440 Gäste in der Kulturhalle

Er redete alle schwindelig: Gregor Gysi war zu Gast in Vellmar

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Das Publikum hing an seinen Lippen: Gregor Gysi (links) sprach in der Kulturhalle Niedervellmar vor 440 Gästen. HNA-Nachrichtenchef Tibor Pézsa moderierte die Veranstaltung. 

Vellmar. 440 Stühle, und doch reichten sie nicht aus. Die Kulturhalle Niedervellmar platzte am Montagabend aus allen Nähten. Der Grund: Gregor Gysi, Vorsitzender der Europäischen Linken, war gekommen und hatte seine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ mit im Gepäck.

Warum sein Buch so heißt? „Nein nein, ich bin nicht zum Buddhist geworden“, stellte Gysi sofort klar. Vielmehr teile er sein Leben in sieben Abschnitte: „Kindheit und Jugend waren mein erstes Leben, das Studium mein zweites. Die Zeit als Rechtsanwalt in der DDR mein drittes und die Wendezeit mein viertes.“ In seinem fünften Leben, dann als Bürger der BRD, hätten ihn die meisten zutiefst abgelehnt. Gysi: „Komisch, ich fand mich damals eigentlich ziemlich nett.“

Heute befinde er sich in seinem sechsten Leben, „in dem mich die Mehrheit akzeptiert“. Auf die Erklärung, was es mit dem siebten Leben auf sich hat, mussten die Gäste noch ein bisschen warten. Denn Gysi redete und redete, kam von einer Geschichte zur nächsten und wieder zurück – und jede einzelne Minute hing das Publikum an seinen Lippen. Gysi erzählte von seinem Elternhaus („mein Vater war ein hervorragender Rhetoriker, da musste ich mir schon was Gutes einfallen lassen, wenn ich auch mal was sagen wollte“), seinen Erfahrungen als jüngster Anwalt der DDR („man kann auch wirklich einen Deut zu jung sein für einen Beruf“), einem missglückten Fernsehinterview (ich wusste gar nicht, wie dämlich ich sein kann“), wie er zum Rinderzüchter ausgebildet wurde („glauben Sie mir, das hat echt Vorteile, ich kann zum Beispiel gut mit Hornochsen umgehen“), seinem Studium („man hat mir gesagt, ein Jurastudium ist was für Doofe, ich fand damals, dass das echt gut klingt“) und vielem mehr.

Über Vieles, das Gysi von sich gab, lachte das Publikum Tränen. HNA-Nachrichtenchef Dr. Tibor Pézsa, der die Veranstaltung moderierte, merkte zwischendurch an, dass „man ja fast die Moderation einstellen und die Bühne verlassen will“, betrachte man Gysis Witz, seinen Charme und sein rhetorisches Talent.

Am Ende der etwa 90-minütigen Gysi-Show klärte er noch auf, was mit dem siebten Leben gemeint ist: „Das ist das Alter. Man muss aber auch beschließen, diese Zeit zu genießen.“ Dem älteren Publikum gab er mit auf den Weg: „Wenn Sie diese Lebensphase erreichen, reden Sie nicht den ganzen Tag über Krankheiten, nehmen Sie die Privilegien an, die mit dem Alter einhergehen und erfüllen Sie sich ihre Lebenswünsche, wenn es irgendwie möglich ist.“

Die Gäste verabschiedeten Gysi mit tosendem Applaus und kauften im Anschluss fleißig sein Buch. „Keine Angst, Sie dürfen aber auch gehen, wenn Sie keins kaufen“, versprach er.

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