Tauziehen ums Grab unterm Baum

Streit um Ruhestätte: Familie kritisiert Praxis der Gemeinde Fuldatal

Kampf um die Wunschgrabstelle: Michael Schreiber besucht und pflegt mit seiner Mutter, die nicht aufs
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Kampf um die Wunschgrabstelle: Michael Schreiber besucht und pflegt mit seiner Mutter, die nicht aufs

Trauer ist nicht immer das dominierende Thema, nachdem ein Mensch verstorben ist. Auch um das Grab kann es Streit geben.

Fuldatal – Wer nicht frühzeitig für seine letzte Ruhestätte vorsorgt oder dies wegen eines plötzlichen Todesfalls nicht kann, verfängt sich leicht im Dickicht der Regeln. Zumindest, wenn er besondere Wünsche für die Beerdigung hat. Denn jede Gemeinde darf diese für die Bestattungen auf ihren Friedhöfen selbst aufstellen. Das ist die Erfahrung von Lindi Schreiber und ihrem Sohn aus dem Fuldataler Ortsteil Simmershausen. Seit Monaten liegt sie mit der Gemeinde über Kreuz und kritisiert vehement deren Friedhofsordnung. Es geht darum, ob man eine Urnengrabstelle unter einem Baum frei wählen kann und ob und wie viele man davon bei dieser Bestattungsform im Voraus „buchen“ kann.

Aber der Reihe nach: Anfang des Jahres verstarb Schreibers 66-jähriger Ehemann Jürgen „völlig unerwartet“, wie die Witwe berichtet. Vorkehrungen für die letzte Ruhe habe er nicht getroffen. Man entschied sich am Ende für ein Urnenbegräbnis unter einem Baum, welches auf dem alten Friedhof Simmershausen möglich ist. „Mein verstorbener Mann liebte die Natur, angelte gern und wollte unter einem Baum begraben werden“, sagt Lindi Schreiber. Sie entschied sich für eine Grabstelle am zweiten Urnenbaum. Ein sonnenbeschienenes Fleckchen, das sich in gerader Linie zu ihrer in Friedhofsnähe gelegenen Wohnung befindet. Das Nutzungsrecht an einer Grabstelle neben ihrem Mann wollte sie gleich miterwerben.

Fuldatal: Tauziehen ums Grab unterm Baum

Die zuständige Mitarbeiterin der Gemeinde – so ist es dem umfangreichen Schriftverkehr zu entnehmen – verwies zunächst darauf, dass am ersten Baum des aus fünf Bäumen bestehenden Grabensembles noch Grabstellen unbesetzt seien, die Plätze würden der Reihe nach vergeben. Was sie denn für Gründe habe, die betreffenden Grabstellen am zweiten Baum auszuwählen. „So etwas jemanden in Trauer zu fragen, ist makaber und pietätlos“, meint die Witwe. Sie verwies auf die Friedhofsordnung, wonach dem Wunsch nach einer Wahlgrabstelle nach Möglichkeit zu entsprechen ist.

Schreiber hatte schließlich einen kleinen Erfolg. Fuldatals – mit ihr nicht verwandter – Bürgermeister Karsten Schreiber, schaltete sich ein und bestätigte ihr schriftlich, dass sie die beiden Grabstellen für sich und ihren Mann am zweiten Baum bekommen könne. Allerdings hatte inzwischen der Sohn des Verstorbenen, Michael Schreiber, eine dritte Grabstelle neben seinen Eltern beantragt. Das lehnte der Verwaltungschef mit Hinweis auf die seit 2020 geltenden Friedhofssatzung ab. Diese beschränkt die Baumbestattung auf zwei Personen. Der Verwaltungschef verwies die Schreibers auf die Möglichkeit, auf dem Friedhof Bergstraße das Nutzungsrecht an einem Familienwahlurnengrab zu erwerben. Das lehnen die Schreibers ab und kritisieren vehement die Bestattungsordnung der Gemeinde. Diese sei „unwürdig“ und nicht nachvollziehbar. Schließlich komme es vor, dass Kinder vor ihren Eltern sterben und dann ein großes Bedürfnis bestehe, die Familie wenigstens in der letzten Ruhe vereint zu haben, argumentiert der Sohn.

Das sagt die Gemeinde Fuldatal

Die Gemeinde Fuldatal wehrt sich gegen die Kritik der Familie Schreiber. „Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Friedhofsverwaltung satzungskonform agiert hat. Alle möglichen Alternativen sind der Familie Schreiber angeboten worden. Außerdem hatte sogar die Bestatterin beim Erstgespräch mit den Angehörigen angeboten, die Bestattung am Baum im Friedwald durchführen zu lassen. Wir müssen bei allem Verständnis für die persönlichen und individuellen Wünsche aber auch die langfristige Entwicklung der Friedhöfe sehen“, heißt es in der Stellungnahme des Standesbeamten Patrick Gries.

Die Familie Schreiber habe explizit eine Sonderregelung beansprucht, die nicht von der Satzung abgedeckt sei, ergänzt der Bürgermeister. Die Satzung passe in 99,9 Prozent aller Fälle. „Wir können nicht jeden individuellen Wunsch regeln. Wir kommen an Grenzen, was individuell geht“, sagt der Verwaltungschef. Die Friedhofsverwaltung werde mehrmals im Jahr mit Sonderwünschen konfrontiert. Eine generationsübergreifende Reservierung von Grabstellen am Baum reduziere die Belegungsmöglichkeiten bei dieser Grabform stark. Den aktuellen Fall werde er nur deshalb der Friedhofsverwaltung vorlegen, damit diese allgemein die Satzung überprüft. Den von Michael Schreiber gewünschten weiteren Urnenplatz neben seinen Eltern werde die Gemeinde nicht freihalten. Denn eine Reservierung von Grabstellen sei bei der Bestattung am Baum nicht möglich. pdi

Streit um Ruhestätte in Fuldatal

Eine Beschwerde beim Landkreis blieb erfolglos. Damaliger Landrat Uwe Schmidt erklärte, der Fall gehöre allein in die Zuständigkeit der Gemeinde. Dennoch hat Fuldatals Verwaltungschef die Tür nicht ganz zugeschlagen: Er sagte den Schreibers zu, die Bestattungssatzung zu prüfen. Eine Satzungsänderung – wenn sie denn von der Gemeindevertretung beschlossen werde –könne aber frühestens im Frühjahr 2022 in Kraft treten. Lindi Schreiber befriedigt das nicht. So lange zu warten, sei nicht zumutbar. Vielleicht sei der Platz für ihren Sohn dann schon weg. Von Peter Dilling

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