Anrufe von japanischen Reportern

Ein Stück Wellerode bei Olympia: Steffi Kusemann aus Söhrewald näht Outfits der Deutschen Turner

Handarbeit gefragt: Steffi Kusemann zeigt die Einzelteile eines Olympiaanzugs noch ohne Glitzersteine.
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Handarbeit gefragt: Steffi Kusemann zeigt die Einzelteile eines Olympiaanzugs noch ohne Glitzersteine.

Wenn die Deutschen Turner bei Olympia durch die Luft wirbeln, dann tut das immer auch ein Stück Söhrewald. Denn die Anzüge der Sportler sind echte nordhessische Handarbeit.

Söhrewald – Sie wurden von Steffi Kusemann in ihrem kleinen Studio in Wellerode gefertigt. In diesem Jahr ist das mediale Interesse besonders groß – sogar von japanischen Reportern hat Kusemann schon Anrufe erhalten. Die deutschen Turnerinnen tragen nämlich Bein – als einzige Olympionikinnen. Üblich sind Badeanzug-ähnliche Outfits. Die Sportlerinnen bekommen dafür viel Zuspruch.

Kusemann freut das: „Die Athletinnen sollen selbst entscheiden und tragen, worin sie sich wohlfühlen.“ Schon 2019 war Bundestrainerin Ulla Koch mit der Idee an sie herangetreten, einen Anzug mit Bein zu nähen. Für die 49-Jährige kein Problem: „Ich nähe solche auch für unseren Verein und wusste, das sitzt gut“. Kusemann ist Trainerin bei der TSG Wellerode.

Von der Idee bis zur Präsentation dauerte es dann noch eine Weile – auch, weil wegen Corona viele Wettkämpfe verlegt werden mussten. „Ich bin dann im September letzten Jahres mit meinen Köfferchen voller Stoffe und einem Probeanzug nach Frankfurt gefahren“, erklärt Kusemann. Der sei ausgiebig getestet worden. Bedenken, dass die Hände auf den bekleideten Beinen abrutschen oder die Bewegungsfreiheit eingeschränkt sein könnte, wurden dabei ausgeräumt, sagt sie.

Kim Bui im Mannschaftswettbewerb der Turnerinnen bei Olympia. Insgesamt hat jede Athletin vier unterschiedliche, in Söhrewald genähte, Anzüge im Gepäck. Darunter drei Modelle mit und eines ohne Bein.

Auch beim Design hatten die Athleten Mitspracherecht: „Sie wollten zum Beispiel gern einen Einsatz am Bein, damit man die Haut sieht“. Auch praktische Abwägungen spielen eine Rolle. „Wir haben zum Beispiel bei der EM in Basel gemerkt, dass die schwarzen Beine im dunklen Stadion schwer zu sehen sind.“ Beim Olympia-Einsatz wird im Mannschaftswettkampf daher rot getragen.

Dabei hat alles vor über 20 Jahren mit einem schwarzen Anzug angefangen. „Ein Traum aus Samt“, sagt sie und lacht. „Meine Tochter hat ihn geliebt.“ Der Anzug kam so gut an, dass immer mehr Vereine und Sportler bei ihr anfragten. Die Söhrewalderin konnte ihr Hobby zum Beruf machen und beschäftigt heute vier Mitarbeiter.

Hat Erfahrung: Schon 2016 fertigte Kusemann die Anzüge für die Deutschen Turner bei Olympia.

Ihre Anzüge sind inzwischen aufwendiger, bestehen aus vielen verschiedenen Lycra-Elementen und Glitzersteinen. Dafür ist Handarbeit gefragt: „Bei den 20 Anzügen der Frauen für Olympia habe ich alleine 30 Stunden für die Steine gebraucht“, sagt Kusemann. Das Fertigen der Leibchen für die Männer gehe da schon schneller, sagt sie. „Die wollen keinen Glitzer, nur möglichst große Adler.“

Schon 2016 hat Kusemann die Outfits der Deutschen Turner für Olympia gefertigt. Als Fabian Hambüchen Gold am Reck gewann, war die Freude groß. Schließlich stand so ein bisschen Nordhessen mit auf dem Podium. Auch in diesem Jahr könnte das noch passieren. Elisabeth Seitz und Lukas Dauser stehen im Finale am Barren.

Mit Turnoutfit ein Zeichen bei Olympia setzen

Das Thema Sportkleidung bei Frauen ist nach wie vor brisant: Zuletzt hatte die Europäische Handball-Föderation die norwegischen Beachhandballerinnen aufgrund des Tragens von längeren Sporthosen bei einem Wettkampf zu einer Geldstrafe verdonnert. Der Internationale Welt-Turnverband und der Deutsche Turner-Bund stellen Athletinnen dagegen frei, ob sie ihre Beine bedecken oder nicht.

Erstmals sind Sarah Voss, Elisabeth Seitz und Kim Bui während der Europameisterschaft im April mit dem langen Beinkleid aufgetreten. Seitz schrieb damals in den sozialen Medien, man wolle damit ein Zeichen setzen: „Das Zeichen gilt für alle Turnerinnen, die sich in normalen Anzügen unwohl oder gar sexualisiert fühlen. Denn unserer Meinung nach sollte jede Turnerin entscheiden können, in welcher Art von Anzug sie sich am wohlsten fühlt – und damit auch turnen.“  (Michaela Pflug)

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