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Feuerwehr erhält Beschwerden über zu lautes Martinshorn

Thorsten Vogler von der Feuerwehr Vellmar mit Einsatzwagen.
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Muss immer wieder mit Beschwerden rechnen, wenn die Feuerwehr mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs ist: Thorsten Vogler von der Feuerwehr Vellmar.

Im Ernstfall fährt die Feuerwehr Vellmar mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatz. Dann heißt es: Leben retten. Doch viele Anwohner fühlen sich vom Lärm des Horns gestört – und drohen.

Vellmar – Wenn die Feuerwehr Vellmar die Wache mit Blaulicht und Martinshorn verlässt, dann ist höchste Eile geboten – denn dann geht es oft um Leben und Tod. Doch nicht alle Menschen zeigen Verständnis, wenn die ehrenamtlichen Feuerwehrmänner mit Warnsignalen zum Einsatzort fahren. Besonders vom lauten Tatütata, das aus den Hörnern dröhnt, fühlen sich viele Anwohner gestört – so sehr, dass den Rettungskräften sogar schon mit einer Anzeige gedroht wurde.

Thorsten Vogler, stellvertretender Stadtbrandinspektor bei der Feuerwehr in Vellmar, erhält immer wieder Beschwerden, dass das Martinshorn an den Einsatzfahrzeugen zu viel Lärm verursacht: „Die Nachrichten, die wir zu diesem Thema bekommen, sind nicht immer nett“, sagt er. Meist melden sich die genervten Anwohner per Mail oder schreiben anonym über die sozialen Netzwerke. Vogler solle sich mit seinen Kameraden bei einem Einsatz an die vorgeschriebene Geschwindigkeit halten und die Sirene leiser stellen, dann sei allen geholfen, heißt es unter anderem in einer Mitteilung.

Martinshorn der Feuerwehr ist zu laut: Ehrenamtliche Rettungskräfte werden auch beleidigt

Auch Beleidigungen sind keine Seltenheit. „Blöde Feuerwehrmänner ist da noch harmlos“, sagt Vogler, dem auch schon mit der Polizei gedroht wurde. „Das ist so absurd. Ich verstehe nicht, was in solchen Menschen vorgeht. Wir machen das Martinshorn und das Blaulicht ja nicht zum Spaß an, sondern nur dann, wenn es um die Sicherheit unserer Bürger geht“, erklärt der erfahrene Feuerwehrmann.

Mathias Schaub, ebenfalls bei der Feuerwehr Vellmar aktiv, pflichtet seinem Kollegen bei: „Ich finde es unmöglich. Jeder denkt nur noch an sich. Die Personen, die sich jetzt beschweren, können genauso in eine Notsituation geraten.“

Muss die Feuerwehr in der Nacht wirklich mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatz fahren?

Vor allem nach nächtlichen Einsätzen gehen bei den Rettungskräften regelmäßig Beschwerden ein. Blaulicht und Martinshorn um drei Uhr nachts – muss das wirklich sein? „Ja, das muss sein“, sagen die Feuerwehrleute aus Vellmar. Die Gesetzeslage sei eindeutig.

Um das Sonder- und Wegerecht in Anspruch zu nehmen, müssten laut Straßenverkehrsordnung Blaulicht und Martinshorn aktiviert sein, um andere auf und neben der Straße rechtzeitig zu warnen. „Wenn der Fahrer das Feuerwehrauto ohne akustische Warnung steuert, dann wird er dafür zur Verantwortung gezogen und kann im Zweifel vor Gericht stehen“, erklären Vogler und Schaub. Natürlich sei es nicht schön, um drei Uhr nachts von der Feuerwehr geweckt zu werden, nichtsdestotrotz wiege der Sicherheitsaspekt immer mehr als die nächtliche Ruhestörung, sagt der stellvertretende Stadtbrandinspektor.

Martinshorn der Feuerwehr ist zu laut: Alarm hat auch psychologischen Aspekt

Allerdings: Bei kleinen Hilfeleistungseinsätzen, beispielsweise einem gefluteten Keller oder einer Ölspur, fahre die Feuerwehr ohne Martinshorn, denn dann sei in der Regel kein Menschenleben in Gefahr.

Ein weiterer Aspekt, der von den Kritikern häufig nicht bedacht wird: Wenn die Feuerwehr mit lautem Alarm durch die Straßen fährt, hören das oft auch diejenigen, die sich in Gefahr befinden. „Es ist psychologisch unglaublich wichtig, dass diese Leute wissen, dass die Feuerwehr unterwegs ist und immer näher kommt“, erklärt Vogler, der hofft, dass die Beschwerden in Zukunft weniger werden: „Ich versuche immer wieder, mit den Kritikern in den Dialog zu treten. Hoffentlich zeigen sie bald etwas mehr Verständnis.“ (Pascal Spindler)

So laut ist ein Feuerwehrauto

Die Feuerwehr Vellmar besitzt unterschiedliche Fahrzeuge, die im Notfall zum Einsatz kommen. Sehr häufig vor Ort: die Drehleiter mit Korb. Wenn der Fahrer dort das Blaulicht samt Martinshorn einschaltet, herrschen im Auto zwischen 85 und 90 Dezibel. Das ist in etwa so laut wie ein zehn Meter entfernter Presslufthammer oder das Knallen einer Tür. Die Messung außerhalb des Feuerwehrautos in circa fünf Meter Entfernung ergibt einen Wert von 120 Dezibel – auch eine Kettensäge oder ein China-Böller können solch einen Lärm erzeugen. Bereits ab 85 Dezibel kann das menschliche Gehör laut Studien Schaden nehmen. 

Nicht nur mit Beschwerden über zu laute Warnsignale muss sich die Feuerwehr herumschlagen. Auch Falschparker, die den Weg zum Einsatzort behindern, erschweren die Arbeit der Feuerwehr.

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