüfung, die unter anderem das Wissen in Deutsch, Mathe und logischem Denken abfragt. Noch gebe es genügend Auszubildende, sagt Maurer. Der Vorteil zu anderen Handwerkern sei der enge Kundenkontakt. Darüber ließen sich häufig potenzielle Auszubildende akquirieren.

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