Halbzeit der wohl aufwendigsten Vorsitzenden-Kür

Suche nach dem SPD-Vorsitz: Heimspiel für Michael Roth bei Regionalkonferenz in Baunatal 

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Die elfte Vorstellungsrunde in dichter Folge: Die Kandidatenpaare der SPD vor fast 1000 Besuchern in der Baunataler Stadthalle (von links): Christina Kampmann und Michael Roth, Petra Köpping und Boris Pistorius, Hilde Mattheis und Dierk Hirschel, Nina Scheer und Karl Lauterbach, Norbert Walter-Borjans und (verdeckt) Saskia Esken, Gesine Schwan und Ralf Stegner sowie Klara Geywitz und Olaf Scholz. 

Die SPD soll keine Volkspartei mehr sein? Hier, an diesem Montagabend in der bis auf den letzten Platz besetzten Stadthalle der nordhessischen VW-Stadt Baunatal, ist alles anders.

An die tausend Genossen aus Nordhessen und Südniedersachsen sind gekommen, Stadtverordnete und Gemeinderäte sind unter ihnen, Bürgermeister, Studentenvertreter und Betriebsräte, Lehrer, Pflegerinnen, Rentner und Pensionäre.

Draußen demonstriert der Verein der Direktversicherungsgeschädigten, drinnen macht noch schnell die Kasseler Initiative Offen für Vielfalt auf sich aufmerksam. Und dann wärmt sich die Partei die Seele. Eine Partei auf der Suche nach sich selbst.

Halbzeit bei der Vorsitzenden-Kür der SPD

Es ist die Halbzeit der wohl aufwendigsten Vorsitzenden-Kür der deutschen Parteiengeschichte, die elfte von 23 Regionalkonferenzen. 14 Kandidaten in sieben Paaren sowie ein Einzelkandidat bewerben sich um den SPD-Vorsitz, verteilt auf vier Gesprächsrunden in über zwei Stunden. Das Los hat entschieden: Ralf Stegner und Gesine Schwan beginnen.

Der Mann aus Schleswig-Holstein, bekannt aus Talkshows, legendär für seine schlechte-Laune-Auftritte, knödelt in einem Tempo los, als ob es gälte, einen Schnellsprechwettbewerb auf norddeutsch zu gewinnen. Verstehen kann man nur die Hälfte: Partei der Gerechtigkeit, üble Rendite-Interessen, Aufhören mit den Waffen ins Kriegsgebiet, beim Kampf gegen Rechts immer in die erste Reihe, und wenn uns die Millionäre nicht wählen, ist das nicht so schlimm, die haben uns nämlich noch nie gewählt. Wirr ist die Rede, aber Stegner macht Laune, die Stimmung ist gut im Saal.

Jedes Kandidatenpaar hat elf Minuten Redezeit

Elf Minuten Redezeit hat jedes Kandidatenpaar, anders geht das nicht. Mit Stegners Partnerin Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und zweimal Kandidatin für das Bundespräsidentenamt, zieht Ruhe ein auf der Bühne, treten Argumente an die Seite von Schlagworten, Parolen und Witzchen.

In strikter zeitlicher Reihenfolge, überwacht von einer großen roten Digitaluhr, welche die Redezeiten in Sekunden misst, zeigen die Kandidaten fortan alle zusammen in einem breiten Bogen, was Gesine Schwan einfordert: In allen Politikfeldern sichtbar machen, was die Grundwerte der SPD sind, ob in der Sicherheits-, der Sozial-, oder der Europapolitik.

14 Kandidaten in vier Runden mit Fragen aus dem fast 1000-köpfigen Publikum in nur etwas über zwei Stunden: Das war organisatorisch und von der Moderation her eine Meisterleistung.

Brücken bauen wollen der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius und seine Co-Kandidatin, die sächsische Gleichstellungsministerin Petra Köpping. Brücken zwischen Jung und Alt, zwischen Stadt und Land, auch innerhalb der SPD, gerade auch hier unterbrochen von starkem Applaus.

Nach und nach, Frau für Frau, Mann für Mann, wird die Spannbreite der Persönlichkeiten und ihrer Themen sichtbar. Das Publikum geht leidenschaftlich mit. Das hier ist eine sozialdemokratische Krönungsmesse. Dann treten Christina Kampmann aus Nordrhein-Westfalen und Michael Roth* aus Bad Hersfeld auf. Für Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt, ist dies ein Heimspiel.

Warmer Applaus für das Team Roth/Kampmann

Sie (39) und er (49) sind die jüngsten Kandidaten. „Ich wurde in meinem Wahlkreis direkt in den Bundestag gewählt. Manche sagen, das liegt daran, dass es Bielefeld nicht gibt.“ Spaß muss sein. Das Ende der schwarzen Null aber auch, und zwar für Investitionen in den Klimaschutz, für gebührenfreie Kitas zum Beispiel.

Das sehen Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken genau so. Warum aber ein Staat wegen noch vieler sinnvoller Ausgaben mehr Geld ausgeben sollte, als er einnimmt, kann hier natürlich nicht vertieft werden.

Denn da wärmt schon wieder Michael Roth die nordhessische Seele. Stolze sechsmal wurde er direkt in den Bundestag gewählt. Leise beginnt er, erinnert an die unzähligen Stunden, Tage und Wochen, „die wir hier schon in der Stadthalle Baunatal gemeinsam verbracht haben“.

Unter Jubel des Publikums ruft Roth: „Wir haben schon genügend Ex-Vorsitzende, die uns immer wieder das Leben schwer machen.“ Er und Kampmann wollen dagegen „die frischen Gesichter einer SPD sein, die nicht ins Scheitern verliebt ist, sondern ins Gelingen, eine Partei, die zusammenhält in brandgefährlichen Zeiten“.

Soll die SPD raus aus der Großen Koalition mit der Union? Roth, der wie Olaf Scholz Kabinettsmitglied ist, sagt: „Raus ist ein Gefühl, keine Strategie.“ Die Frage verdecke die Probleme, welche die SPD sonst noch hat. Scholz argumentiert ruhig, teils unhörbar leise, aber stets sachlich, unaufgeregt.

Hier nur einer von vielen: Bundesfinanzminister Olaf Scholz.

Für den Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und seine Co-Kandidatin Nina Scheer ist der sofortige Austritt der SPD aus der Regierung demgegenüber eine politische Überlebensfrage.

Tarifverträge für alle, das fordern Hilde Mattheis und Dierk Hirschel. Höhere Renten und Löhne. Das ist nah bei der Parteilinken Saskia Esken. Sie fordert den Schulterschluss der SPD mit den Gewerkschaften, Solidarität mit Erzieherinnen, Paketboten und auch mit kleinen Solounternehmern.

Riesenapplaus im Stehen beendet diesen denkwürdigen Abend der SPD in Nordhessen.

So geht es weiter bei der Wahl für den SPD-Vorsitz

Die deutschlandweite Vorstellungstour der SPD-Kandidaten für den Parteivorsitz geht noch bis in den Oktober (siehe rechts). Dabei gilt: Alle bis zum 16. September aufgenommenen SPD-Mitglieder sind stimmberechtigt. Morgen, 19. September, endet die Anmeldefrist für die Onlineabstimmung. 

Die eigentliche Mitgliederbefragung über die Kandidaten findet online oder per Briefwahl vom 14. bis 25. Oktober statt. Am Samstag, 26. Oktober, wird das Abstimmungsergebnis veröffentlicht. Sollte dabei kein Bewerberpaar auf über 50 Prozent der Stimmen kommen, müssen sich die SPD-Mitglieder zwischen dem 19. und 29. November in einer Stichwahl zwischen den beiden bestplatzierten Paaren entscheiden. 

Gewählt wird die neue Parteispitze dann aber durch den SPD-Bundesparteitag vom 6. bis 8. Dezember. Überraschungen nicht ausgeschlossen.

Von Tibor Pézsa

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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