„Wir brauchen mehr Niederschläge“

Trockenheit hat dem Wald im vergangenen Jahr erneut stark zugesetzt

Freiflächen und Holzstämme: Dieses Bild ist derzeit keine Seltenheit in den Wäldern der Region. Das Foto entstand bei Ippinghausen, im Vordergrund sind die Stämme von Fichten zu sehen.
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Freiflächen und Holzstämme: Dieses Bild ist derzeit keine Seltenheit in den Wäldern der Region. Das Foto entstand bei Ippinghausen, im Vordergrund sind die Stämme von Fichten zu sehen.

Der Zustand von Hessens Wäldern hat sich nach Einschätzung von Förstern 2020 noch einmal verschlechtert.

Kreis Kassel - Es sei erneut zu warm und zu trocken gewesen, sagte eine Sprecherin von Hessen Forst. Dem Wald gehe es so schlecht wie nie zuvor. Wir haben bei den Forstämtern, die für den Landkreis Kassel zuständig sind, nachgefragt, wie die Situation vor Ort aussieht:

Wald im Norden

„Auch im Reinhardswald ist der Waldzustand so schlecht wie nie“, berichtet Klemens Kahle vom Forstamt Reinhardshagen. Gerade in den tieferen Bodenschichten fehle das Wasser. Das sorge bei den Nadelhölzern dafür, dass sie anfällig für Borkenkäferbefall werden und beim Laubholz für Laubverluste.

Insgesamt seien mittlerweile über 3000 Hektar baumlose Kahlflächen durch Orkan Friederike 2018 und die Folgen des Borkenkäfers entstanden. Hinzu kämen rund 1000 Hektar durch Borkenkäferbefall abgestorbene, aber noch stehende Nadelholzbestände. „Das sind zusammen fast 20 Prozent der Staatswaldfläche im Forstamt“, berichtet Kahle.

Wald im Westen

„Die Wasserversorgung der älteren Bäume ist seit 2018 katastrophal schlecht“, berichtet Uwe Zindel vom Forstamt Wolfhagen. Dessen Bezirk ist durch Laubbäume geprägt – sie machen etwa 70 Prozent der Wälder aus. In der durchwurzelten Bodenschicht herrsche ab etwa 30 Zentimetern Tiefe nach wie vor Trockenheit. „Gerade die älteren Bäume mussten ihren Stoffwechsel in den drei vergangenen Vegetationszeiten massiv zurückfahren“, erläutert Zindel. Das betreffe die Buche und die Fichte als häufigste Arten in der Region aber besonders hart.

An der Anteilsfläche der Fichte gebe es bislang etwa 50 Prozent Verlust – das entspreche rund 12 Prozent der Waldfläche im Forstamtsbezirk. Bei den Buchen sei zusammengerechnet bislang von knapp 15 Prozent Flächenschäden auszugehen.

Wald im Süden

Der Zustand der Waldflächen im Bereich Eiterhagen/Wellerode/Fahrenbach hat sich mit Orkan Friederike 2018 und den Folgestürmen, der Trockenheit und dem Borkenkäferproblem massiv verschlechtert, wie Steffen Wildmann vom Forstamt Melsungen berichtet. Bei der Fichte und teilweise auch bei der Lärche sei ein großer Flächen- und Vorratsverlust zu verzeichnen. Auch der Zustand der Laubbäume, insbesondere der älteren Buchen, sei besorgniserregend.

Bedingt durch Trockenheit, Hitze, Mäuse- und Rüsselkäferfraßschäden seien teils erhebliche Ausfälle festzustellen. Laut Wildmann sind seit 2018 rund zwei Drittel der Fichtenbestände verloren gegangen und derzeit wohl etwa 30 Prozent der Buchenaltbestände geschädigt. Die restlichen Fichten seien vor allem durch Windwurf, Trockenheit und Borkenkäferbefall weiter stark gefährdet.

Wald im Osten

Die Fichte ist durch die Trockenheit seit 2018 stark gestresst und konnte den Befall durch den Borkenkäfer vielfach nicht abwehren, berichtet Jan Brandes vom Forstamt Hessisch Lichtenau. Seit dem vergangenen Herbst habe ein Teil der Borkenkäfer unter der Rinde stehender Bäume überwintert. „Diese Bäume haben wir gezielt gefällt“, berichtet Brandes.

Borkenkäfer überwinterten jedoch auch im Waldboden, deshalb gehe man ab April – wenn es wärmer wird – wieder von einer Gefährdung der Fichten aus. Im Kaufunger Wald seien seit 2018 etwa zehn Prozent der Waldbestände abgestorben, davon rund ein Drittel im Jahr 2020. Auch andere Baumarten haben laut Brandes stärker mit einem Befall durch Pilze und Insekten zu kämpfen, etwa die Buche. Wenn sie abgestorben ist, sei das Reisig oder der Stamm meist so morsch, dass es gefährlich für Waldbesucher werden kann. Das erhöhe zudem den Kontrollaufwand für die Forstamtsmitarbeiter.

Ausblick: Das ist für den Wald 2021 wichtig

Sollte es 2021 zu wenig Niederschlag geben, verschärfe sich der Trockenstress der Bäume weiterhin, und die Schäden würden zunehmen – diese Befürchtungen bestehen bei allen Forstämtern. „Wir brauchen in unserer Region mehr Niederschläge, die auch die tieferen Bodenschichten erreicht“, resümiert Kahle. Dem schließt sich Brandes an: Die Poren im Waldboden seien im Herbst und Winter noch nicht bis zu den Wurzelspitzen der meisten Bäume wieder mit Wasser aufgefüllt worden. (Lara Thiele)

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