„Es geht nur mit Überstunden“

Corona in der Region Kassel: Terminvergabe und Impfstoffmangel belasten Hausarztpraxen

Elena Wegener zeigt ein Fläschchen des empfindlichen Impfstoffs von Biontech in der Hausarztpraxis in Fuldatal.
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Hier ist Vorsicht geboten: Elena Wegener zeigt ein Fläschchen des empfindlichen Impfstoffs von Biontech in der Hausarztpraxis in Fuldatal. Ein Fläschchen enthält sechs Impfdosen, die in wenigen Stunden verbraucht werden müssen. Auch das muss bei der Terminvergabe berücksichtigt werden.

Seit gut einer Woche ist die Impfpriorisierung aufgehoben. Die Hausarztpraxen stellt das vor eine große Herausforderung.

Kreis Kassel/Kassel – Dabei ist nicht unbedingt die Anzahl der Corona-Impfungen das Problem, heißt es auf Anfrage aus einigen Praxen im Altkreis und der Stadt Kassel. Schwierig ist es eher, die Termine zu koordinieren. Noch dazu fehlt eine verlässliche und langfristige Zusage von Impfdosen. Immer wieder müssten Termine verschoben oder abgesagt werden, weil die Arztpraxen nicht verlässlich planen könnten.

Das habe die Aufhebung der Impfpriorisierung noch verstärkt, zeigt auch eine Umfrage der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) .Auch die Erwartungen der Patienten haben sich laut der Befragung geändert. Das gab rund die Hälfte der befragten Arztpraxen an.

Weil sie am Telefon niemanden erreichen, stehen Patienten oft ohne Impftermin vor der Praxis von Dr. Gunter Lehmann in Fuldatal. „Es ist immer noch wild“, sagt der Arzt. Die Impfung an sich gehe zwar schnell, aber das Organisatorische „schluckt sehr viel Zeit“.

Terminvergabe und Impfstoffmangel belasten Hausarztpraxen: Telefonate dauern meist Stunden

Wenn am Donnerstag die Nachricht kommt, wie viele Impfdosen die Praxis für die nächste Woche bekommt, setzten seine Mitarbeiter sich ans Telefon und fragten Patienten von ihrer Warteliste ab. „Dann sagt der eine, er kann nicht, weil er auf Mallorca ist und will lieber einen anderen Termin“, sagt Lehmann.

Es komme vor, dass von fünf Angerufenen nur einer erreichbar sei. Dass die Priorisierung wegfällt, findet Lehmann aber grundsätzlich gut, so kann er Patienten in der Praxis direkt ansprechen.

Trotzdem telefonierten er und seine Tochter Raphaela Lehmann, die auch in der Praxis als Ärztin arbeitet, nicht selten sonntags oder in der Freizeit stundenlang, um Termine zu vergeben. Auch seine Mitarbeiter, die gerade die wichtigste Arbeit leisteten, kämen früher und gingen spät. „Es geht nur mit Überstunden.“ Unfreundlich oder ungeduldig seien aber die wenigsten Patienten. „Viele sind dankbar, wenn wir sie impfen“, sagt auch Mitarbeiterin Elena Wegener.

Terminvergabe und Impfstoffmangel belasten Hausarztpraxen: „Die Massen sind nicht das Problem“

Von weniger geduldigen Patienten berichtet Dr. Peter Fleischmann, der seine Praxis in Niederzwehren hat. Er sagt, gerade Menschen in einer Prioritätsgruppe drängelten. Patienten, die ihren Impftermin verschieben wollten, verstünden oft nicht, dass die Praxis für eine Impfdosis gleich sechs Patienten finden müsse. „Es sind ja keine Einzelspritzen.“

Bei der Grippe-Impfung sei das einfacher. „Da sind die Spritzen einzeln aufgezogen“, sagt die Fuldataler Ärztin Dr. Raphaela Lehmann. Um nicht Impfdosen-Reste gegen das Coronavirus verfallen zu lassen, hatten Mitarbeiter der Praxis von Dr. Lehmann in Fuldatal schon Passanten auf der Straße angesprochen, ob sie sich spontan impfen lassen wollten – mit Erfolg.

Dass Praxen nicht drei oder vier Wochen im Voraus planen können, beschreiben viele als das Hauptproblem. Das bleibe auch die größte Herausforderung, wenn im September die Impfzentren schließen. „Die Massen sind nicht das Problem“, sagt Dr. Fleischmann aus Kassel. „Das kriegen wir hin.“

Terminvergabe und Impfstoffmangel belasten Hausarztpraxen: Planungssicherheit ist das Ziel

Laut Dr. Christine Frankman gibt es momentan sowieso zu wenig Impfstoff für Impfzentren, Betriebsärzte und Hausarztpraxen zusammen. In ihrer Fuldabrücker Gemeinschaftspraxis seien noch nicht mal alle Patienten der Priorisierungsstufe 3 geimpft. Um die Terminvergabe zu meistern, hat sie Personal aufgestockt. Noch dazu werden sich zukünftig auch Erstimpfungen und Auffrischungen überschneiden, sagt Dr. Christine Frankman. Es gehe also umso mehr darum, Planungssicherheit beim Impfstoff zu haben. (Valerie Schaub)

Umfrage unter Arztpraxen

Schon vor der Aufhebung der Impfpriorisierung am 7. Juni sei die Situation in den hessischen Arztpraxen aufgrund des fehlenden Impfstoffs herausfordernd gewesen, teilt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen mit. Unter 625 Praxen hat sie ein Stimmungsbild eingefangen, laut dem 27 Prozent die Situation als katastrophal einschätzen. 22 Prozent gaben demnach an, dass die Impfungen gut zu händeln seien. 51 Prozent hingegen sehen kaum Veränderungen nach der Aufhebung der Impfpriorisierung. Nur 16 Prozent gaben an, dass Patienten bei längeren Wartezeiten verständnisvoll seien. (vsa)

Aktuelle Infos zur Corona-Lage in der Region Kassel gibt es in unserem News-Ticker.

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