Öffnungszeiten mussten schon eingeschränkt werden

„Den Job will keiner mehr machen“: Personalnot in  Gastronomie im Kreis Kassel

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Haben ihr Stadtcafé in Vellmar nur tagsüber geöffnet und arbeiten meist selbst im Betrieb: Sonja und ihr Sohn Nils Frey beschäftigen zusätzlich noch eine Angestellte.

Gastronomiebetriebe in Stadt und Kreis Kassel leiden an Personalmangel. Einige mussten bereits ihre Angebote einschränken.

Obwohl die Kundschaft dafür da wäre, mussten die Öffnungszeiten eingeschränkt und für gewisse Zeiträume sogar der Betrieb geschlossen werden. Von der Personalnot sind inzwischen auch Gastronomen betroffen, deren Geschäfte gut laufen und die ihre Mitarbeiter nach oder sogar über Tarif bezahlen. Wie eine Recherche unserer Zeitung ergab, fehlt es vor allem Betrieben in weniger zentralen Kasseler Stadtteilen sowie in Städten und Gemeinden des Landkreises an Personal. 

Ein Beispiel: das Uhrtürmchen in Harleshausen. Alle Versuche, Personal über Anzeigen im Internet und Anfragen bei der Jobagentur zu finden, seien erfolglos geblieben, sagt Gastwirt Matthias Schelzig. Wegen der fatalen Personalsituation habe er bereits im Frühjahr einige Tage schließen müssen, auch über Ostern sei das Uhrtürmchen zwangsweise zu gewesen. 

Wenn überhaupt, finde man Personal nur durch Zufall. Das „Suche Mitarbeiter!“-Schild hängt bei ihm schon seit drei Jahren am Eingang. Ähnlich ist die Situation in der Gaststätte Wicke in Baunatal-Rengershausen. Wirt Thomas Icke musste aus Personalnot zwei Ruhetage einführen und sonntagabends schließen. Eigentlich vermietet er auch Fremdenzimmer. Doch dieses Geschäft liegt zurzeit komplett brach. Er finde einfach niemanden, der die Zimmer säubert, sagt er. 

Die Fulle-Marie in Fulda-brück ist vor einem Jahr noch regelmäßig von Gästen überrannt worden. Und genau das war das Problem. Inhaber Joachim Gries hat nicht genügend Servicekräfte gefunden, die die Scharen bedienen konnten. Die Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt habe da nicht geholfen. Sein Betrieb ist nun eine Event-Gaststätte und nicht mehr regelmäßig offen.

Gaststätte Wicke

Thomas Icke kennt die Gastronomiebranche wie seine Westentasche. Seit 30 Jahren ist er Betreiber der Gaststätte Wicke in Baunatal-Rengershausen. In dieser Zeit hat sich beim Thema Servicekräfte viel verändert, sagt er. „Die Situation ist ganz schlimm geworden. Den Job will keiner mehr machen.“

Icke kann das gar nicht nachvollziehen, denn: „Ich zahle ordentlich, und wenn man das Trinkgeld noch hinzurechnet, ist der Verdienst wirklich nicht schlecht.“ Der Wirt hat so massive Probleme, Personal zu finden, dass er mehrere Ruhetage einführen musste. „Mein Betrieb hat jetzt dienstags, mittwochs und sonntagabends geschlossen, weil ich einfach nicht genug Leute habe, um den täglichen Betrieb aufrecht zu erhalten“, sagt er.

Für die Gaststätte sei das natürlich wirtschaftlich schlecht. „Wenn der Betrieb nicht mein Eigentum wäre und ich auch noch Pacht bezahlen müsste, hätte ich den Laden schon dichtmachen können.“

Fulle-Marie

Diesen Schritt hat Joachim Gries, Betreiber der Fulle-Marie in Fuldabrück-Bergshausen, zum Teil schon hinter sich. Statt regelmäßiger Öffnungszeiten ist die Gaststätte an der Fulda nun nur noch für Events und für geschlossene Gesellschaften auf Bestellung geöffnet. „Das war die absolut richtige Entscheidung“, sagt Gries heute, nach einem Jahr mit neuem Konzept.

Hat das Konzept seiner Fulle-Marie in Bergshausen im vergangenen Jahr umgestellt: Joachim Gries sieht seinen Betrieb jetzt als Event-Lokal.

Ausschlaggebend für diese Veränderung war zum großen Teil der Personalmangel. „Unsere Gäste konnten nicht mehr in angemessener Weise bedient werden. Das hat sie und uns unzufrieden gemacht“, sagt er. Überhaupt Personal in der Gastronomie zu finden, sei ein großes Problem. „Und dann auch noch qualifiziertes – das ist fast unmöglich.“ Deshalb gehe der Trend in Zukunft wohl eher in Richtung Event-Gaststätten. „Wir Gastronomen in Fuldabrück sind untereinander gut vernetzt und tauschen uns aus – das ist bei uns immer wieder Thema.“

Er und auch Thomas Icke haben deshalb auch schon öfter mit der Arbeitsagentur zusammengearbeitet – ohne Erfolg. „Das hat überhaupt nichts gebracht“, sagt Icke. Einer, der vom Amt geschickt wurde, konnte kein Wort Deutsch. Das ist beim Bedienen der Gäste natürlich hinderlich. Eine andere Frau stellte sich zwar vor, sagte aber gleich dazu, dass sie eigentlich gar nicht arbeiten wolle – sie bekomme ja schließlich jeden Monat 850 Euro von der Arbeitsagentur.“ Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch Joachim Gries.

Sonjas Stadtcafé

In Sonjas Stadtcafé in Vellmar ist die Situation dagegen entspannt. „Wir haben nur tagsüber bis 18 Uhr geöffnet, für diese Zeit ist es natürlich einfacher, Personal zu finden. Abends und nachts wollen viele nicht arbeiten, da ist es viele schwieriger“, sagt Inhaberin Sonja Frey. 

Die Gastronomie sei aber auch ein hartes Pflaster, wo oft nicht gut mit den Angestellten umgegangen werde. „Ich kenne das selbst noch von früher, als ich im Service gearbeitet habe – teilweise ist man als Bedienung am Wochenende bis spät in die Nacht auf den Beinen und muss dann am nächsten Tag wieder um zehn Uhr wieder hinter der Theke stehen.“ Ein weiteres Manko sei der Umgang der Chefs mit ihren Angestellten.

Uhrtürmchen

„In erster Linie ist das Personalproblem der Mehrarbeit geschuldet“, sagt Matthias Schelzig, der seit 1997 das Uhrtürmchen (Steaks, Sport, Specials) in Harleshausen betreibt. Der Verzehr von Speisen sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Er habe fünf Aushilfen, finde aber leider trotz aller Bemühungen keine weiteren. Gern hätte er noch Unterstützung im Service und in der Küche.

Suchen weiterhin Personal für Küche und Theke: Matthias und Sandra Schelzig vom „Uhrtürmchen“ in Harleshausen.

80 Prozent seiner Gäste seien Stammkunden, berichtet Gastwirt „MAZinger“. Wenn es personell mal wieder richtig eng sei, müsse die Familie ran. Und er könne auch mal einen treuen Stammkunden anhauen, um eine Kiste Weizen aus dem Keller zu holen. Ob aber auch andere Gäste dafür Verständnis hätten, da ist sich Schelzig nicht so sicher. Zumal der Wirt selbst Wert auf einen guten Service legt. Das Dilemma: mehr Gäste, leider zu wenig Personal.

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