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Therapiebedarf steigt weiter im Landkreis Kassel

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Von: Moritz Gorny

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Viele Menschen kommen auf wenige Therapieplätze. Das ist auch der Eindruck des Teams in der psychotherapeutischen Praxis Kassel Lohfelden in Lohfelden-Crumbach. Zu sehen sind Helmut Lottes (von links), Kamila Siodlaczek, Pia Hornacek und Anne Müller-Lottes.
Viele Menschen kommen auf wenige Therapieplätze. Das ist auch der Eindruck des Teams in der psychotherapeutischen Praxis Kassel Lohfelden in Lohfelden-Crumbach. Zu sehen sind Helmut Lottes (von links), Kamila Siodlaczek, Pia Hornacek und Anne Müller-Lottes. © Moritz Gorny

Mehr als zwei Jahre Pandemie sind an vielen nicht spurlos vorbei gegangen. Manchem hat der Ausnahmezustand den Boden unter den Füßen weggerissen. Wie Therapeuten aus der Region die Situation erleben.

Kreis Kassel – Psychische Erkrankungen waren lange ein Tabu, werden aber in der Corona-Pandemie zunehmend offener diskutiert. In Fragen und Antworten schauen wir darauf, was Therapeuten erleben.

Welche Krankheiten sind seit Pandemiebeginn häufig aufgetreten?

Laut Dr. Reiner Holzbach haben die Pandemieauswirkungen schon bestehende psychische Erkrankungen noch verschlimmert. In manchen Fällen haben Lockdowns, Isolation und Sorgen auch zum Entstehen der Krankheiten beigetragen, sagt der Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bad Emstal sowie der Ambulanz und Tagesklinik in Melsungen. An diesen Standorten, aber auch in den Kliniken in Kassel und Hofgeismar sind Holzbach zufolge unter anderem Angsterkrankungen diagnostiziert worden. Das bestätigt auch der Wolfhager Kinder- und Jugendpsychologe Jochen Krämer.

Holzbach nennt das Beispiel, dass Menschen aus Angst, zu erkranken, eine Hypochondrie entwickelten. Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen (Alkohol, Drogen) konsumierten mehr als zuvor. Die Zahl depressiver Erkrankungen habe sich ebenfalls erhöht.

Haben sich die Lockdowns ab März und Dezember 2020 dabei besonders ausgewirkt?

Ja, sagt Holzbach. Viele Patienten hätten Kliniken und Behandlungsorte gemieden – aus Angst, sich anzustecken. So nahm die Zahl der Therapien ab, die Krankheiten blieben unbehandelt. Daraufhin kamen allerdings viel mehr schwer psychisch Erkrankte.

Gibt es eine Altersgruppe, die besonders von psychischen Erkrankungen betroffen ist?

Nein, grundsätzlich hat die Pandemie alle Altersgruppen mitgenommen, sagt der Lohfeldener Psychotherapeut Helmut Lottes. „Es wirkt sich nur unterschiedlich aus, je nachdem, in welcher Situation man sich befindet.“ Ältere Menschen mit starken sozialen Kontakten hätten beispielsweise teils Depressionen entwickelt. „Auslöser waren dann oft Isolation gepaart mit Zukunftsängsten“, sagt Lottes.

Der Wolfhager Kinder- und Jugendpsychologe Jochen Krämer verweist auf die Studie des „DAK-Psychreports“ aus 2021. Demnach sind Frauen im Gesundheitssystem besonders betroffen. „Da hängen natürlich auch Familien mit Kindern dran.“

Wie ist die Situation, gerade jetzt, wo die Pandemie etwas abzuebben scheint?

Es wird besser, sagt Krämer. Mittlerweile sei wieder ein normaleres Leben möglich. „Das trägt sicher zur generellen Entlastung bei“, so der Wolfhager. Überrascht ist er, dass viele seiner neuen Patienten den „Hauptteil der Krisenbewältigung selbstständig und mit familiärer Unterstützung gut geschafft haben“.

Ist das Problem also behoben?

Nein, und die Aufgabe ist groß, sagt Krämer. Er bezieht sich erneut auf die Studie des DAK-Psychreports aus dem vergangenen Jahr. Darin stehen Daten von über 2,4 Millionen Erwerbstätigen, die gesetzlich versichert sind. So hätten Angststörungen, Depressionen und Belastungsreaktionen deutlich zugenommen – und ebenfalls damit verbundene Fehltage. Lottes aus Lohfelden stimmt ihm darin zu, dass noch einiges an Arbeit auf die Therapeuten zukommt. „Es gibt Menschen, die kommen aus dem Rückzug und ihrem Tief kaum raus.“

Also wird auch vermehrt Therapie benötigt. Wie sieht es mit Wartelisten und Therapieplätzen aus?

Beim Thema Wartelisten lassen sich zumindest Holzbach und Krämer nicht in die Karten gucken. Holzbach sagt aber unumwunden: „Psychisch erkrankte Menschen bekommen oft schwerer einen Therapieplatz in Kliniken.“ Das liege vor allem an den Hygienevorschriften. Erkrankt ein Patient in einer somatischen oder psychiatrischen Klinik an Covid, kann eine ganze Station geschlossen werden. Obendrein gibt es pandemiebedingt weniger stationäre Behandlungsplätze, sagt Holzbach.

Auch Krämer hält sich bei der Frage nach einer Warteliste bedeckt. Aber einen „Eindruck“ hat er: „Es ist jetzt noch schwerer für Menschen, einen Therapieplatz zu bekommen, als vor der Pandemie.“ Lottes ist hingegen offen. „Ich mache den Job schon lange und es gab immer eine Warteliste.“ Mittlerweile müssten Erkrankte bis zu einem Jahr warten. Lottes hält das Therapieangebot für zu begrenzt. Allerdings bewege sich die Politik seit Jahren nicht dahin, mehr Plätze zu schaffen. „Aber gerade jetzt besteht Bedarf.“

Lockdowns und Ungewissheit hinterlassen Spuren. Wie wird das die Gesellschaft beeinflussen?

Das kann keiner mit Gewissheit sagen. Krämer nennt die Corona-Pandemie aber ein „generationsübergreifendes, prägendes Ereignis“. Für Holzbach steht fest, dass künftig zahlreiche Studien verfasst werden müssen, um das Thema aufzuarbeiten.

Von Moritz Gorny

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