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Eintauchen in ein anderes Leben: Katerina Poladjan las in Vellmar aus dem Roman „Zukunftsmusik“

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Von: Hanna Maiterth

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Ihr Mann kommt aus Ahnatal: Die Schriftstellerin Katerina Poladjan las in Vellmar.
Ihr Mann kommt aus Ahnatal: Die Schriftstellerin Katerina Poladjan las in Vellmar. © Hanna Maiterth

Am Donnerstag las die Romanautorin aus ihrem neuesten Werk und nahm die Zuhörer dabei mit in die Sowjetunion der 80er Jahre.

Vellmar – „Es ist eine wackelige Angabe“, erklärte Katerina Poladjan den Einstieg in ihren Roman „Zukunftsmusik“. Es ist der fünfte und gleichzeitig auch der neueste. Die Geschichte spielt „Tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau“ und beginnt mit exakt diesen Worten.

Poladjan entführte am Donnerstagabend die Zuhörer in die ehemalige Sowjetunion, in die sie hineingeboren war, aber dort nicht aufwuchs. Gut 90 Besucher zog es zu der vom Literaturverein „Ecke und Kreis“ organisierten Lesung in das Bürgerhaus in Vellmar. „Mein Mann kommt aus Ahnatal, deshalb ist es ein bisschen wie nach Hause kommen“, begrüßte die Wahlberlinerin das Publikum.

Für ihren Roman hatte sie sich den 11. März 1985 ausgesucht. Ein Montag. Der Tag bevor Gorbatschow zum Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei aufstieg. Kurze Zeit nachdem Tschernenko verstarb. „Der Zeitpunkt ist ein historischer Kippmoment“, sagte Poladjan. „Das System ist am Ende.“ Und so ziehe sich auch Chopins „Trauermarsch“ durch die Seiten. Die Klaviersonate, die den Menschen in der Sowjetunion vorgespielt wurde, wenn aus der Führungsriege jemand verstarb.

Die Autorin holte die Romanfiguren in den Saal, ließ sie allein durch ihre bildhafte Sprache entstehen. Gleichzeitig gewährte sie Einblicke in das System und tauchte mit den Zuhörern in das Leben einer „Kommunalka“ ein. Einer Gemeinschaftswohnung, in der sechs bis acht Parteien lebten, sich Küche und Badezimmer teilten. Poladjan selbst habe nie in einer Kommunalka, nicht mal in einer Wohngemeinschaft gelebt, wie sie zugab. „Der Roman hat aber auch keinen Anspruch auf Authentizität.“ Eingeflossen seien dafür die Erfahrungen ihrer Mutter. Die Kommunalka bezeichnet Poladjan als „wunderbares Symbol für die Sowjetunion“. „Sie bietet die Möglichkeit, die Menschen heranzuzoomen.“ Es stelle sich automatisch die Frage nach Nähe und Distanz. Menschen mit verschiedenen Biografien treffen aufeinander und Familien unterschiedlicher Generationen leben in einem Zimmer.

Für Poladjan, aufgewachsen in Rom und Wien, sei die Arbeit an dem Roman eine Aufarbeitung ihrer Wurzeln gewesen. Sie stellte sich die Frage: „Was hat dieses Land eigentlich mit mir zu tun?“ Die Antwort? „Die habe ich natürlich nicht gefunden.“

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