Vernachlässigung, Krätze und Personen, die verwirrt durchs Dorf irren

Weitere Vorwürfe gegen das Seniorenheim Langeleben in Eiterhagen

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Dieses Heim im Söhrewalder Ortsteil Eiterhagen steht im Mittelpunkt der Vorwürfe. 

Vernachlässigung, Krätze und Senioren, die verwirrt durchs Dorf irren – die Vorwürfe, die nach einem HNA-Artikel gegenüber dem Seniorenheim Langeleben in Eiterhagen erhoben werden, wiegen schwer.

Das Regierungspräsidium Gießen als Aufsichtsbehörde gibt an, dass seit 2017 sieben Beschwerden eingegangen seien und es fünf Mal eine Überprüfung durch die Pflegeaufsicht im Heim gegeben habe. Hier einige der Vorwürfe:

Schwere Vorwürfe erhebt Heike Pohl. Ihr Vater war von Anfang Januar bis zu seinem Tod am 17. Februar im Heim untergebracht. Sie glaubt, dass die schlechte Pflege dort den Gesundheitszustand ihres Vaters stark verschlechterte und damit letztlich seinen Tod begünstigte. „Nach einem Aufenthalt im Krankenhaus aufgrund von Entzündungen an Blase und Beinen habe ich entschieden, dass mein Vater Ganztagsbetreuung braucht“, sagt Pohl, die selbst berufstätig ist. 

Es sei schwer gewesen, für den leicht dementen Mann kurz vor Weihnachten einen Platz zu finden. Umso glücklicher sei sie mit der Zusage der Eiterhagener Einrichtung gewesen. Mit der Zeit seien ihr allerdings immer mehr Missstände aufgefallen. Etwa, dass der Vater trotz ärztlicher Anordnung keine Stützstrümpfe mehr trug. „Dementsprechend waren seine Beine nach einigen Wochen wieder stark angeschwollen.“ „Der Katheter, den er sich selbst wohl gezogen hatte, wurde nicht wieder ersetzt“, erklärt die Kasselerin. Auch sei ihr aufgefallen, dass der Vater verschmutzte Kleidung trug und keine ausreichende Fußpflege erhielt. Immer wieder habe sie die Missstände angesprochen, sei aber vertröstet worden. „Mein Vater wurde auch immer ungehaltener und wollte weg, aber ich habe das leider nicht ernst genug genommen“, sagte Pohl. Schließlich sei Werner Pohl am 17. Februar mit 87 Jahren an einem Herzanfall gestorben.  Bis heute schulde das Heim ihr auch noch über 1000 Euro aus einer Vorauszahlung, die geleistet wurde.

Verwirrte Personen irrten über Nachbargrundstücke

Eine Anwohnerin wirft dem Heim vor, dass immer wieder unbeaufsichtigte, verwirrte Personen über Nachbargrundstücke und nahe Waldwege irren. „Es ist schon oft vorgekommen, dass Bewohner in Schlappen oder Nachthemd bei mir auf der Terrasse standen. Eine Dame saß letzten Sommer auf der Straße in der prallen Sonne. Ich sah sie nur zufällig.“ Als die Anwohnerin zum Heim kam, schienen die Pfleger das Fehlen der Frau noch nicht bemerkt zu haben. Ein anderes Mal habe sie abends eine Frau im Nachthemd gefunden, die nicht sprechen konnte. Obwohl sie beim Heim klopfte und klingelte, habe der einzige Pfleger im Haus ihr erst nach einem Anruf geöffnet. Die Polizei sagt auf HNA-Nachfrage, dass es keine auffällig hohe Zahl von Vermissten vor Ort oder im Vergleich zu anderen Gemeinschaftseinrichtungen gebe.

Stellungnahme vom Gesundheitsamt

Zum Gerücht, dass im Heim die Krätze umgeht, hat das Gesundheitsamt Stellung bezogen. „Es gab dort einen Vorfall im vergangenen Jahr, da ist das Gesundheitsamt tätig geworden“, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Das Heim habe nach Rücksprache mit dem Amt aber die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Das sei auch vom Gesundheitsamt kontrolliert worden. „Grundsätzlich kommt es in Gemeinschaftseinrichtungen immer wieder zu Krätzefällen. Das ist nicht ungewöhnlich“, sagt Kühlborn.“

Das sagt Inhaberin Monika Röttger

Monika Röttger, Trägerin der Seniorenheimat Langeleben, weist darauf hin, dass betagte Menschen oft erst ins Altersheim ziehen, wenn es keine Alternative mehr gibt und dies eine schwierige Situation für Bewohner und Angehörige ist. „Nicht selten werden dann an Pflegeheime Erwartungen gestellt, die die Heime so nicht erfüllen können. Zum Beispiel kommt es immer wieder vor, dass Familienangehörige Leistungen erwarten, die so weder ärztlich noch pflegerisch indiziert sind.“ So sei das auch im Fall von Frau Pohl gewesen. Sie habe das Tragen von Stützstrümpfen angemahnt, obwohl es vom behandelnden Hausarzt nicht angeordnet worden sei. Das Verlangen, der Vater solle dauerhaft einen Katheter tragen, habe dem Ansinnen des Arztes widersprochen, den Vater langsam vom Tragen zu entwöhnen. „Nach Einschätzung unserer Mitarbeiter konnte er sich bei uns gesundheitlich stabilisieren.“ 

Zu den Vorwürfen, dass Bewohner außerhalb des Heim unterwegs sind, sagt sie: „Wir sind eine offene Einrichtung. Das heißt, jeder Bewohner kann das Haus zu jedem Zeitpunkt verlassen.“ Seien Bewohner als „weglaufgefährdet“ bekannt, nutze das Heim ein „Megacom-System“, ein GPS-System, dass die Bewohner mit Einverständnis bei sich tragen und das zeige, wenn ein Bewohner das Haus verlasse. „Wir bedauern zutiefst, dass sich scheinbar bei einigen Familienangehörigen Unzufriedenheiten angestaut haben.“ Aufgrund dessen will das Heim ab sofort Familienkonferenzen einführen. 14 Tage nach dem Einzug eines neuen Bewohners sollen Bewohner, Familienangehörige, Pflegedienstleitung, Bezugspflegekraft und wenn erforderlich Hausarzt und Neurologe teilnehmen und gemeinsam über Erfahrungen und zukünftige Strategien beraten. Beschwerdeformulare sollen zukünftig nicht nur im Büro auf Nachfrage verfügbar sein, sondern im Foyer gut sichtbar ausliegen. 

Hinweis: Auch in der ersten Geschichte zum Thema taucht der Name Pohl auf. Bei den beiden Damen handelt es sich aber um unterschiedliche Personen. 

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