Projekt „Fit For Clim“

Super-Eichen: Forscher suchen im Reinhardswald nach bestem Genmaterial

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Höhenkletterer und Baumpfleger Kay Busemann von der Freiburger Firma Baupflegeteam Busemann erklettert im Reinhardswald bei Holzhausen eine 30 Meter hohe Eiche, um Triebe mit gutem Erbmaterial zu ernten.

Um den Wald von morgen zu sichern, suchen Forscher aus Hann. Münden im Reinhardswald bei Holzhausen nach dem besten Genmatereial von Eichen.

Dem deutschen Wald geht es schlecht. Die Trockenheit im Sommer, Schädlinge wie der Borkenkäfer und extreme Wetterlagen wie das Orkantief Friederike setzen ihm zu. Da bildet der Reinhardswald keine Ausnahme. Um den Baumbestand zu sichern, hat die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) in Hann. Münden das Projekt „Fit For Clim“ (sinngemäß: gestärkt für den Klimawandel) ins Leben gerufen. 

Seit 2014 sichern die Wissenschaftler bundesweit Erbmaterial vitaler Bergahorne, Douglasien, Fichten, Lärchen, Kiefern und Eichen, um daraus Saatgut für den Wald von morgen zu gewinnen. Aktuell werden im Revier Holzhausen Triebe von besonders starken Eichen, im Fachjargon Plusbäume, geschnitten.

Im Wald

Was macht eigentlich einen guten Baum aus? „Er muss gerade und hoch wachsen, möglichst ohne Drehwuchs“, sagt Forstwissenschaftler André Hardtke. Auch der Durchmesser spielt eine Rolle. Schlecht sei Zwieselwuchs, also wenn sich der Baum in zwei große Teile aufgabelt. Hardtke koordiniert bei der NW-FVA bundesweit alle Aktivitäten rund um das Thema Eiche für das „Fit For Clim“-Projekt.

Das beste Erbmaterial der Eichen befindet sich in der Baumkrone. Um an die Triebe zu gelangen, hat die NW-FVA Spezialisten aus Freiburg angeheuert. Kay Busemann und Erika Luppi von der Baumpflegeschule Busemann sind nicht nur Baumexperten, sondern auch ausgebildete Höhenkletterer. Durch eine spezielle Seilzugtechnik können sie parallel an verschiedenen Bäumen arbeiten, klettern alleine hinauf und seilen sich alleine ab. In der Krone angekommen, bewerten sie die Qualität der Triebe. Geerntet werden nur die Zweige mit den kräftigsten Knospen. Knapp 30 Triebe schneiden Busemann und Luppi pro Baum. Dafür verbringen sie zwei bis drei Stunden in rund 30 Metern Höhe. Anschließend werden die Triebe etikettiert, damit sie in Hann. Münden den einzelnen Bäumen zugeordnet werden können. Dort beginnt die Arbeit von Hardtke und seinen Kollegen.

Im Labor

Bevor mithilfe der Triebe neue Super-Eichen gezüchtet werden können, haben sie noch einen langen Weg vor sich. Der erste Schritt ist die Veredelung. Durch spezielle Schnitttechniken werden die Triebe mit Eichenstämmen aus der Baumschule verpfropft. Ein Gummi fixiert die ineinandergesteckten Zweige, die anschließend mit Rebwachs konserviert und im benachbarten Gewächshaus als Versuchspflanzen (Pfropflinge) zur Anzucht eingepflanzt werden. „Statt generativ werden die Eichen vegetativ vermehrt“, sagt Hardtke. Es werden also Klone, Eins-zu-eins-Kopien der Mutterpflanze, erzeugt.

Im Gewächshaus der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Hann. Münden werden unter der Aufsicht von Forstwissenschaftler André Hardtke die Triebe der Eichen verpfropft. Aus ihrem Erbgut sollen resistente und starke Bäume entstehen.

Für alle Plusbäume wird ein genetischer Fingerabdruck erstellt. Zur Sicherung des genetischen Potenzials werden die Pfropflinge in Klonarchive gepflanzt, aus denen später Samenplantagen zusammengestellt werden. „Wichtig ist, dass Eichenplantagen nicht in der Nähe anderer Eichen angelegt werden, damit sich das gute Erbmaterial nicht mit dem schwächerer Bäume vermischt“, sagt Hardtke. So können sich die starken Bäume generativ vermehren. Es mischt sich also nur das Erbmaterial guter Eichen.

Das alles „nur“ für den Artenschutz? Natürlich nicht. „Der Wald hat auch eine Erholungsfunktion“, sagt Hardtke. Sprich: Er soll ein schöner Ort für Spaziergänge und Wanderungen sein. Vor allem aber hat das Holz einen Nutzwert – gerade das der Eiche, „dem Lieblingsbaum der Deutschen“. Aus ihr entstehen Möbel, Fußböden und für viele Menschen ein Zuhause. Beim Fachwerkhausbau wird traditionell auf Holz aus Stiel- und Traubeneiche gesetzt.

Das ist das "Fit For Clim"-Projekt

Die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt (NW-FVA) hat vier Standorte – drei in Göttingen und einen in Hann. Münden. In Münden sitzt die Abteilung für Waldgenressourcen. Von hier aus wird das 2014 gestartete bundesweite Projekt „Fit For Clim“ (sinngemäß: gestärkt für den Klimawandel) koordiniert. 

In dem Projekt werden deutschlandweit Plusbäume unter Berücksichtigung der lokal vorherrschenden Standortverhältnisse aus bestehenden Versuchen und Beständen ausgewählt. In Klonarchiven wird das genetische Potenzial der Plusbäume gesichert und in einem weiteren Schritt für die Etablierung von Samenplantagen genutzt. Ziel ist es, dem Klimawandel durch Forstpflanzenzüchtung mit der Bereitstellung von hochwertigem, leistungsstarkem und widerstandsfähigem Saat- und Pflanzgut zu begegnen. 

Finanziert wird das Projekt durch den Waldklimafonds und die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe des Bundes.

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