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Reinhold Beckmann spricht im Interview über verpatzte WM und Musik

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Von: Sebastian Schaffner

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Früher Gastgeber im Fernsehen, jetzt mit der Gitarre auf der Bühne: Reinhold Beckmann kommt in die Vellmarer Kleinkunstbühne Piazza.
Früher Gastgeber im Fernsehen, jetzt mit der Gitarre auf der Bühne: Reinhold Beckmann kommt in die Vellmarer Kleinkunstbühne Piazza. © Axel Heimken/dpa-Bildfunk

Vellmar – Als Sportschau-Moderator und Gastgeber seiner Talkshow kennt wohl jeder Reinhold Beckmann. Am Freitag kommt der mittlerweile 66-Jährige als Musiker nach Vellmar. Wir haben mit ihm vorab telefoniert.

Herr Beckmann, haben Sie das Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft schon verdaut?

Ich habe mich an dem Abend dabei erwischt, dass ich mich geärgert habe. Dass ich mich geärgert habe, darüber habe ich mich wiederum geärgert. Es riefen Kumpels an, darunter Helmut Schulte (Ex-Trainer des FC St. Pauli, d. Red.), wir haben darüber diskutiert. Jeder möchte in so einem Moment Trost finden und seine Gefühle zum Abkühlen bringen.

Wie kann man sich das vorstellen: Kommentieren Sie aus alter Gewohnheit vor dem Fernseher mit?

Nein, nein, keine Sorge. Ich habe mit Gerd Gottlob (ARD-Kommentator beim letzten Deutschland-Spiel) mitgezittert. Er hat das gut gemacht.

In anderthalb Jahren ist das DFB-Team Gastgeber der EM. Was muss sich bis dahin ändern?

Ich will jetzt hier nicht den Schlaumichel spielen. Es ist schon genug gesagt worden in den letzten Tagen. Aber ich glaube, es braucht eine grundlegende Einsortierung: Warum ist so eine spielstarke Mannschaft nicht in der Lage, sich mal 90 Minuten zu konzentrieren? Warum beklagt Hansi Flick immer wieder die fehlende Effizienz und ändert es nicht, indem er den formstarken Mittelstürmer Füllkrug von Beginn an aufbietet? Auf der anderen Seite muss sich der DFB fragen, wie er sich in der Öffentlichkeit politisch darstellen will. Welche Werte sind ihm wichtig? Das ist nicht geklärt. Es wird Veränderungen und einige Bye-Byes geben in den nächsten Wochen. Ganz sicher.

Ernst ist die Lage auch in der Kulturszene. Sie kommen viel rum: Wie erleben Sie die Situation?

Das ist wirklich ein Problem. Die Corona-Zeit hat viel verändert, viel zerstört. Techniker, Beleuchter, Musiker haben aufgegeben. Einige Künstler gehen gar nicht mehr auf Tour, weil es sich nicht lohnt. Das Theater leidet, das Kino auch. Es muss etwas passieren.

An was denken Sie?

Wir brauchen weiterhin einen Schutzschirm für Kulturschaffende und eine kollektive Ermutigung für alle, die die Kultur aus ihrem Lebensplan gestrichen haben.

Ihr Album heißt „Haltbar bis Ende“. Warum?

Naja, ich bin jetzt 66 Jahre alt. Der Titel bezieht sich augenzwinkernd auf all das, was man im Alter an neuen Erfahrungen hinzugewinnt. Nicht immer freiwillig.

Viel ist über Ihr Lied „Vier Brüder“ geschrieben und gesprochen worden. Es handelt davon, dass Ihre Mutter alle vier Brüder im Zweiten Weltkrieg verloren hat.

Dass meine Familiengeschichte so einen Niederschlag gefunden hat, hat mich überrascht. Wir haben den Song am Volkstrauertag im Bundestag gespielt. Das war eine große Ehre. Daraus ist eine weitere Geschichte erstanden. Verlage haben bei mir angefragt, ob ich nicht ein Buch zum Thema schreiben möchte.

Möchten Sie?

Ja. Und so schreibe ich seit dem 21. Februar ein Buch darüber, dass Hans, Franz, Alfons und Willi nicht mehr zurückgekommen sind. Der letzte, Willi, war nur 17 Jahre alt und wird wohl für mich ein Fragezeichen bleiben.

Warum?

Von meinen drei anderen Onkeln weiß ich ziemlich genau, wo und wie sie starben. Von Willi weiß ich nur: Er ist in der Nähe von Kassel gefallen, als die Amerikaner kamen. Das war die Zeit des „Volkssturms“. Es gab keine Befehlswege mehr. Was genau passiert ist, lässt sich nicht exakt nachvollziehen. Es gab eine Frau, die ihn in seinen letzten Stunden gehalten hat und meiner Mutter später davon erzählte.

Wer Ihr Album auflegt, hört zehn Beckmann-Songs und ein Bob-Dylan-Cover: „Wenn’s vollbracht ist“ („When The Deal Goes Down“). Warum ausgerechnet das Lied?

Ich bin ein absolutes Woodstock-Kind. Was das Texten und die Sprachbilder angeht, ist Bob Dylan eine ganz große Nummer für mich. Und dann diese Melancholie in diesem Song, er schiebt sich wie ein ganz langsamer Walzer so dahin: Das gefällt mir einfach.

Als er den Nobelpreis bekam, schrieb Bob Dylan, dass er sich Inspiration bei Homer, Melville und Remarque hole. Woher nehmen Sie Ihre Songideen?

Mit diesen Namen greift er natürlich ganz schön hoch ins Regal. (lacht) Bei mir sind es oft Geschichten des Alltags, Dinge, die mir etwa beim Radfahren einfallen. Weil ich meinem Gedächtnis nicht vertraue, habe ich immer eine kleine Kladde dabei. Kommt mir ein guter Gedanke, schreibe ich ihn sofort auf. Und natürlich gucke auch mal bei Bob Dylan hin.

Was hat Sie eigentlich zur Musik geführt?

Musik habe ich schon immer gemacht, nur nicht so öffentlich. Konkret wurde es nach einem Fernsehauftritt bei Ina Müller. Wir haben einen Bossa Nova gespielt. Anschließend kam ihre Band zu mir und sagte: „Komm, Reinhold, lass’ uns mal proben, schreib’ mal einen Text“. So ist das entstanden.

Bemerkenswert an der Fußball-WM in Katar ist auch, dass es keinen richtigen WM-Song gibt. Wenn Sie einen schreiben sollten, wie würden Sie ihn nennen?

(lacht) Ich befürchte, da müssen wir jetzt gemeinsam etwas texten. Oder wir nehmen „Der Lack ist ab“ von meinem letzten Album. Im Ernst: Ich glaube, es braucht keinen WM-Song mehr bei dieser Entfremdung, die da gerade stattfindet. Es gibt eine Generation von jungen Leuten, die interessiert das doch gar nicht mehr. Ich habe nach dem Spiel mit meiner Tochter gesprochen, die in Essen studiert. Ich fragte sie, ob sie das Drama gesehen hat. Sie antwortete: „Papa, ich hab’s gar nicht geguckt, in meiner Clique guckt das niemand.“ Das sagt doch alles.

In Ihrer Talkshow haben Sie rund 2000 Gäste interviewt. Was würde der Talkmaster den Musiker Reinhold Beckmann immer schon mal fragen wollen?

Warum spielst Du eigentlich Gitarre ohne Plektron?

Was wäre die Antwort?

Ich war einfach nur zu faul, es zu lernen. Hab dadurch einen anderen Stil entwickelt. Und was lernen wir daraus? Aus Faulheit entsteht manchmal auch etwas Gutes.

Reinhold Beckmann Duo – Reinhold Beckmann (Gesang, Gitarre) und Johannes Wennrich (Gitarre), Freitag, 9. Dezember, ab 20 Uhr, Kleinkunstbühne Piazza Vellmar. Tickets: piazza-vellmar.de

Von Sebastian Schaffner

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