Viel Stein und Schotter in Gärten

Steingärten im Kreis Kassel: Lebensraum für Insekten wird immer kleiner

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Steine über Steine: Das Bild zeigt einen Vorgarten im Kreis Kassel.

Kreis Kassel. Die einen nennen sie Gärten des Grauens, die anderen finden sie schick und pflegeleicht: Die Rede ist von Steingärten, also Flächen, die gar nicht oder nur spärlich bepflanzt und mit Steinen und Schotter aufgefüllt sind.

Wenn man sich in den Orten umschaut, sind diese Anlagen vor allem in Neubaugebieten immer häufiger präsent.

Der Naturschutzbund (Nabu) schlägt deshalb Alarm: „Das macht Schule, und es wird immer schlimmer“, sagt Manfred Henkel vom Nabu Kaufungen-Lohfelden auf HNA-Anfrage. Das Problem an dieser Art der Gartengestaltung ist, dass sie keinen Lebensraum für Insekten bietet. Außerdem finden Vögel dort keine Nahrung. „Wenn dann zwischen den Steinen mal ein Buchsbaum gepflanzt wird, bringt das für die Insekten gar nichts“, sagt Henkel. „Sie können keinen Nutzen daraus ziehen.“

Er habe zwar Verständnis, dass zum Beispiel ältere oder berufstätige Menschen einen möglichst pflegeleichten Garten haben möchten, aber für die Natur und die Lebewesen sei diese Entwicklung fatal. „Heute werden Baumaterialien im Garten verwendet, die man früher nur vom Straßenbau kannte“, sagt Henkel.

Tore Florin, Geschäftsführer eines Garten- und Landschaftsbauunternehmens in Fuldatal, beobachtet ebenfalls den Trend zum Garten mit viel Kies und wenig Pflanzen. „Im Moment ist das modern. In den Neubaugebieten sieht man jetzt viel Stahl, Sichtbeton und eher quadratische Flächen. Ich bin mir sicher, dass wir die Kiesgärten aber auch irgendwann wieder abräumen, weil sich andere Trends entwickeln.“

Hier summt und brummt es: Bei Tore Florin im Garten gibt es zwar Steine, aber auch viel Grün und Buntes. Insekten fühlen sich dort wohl. In den Fugen zwischen den Steinen, die eine Gartenmauer bilden (kleines Bild, rechts), wächst Hauswurz. Die Pflanze ist bei Bienen beliebt. 

Dass Steingärten ohne Bepflanzung grundsätzlich weniger Arbeit machen, bestätigt er nicht: Der Kies werde im Laufe der Zeit schmutzig, Laub und andere Verunreinigungen blieben in den Lücken hängen. Und das ungeliebte Unkraut ließe sich trotzdem nicht verhindern. 

„Eine Kiesfläche ist nicht betoniert. Irgendwann kommt auch dort Unkraut durch – außer man verwendet chemische Mittel.“ Wer pflanzt, habe zwar am Anfang mehr Arbeit. „Der Pflegeaufwand ist erstmal etwas höher.“ Wenn sich die Pflanze aber etabliert habe, müsse man nicht mehr viel machen.

In Neubaugebieten häufiger zu finden: Ein Vorgarten, hier auch im Landkreis, der hauptsächlich aus Steinen besteht.

Florins Kunden spalten sich derzeit in zwei Lager, wie er sagt: „Die einen wollen gern viel Stein und Anthrazittöne, die anderen möchten ihren Garten mit den Mitteln, die wir hier haben, wie in Südfrankreich oder Spanien gestalten.“

Welche Variante die bessere ist, will Florin nicht bewerten. Aber: „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir nur einen Lebensraum haben, den wir alle, Tiere und Menschen, miteinander teilen“, sagt er. „Jedes Mal, wenn jemand einen Wintergarten baut oder in seinem Garten pflastert, ist diese Ecke als Lebensraum für Insekten und Vögel faktisch gestrichen.“

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