„Nicht über einen Kamm scheren“

Landwirte im Landkreis Kassel äußerten ihre Sorgen gegenüber dem Politiker Timon Gremmels

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Intensives Gespräch: Timon Gremmels (von links) hörte sich die Sorgen der Landwirte Sascha Kaiser, Katja und Nico L otzgeselle sowie Jörg Ledderhose an.

Söhrewald – Timon Gremmels (SPD) besucht Landwirte und spricht mit ihnen über Sorgen und Nöte in der Landwirtschaft. 

Den Politikern in Berlin wird häufig vorgeworfen, im Elfenbeinturm zu sitzen und von den wahren Nöten der Menschen keine Ahnung zu haben. Timon Gremmels, der als Bundestagsabgeordneter der SPD die Interessen des Landkreises vertritt, will einen solchen Vorwurf offenbar nicht aufkommen lassen. Vor ein paar Wochen hatten Landwirte vor seinem Bundestagsbüro in Berlin wegen der miesen Situation ihres Berufsstands demonstriert. Nun hört sich Gremmels aus erster Hand die Sorgen der Bauern an – auf dem Hof von Nico Lotzgeselle in Wattenbach. Der Landwirt betreibt mit seiner Frau Milchwirtschaft und produziert das Futter für seine Tiere auf Grünflächen und Ackerland.

Zusammen mit Lotzgeselle, dessen Frau Katja, dem Caldener Landwirt Jörg Ledderhose und Sascha Kaiser, der in Rengershausen eine Schweinemast betreibt, stapft Gremmels durch die luftige Halle mit den 170 Milchkühen und den fast ebenso vielen Kälbern. Er streichelt Rocky, der rot-bunten Holsteinerin über die Stirn, kost Kälbchen, die auf der Kinderstation aufgepäppelt werden. Das Gespräch mit den Landwirten verläuft in gelöster Stimmung, freundlich bis sachlich. „Ich kenne alle meine Kühe mit Namen“, erklärt Lotzgeselle. „Wir freuen uns, wieder wahrgenommen zu werden. Es geht nicht darum, zu klagen“, sagt Ledderhose. Er wolle einfach nur zuhören, erklärt Gremmels und fügt hinzu: „Mir ist bewusst, dass sie schwierige Rahmenbedingungen haben.“

Wie schwierig diese sind, hat Landwirt Lotzgeselle, assistiert von seinem Kollegen Ledderhose, schnell aufgezählt: Der Milchpreis sei zu niedrig, die bürokratischen Vorgaben und Richtlinien der EU gingen oft an den Bedürfnissen der kleineren landwirtschaftlichen Betriebe vorbei, und die Politik schaffe keinen verlässlichen Rahmen für die Zukunft der Landwirte. Die meisten Bauern würden zu Unrecht für die Verseuchung der Böden mit Nitraten durch das Ausbringen von Gülle verantwortlich gemacht. „Man darf nicht alle über einen Kamm scheren“, sagt Ledderhose mit Blick auf die von den Landwirten kritisierte Gülle-Verordnung. Kommunen dürften stärker mit Nitrat belastetes Wasser einleiten, ergänzt Lotzgeselle und sagt: „Das ist ungerecht“. Er habe ja gerade ein Interesse daran, die Humusschicht seiner Äcker zu verbessern – nicht aber, den Boden zu überdüngen.

Bauer Lotzgeselle erklärt, wie gut es seine Kühe im Stall haben und wie schwierig es sei, ein auskömmliches Einkommen zu erzielen. „Ich bekomme noch 32 Cent für den Liter Milch, zuzüglich eines kleinen Zuschlags. Mein Vater hat noch 80 Pfennig bekommen“, erzählt er und macht vor allem den Einzelhandel wegen seiner Niedrigpreis-Strategie und die Verbraucher verantwortlich. Die Leute kauften nur, was billig ist. „Es gibt schon ein Überangebot an Bio-Milch“, sagt er. Und beschreibt dann seinen Arbeitstag, der selten „nur“ zwölf Stunden hat. Einmal sei ein Veterinär abends um halb neun zur Kontrolle gekommen. „Da lag ich gerade mal auf dem Sofa“, sagt Lotzgeselle.

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