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Nie war ein Sommer so trocken: Hohe Defizite bei der Neubildung von Grundwasser

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Von: Boris Naumann

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Auch die Gewässer wiesen im Sommer 2022 niedrige bis sehr niedrige Wasserstände auf. Im August flossen im Mittel sogar nur noch ein Drittel der sonst üblichen Wassermengen durch Flüsse und Bäche – was auch am Edersee für niedrige Pegel sorgte. Das Bild entstand am 22. August.
Auch die Gewässer wiesen im Sommer 2022 niedrige bis sehr niedrige Wasserstände auf. Im August flossen im Mittel sogar nur noch ein Drittel der sonst üblichen Wassermengen durch Flüsse und Bäche – was auch am Edersee für niedrige Pegel sorgte. Das Bild entstand am 22. August. © Andreas Fischer/Skypic

Der Sommer 2022 war der trockenste seit Beginn der Wetterbeobachtung in Hessen. Folgen ergeben sich dadurch vor allem für die Neubildung von Trink- und Grundwasser.

Kreis Kassel – Trüb und nass ist’s draußen – und das schon seit Tagen. Macht der Klimawandel Verschnaufpause? Man braucht nur im Garten ein Loch zu graben, um zu sehen, dass die Trockenheit des Sommers noch immer tief im Boden steckt. Zwar sind die ersten 30 bis 40 Zentimeter inzwischen wieder ganz gut durchfeuchtet. Doch weiter tiefer bröselt die Erde teilweise noch wie Sand zwischen den Fingern weg.

Kein gutes Zeichen – weder für die Pflanzen noch für die Neubildung von Grund-, und damit auch von Trinkwasser. Aber es gibt eine Chance: Ein sehr nasser Winter könnte jetzt die Defizite des Sommers verringern. Dessen ist sich Dieter Kämmerer, Dezernatsleiter beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie, sicher.

Zu wenig Regen im Jahr 2022: Boden ist ausgetrocknet

„Tatsächlich war der Sommer 2022 in Hessen mit den drei Monaten Juni, Juli und August der trockenste seit Beobachtungsbeginn – und der zweitwärmste nach 2003“, sagt Kämmerer. „Ein denkwürdiger Rekord.“

Aber auch mit Blick auf den gesamten Jahreszeitraum reiht sich 2022 nahtlos in die Folge der bereits sehr trockenen Jahre 2018, 2019 und 2020 ein. „Das bisher trockenste Jahr in Hessen in diesem Jahrhundert war das Jahr 2018“, sagt Jürgen Schmidt, Geschäftsführer der Online-Plattform Wetterkontor. Mit seinen Niederschlagswerten liegt das Jahr 2022 nur knapp darüber – auch in der Region um Kassel (siehe Kasten).

Tatsächlich ist vor allem der ausgetrocknete Boden ein Riesenproblem. „Die von Mai bis August andauernde Trockenheit hat überall in Hessen zu deutlich sinkenden Grundwasserständen geführt“, erläutert Kämmerer.

Grundwasserstände auf niedrigen Höhen: Defizit kann nicht so einfach ausgeglichen werden

Vor allem in Nordhessen bewegten sich die Grundwasserstände überwiegend auf sehr niedrigen und unterdurchschnittlichen Höhen. Zwar hatten vor allem die ergiebigen Niederschläge im September für eine erste Entspannung gesorgt. „Dennoch können wir für das Grundwasser noch längst nicht von einer nachhaltigen Erholung sprechen.“

Um das Defizit auch der letzten Jahre im Grundwasser vollständig auszugleichen, reichten die Niederschläge einiger Wochen oder Monate nicht aus. „Es sind vermutlich zwei oder mehrere neubildungsreiche Nassjahre in Folge erforderlich“, sagt Kämmerer. Wenigstes könnte jetzt ein sehr nasser Winter das bestehende Defizit schon einmal verringern.

Hoffnung darauf macht aktuell die langsame Durchfeuchtung des Bodens auch in Tiefen jenseits der 40-Zentimeter-Marke. Denn erst wenn auch diese Schichten hinreichend vorgesättigt sind, wird Niederschlagswasser weiter nach unten durchsickern können, was wiederum elementar für die Neubildung von Grund- und damit auch für Trinkwasser ist. „Der Winter ist dafür ideal, weil die Pflanzen dann nicht schon vorher alles aus dem Boden ziehen.“

Boden muss viel Wasser aufnehmen: Kurze Regenfälle reichen nicht

Man müsse sich den Boden wie einen Schwamm vorstellen, der zunächst sehr viel Wasser aufnehmen muss, ehe es dann nach unten hin heraustropft, schildert Kämmerer. Letztlich sorgen erst diese nach unten hin austretenden Tropfen dafür, den für Grund- und Trinkwasser so wichtigen Bodenwasserspeicher wieder aufzufüllen.

Genau das sei in den vergangenen Jahren nur noch defizitär passiert. Werden unter normalen Niederschlagsverhältnissen pro Jahr in Hessen 2,13 Milliarden Kubikmeter Grundwasser neu gebildet, waren es 2018 nur noch rund 49 Prozent dieser Menge gewesen – also weniger als 1,04 Milliarden Kubikmeter.

Gleichzeitig werden aber in Hessen jedes Jahr rund 0,41 Milliarden Kubikmeter Grundwasser – zum Beispiel für Trinkwasser – entnommen. Mit anderen Worten: Zwar verbrauchen die Menschen in Hessen immer noch weniger Wasser, als von oben nachkommt.

Trockene Sommer werden Normalität

Doch hat sich das Verhältnis von neu gewonnener zu verbrauchter Wassermenge deutlich in Richtung Nullsummenspiel verschoben. Denn inzwischen vermag das Wetter nur noch etwas mehr als die doppelte Menge an Wasser neu zur Verfügung zu stellen, die jedes Jahr verbraucht wird. Noch vor wenigen Jahren war dies die fünffache Menge gewesen.

Kämmerer: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass solche trockenen Phasen im Zuge des Klimawandels häufiger werden. Mitte des Jahrhunderts wird 2022 ein normaler Sommer sein – wenn wir nicht endlich konsequent Klimaschutz betreiben.“

Trockene Böden: Versorgung mit Trinkwasser bleibt weiter sicher

Trotz stark sinkender Grundwasserneubildung wird auch mittelfristig die Trinkwasserversorgung in der Region rund um Kassel gesichert sein. Grund dafür ist, dass vielerorts Trinkwasser zu einem sehr großen Anteil aus Tiefenbrunnen gewonnen wird. Tiefenbrunnen greifen auf riesige Grundwasserspeicher in 150 bis 400 Metern Tiefe zurück und reagieren deshalb nicht sofort, sondern eher langfristig und mit großem Zeitverzug auf aktuelle Niederschlagsereignisse.

Allein bei sogenannten Quellfassungen, die oberflächennahes Trinkwasser fördern, kann es bei länger anhaltender Trockenheit zu Rückgängen oder sogar zum Trockenfallen einer Quelle kommen. Das passiert auch – allerdings bislang in nur geringem Umfang. Daraus resultierende Defizite können stets durch höhere Fördermengen aus Tiefenbrunnen aufgefangen werden. Alle Kommunen, die Quellfassungen betreiben – so auch Kassel und Vellmar, Kaufungen und Wolfhagen – machen das so.

Einhelliger Tenor: Zwar wurden auch 2022 leichte Förderrückgänge an Quellfassungen beobachtet. Ein Versiegen einzelner Quellen sei allerdings nicht absehbar. Was dennoch bleibt, ist die weiter sinkende Neubildung von Grundwasser. Hydrologogen wie Stefan Steinmetz aus Niestetal warnen daher schon seit Jahren davor, dass künftig weniger Wasser aus Quellfassungen zur Verfügung stehen wird. (Boris Naumann)

Auch rund um Kassel ein extremer Sommer

Wie in ganz Hessen war der Sommer 2022 auch in der Region Kassel sehr trocken. So waren an der Wetterstation in Schauenburg-Elgershausen in den Monaten Juni, Juli und August nur 63 Liter pro Quadratmeter gefallen, „was nur 46 Prozent der Menge entspricht, die gewöhnlich in diesen drei Sommermonaten anfällt“, sagt Jürgen Schmidt, Geschäftsführer der Online-Plattform Wetterkontor.

Insgesamt waren bis Ende Dezember 542 Liter Niederschlag pro Quadratmeter in Schauenburg-Elgershausen gemessen worden. Dagegen war das Jahr 2021 zwischen Habichtswald im Norden und Langenberg im Süden mit 692 Litern Niederschlag noch recht feucht, aber immer noch unterdurchschnittlich. Im Jahr 2020 fielen genau 578 Liter Niederschlag, im Jahr 2019 waren es 755 Liter und im Jahr 2018 sogar nur 458 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Mit anderen Worten: In Sachen Trockenheit liegt 2022 gleich hinter dem bislang trockensten Jahr 2018.

Das letzte überdurchschnittlich feuchte Jahr in Schauenburg war das Jahr 2017 mit 806 Litern Niederschlag pro Quadratmeter. Der durchschnittliche Jahreswert in Hessen beträgt im 60-Jahre-Mittel 786 Liter pro Quadratmeter.

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