Mosaic-Mission der Polarstern

Aus Söhrewald ins Polarmeer: Schneeforscher David Wagner ist Teil der größten Arktis-Expedition

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Schneeforscher David Wagner aus Söhrewald ist Teil der Polarstern-Crew.

Mosaic heißt sie - die größte arktische Expedition, die es je gegeben hat. Mit dabei auf der Polarstern: David Wagner aus Söhrewald.

70 Forschungsinstitute, hunderte Forscher aus 19 Nationen, 140 Millionen Euro Kosten, erstmals ein ganzes Jahr Forschung im Nordpolarmeer. Die Mosaic-Expedition wartet mit allerlei Superlativen auf. Aber wie fühlt es sich an, da mittendrin zu sein? „Gut“, sagt der Söhrewalder David Wagner und lacht.

Wobei sagen und lachen eigentlich falsch sind. Denn telefonieren ist schwierig. Einerseits weil der Empfang im Polarmeer schlecht ist, und andererseits, weil es sehr teuer ist. Auch das Datenvolumen an Bord ist streng limitiert, nur per Email und Whatsapp kann der 31-Jährige für die nächsten zwei Monate kommunizieren. 

Aber viel Zeit bleibt auch gar nicht, denn vor einigen Tagen hat das Schiff seine Position erreicht. „Wir sind momentan mit dem Aufbau der Infrastruktur und der Messinstrumente beschäftigt“, erklärt Wagner.

David Wagner will Daten zum Schnee auf dem arktischen Meereis sammeln

Denn ums Messen geht es bei der Mission: „Detaillierte Daten über Schnee auf arktischem Meereis existieren erstaunlich wenig“, sagt Wagner. „Wir sammeln mit modernsten Messverfahren große Mengen davon, sodass wir die Auswirkungen des Klimawandels in der Arktis besser verstehen können“, sagt Wagner. 

Schnee wird mit Röntgenstrahlen gescannt

Das deutsche Forschungsschiff Polarstern in der Arktis: Anfang Oktober fanden die Wissenschaftler eine geeignete Eisscholle und werden nun ein Jahr lang durch die Arktis driften.

Der Söhrewalder gehört zum Team „ICE“ und beschäftigt sich mit Schnee und dessen Veränderung: „Ein grosses Fragezeichen ist immer noch, wie und wie stark Schnee das Meereis-Wachstum und die Schmelze genau beeinflusst und was das letztlich für die Atmosphäre bedeutet.“ Für die Untersuchung der Mikrostruktur des Schnees ist sogar ein Computertomograf an Board, mit dem Schneeproben mit Röntgenstrahlen gescannt werden und so 3-D-Bilder für die spätere Analyse entstehen.

Polarstern lässt sich im Eis festfrieren

Um das herauszufinden, lassen sich die Forscher mit ihrem Schiff Polarstern auf einer Scholle festfrieren und ein Jahr lang treiben. Das bedeutet auch einige Herausforderungen: Im Winter werden Temperaturen von -45 Grad Celsius erwartet. 

Etwa 150 Tage wird die Polarnacht dauern, in der die Sonne nicht über den Horizont steigt. „Die Unsicherheiten und Gefahren, die Abgeschiedenheit, die Kälte und Dunkelheit, hat mir bis vor Kurzem häufig noch den Atem geraubt“, sagt Wagner. Jetzt, wo man aber endlich an der Scholle angekommen sei und vor Ort Aufgaben erledigen könne, sei die Angst viel weniger geworden.

Wagner musste schießen übern - er gehört zur Eisbärenwache

„Eigentlich waren die Vorbereitungen das anstrengendste und die größte Herausforderung.“ Einerseits seien da die unzähligen Meetings gewesen, aber auch das Training habe es in sich gehabt. „Richtig intensiv war das Basic Safety Training, bei dem wir mehrmals in einem brennenden Container Feuerlöschübungen durchführen mussten.“ Dazu kamen Erste-Hilfe-Übungen, Seenotrettungstraining und Schießübungen. Denn Wagner gehört auch zur Eisbärenwache, die im Notfall die Forscher vor den neugierigen Tieren schützen muss. 

Dass die Bären kaum menschenscheu sind, zeigte sich auch bei der ersten Begegnung ganz nah am Schiff: „Die Sichtung zweier wohlgenährter Eisbären – das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt welche gesehen habe – war das größte Highlight bisher.“ Und machten Wagner, der schon als Kinder davon träumte auf einem Forschungsschiff zu arbeiten, sehr glücklich.

Hintergrund: Die Mission der Polarstern

Auf der Mosaic-Expedition erforschen Wissenschaftler aus 19 Nationen die Arktis im Jahresverlauf. Sie überwintern auf dem Eisbrecher Polarstern in einer Region, die in der Polarnacht nahezu unerreichbar ist. Kaum eine Region hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark erwärmt wie die Arktis. Ziel der Expedition ist es daher, den Einfluss der Arktis auf das globale Klima besser zu verstehen. 

Los ging es am 20. September im norwegischen Tromsö. Am 4. Oktober wurde dann an einer passenden Scholle gefunden. Das war gar nicht so einfach, erklärt Wagner: „Es gibt in diesem Gebiet leider fast keine dicken, mehrjährigen Eisschollen.“ Hier schlagen die Forscher momentan ihr Camp auf und verbinden es mit einem kilometerweiten Netz von Messstationen. Auf dieser Scholle lassen die Forscher das Schiff festfrieren und driften mit ihr durch das Meer. 

Auf mosaic-expedition.org kann man den Verlauf des Schiffes verfolgen. Auf follow.mosaic-expedition.org findet man das Logbuch des Schiffes auch auf Deutsch.

Zur Person: David Wagner

David Wagner (31) wuchs in Söhrewald auf. Nach dem Abitur hat er Agrarwissenschaften in Gießen und im Anschluss Umweltmodellierung an der Universität Oldenburg studiert. Heute lebt er mit seiner Partnerin in Davos. Am WSL Institut für Schnee- und Lawinenforschung forscht er als Doktorand zum Einfluss extremer Umweltbedingungen auf die Schneedecke. In seiner Freizeit unternimmt er Schneewanderungen und Mountainbiketouren in den Bergen dieser Welt.

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