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Vellmarer Christian Gruber ging im Februar in die Ukraine, um dort zu helfen

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Von: Florian Hagemann

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Im Kriegsgebiet: Christian Gruber war 2022 die meiste Zeit in der Ukraine. Diese Aufnahme entstand im Großraum Kiew.
Im Kriegsgebiet: Christian Gruber war 2022 die meiste Zeit in der Ukraine. Diese Aufnahme entstand im Großraum Kiew. © privat

Dass Christian Gruber kurz vor Weihnachten nach Nordhessen zurückgekehrt ist, war eigentlich nicht geplant. Im Frühjahr hatte er am Telefon noch gesagt: „Ich bleibe so lange in der Ukraine, bis der Krieg zu Ende ist.“ Der Krieg dauert an, was also ist passiert?

Gruber geht es nicht gut, er leidet an einer Herzmuskelentzündung, nachdem er im Sommer einen grippalen Infekt nicht richtig auskuriert hat. Jetzt will er nicht, dass die überlasteten Krankenhäuser und Ärzte in der Ukraine sich auch noch um ihn kümmern müssen. Daher entschied er sich, wieder nach Kassel zu kommen – vorübergehend.

Wenn er wieder gesund ist, soll es wieder in die Ukraine gehen. Dort hat der 31-Jährige noch ein kleines Apartment in Kiew, in einem Hochhaus, zwölfter Stock. Als neulich der Aufzug nicht ging, weil in unmittelbarer Nähe eine Rakete einschlug, musste Gruber in seinem Zimmer bleiben, weil er wusste: Wenn ich jetzt rausgehe, bin ich zu schwach, um die Treppe wieder nach oben zu gehen. So ist das Leben in einem Land, das gerade im Krieg ist.

Gruber hat sich für das Leben in der Ukraine entschieden. Als Russland die Ukraine am 24. Februar angriff, stand für ihn fest: Ich muss da hin, ich muss helfen, ich – als Europäer – muss die Demokratie in Europa verteidigen. Der gebürtige Bad Kreuznacher, der bis dahin in Vellmar lebte, ließ seinen Job als Nachtportier in einem Kasseler Hotel hinter sich. Gruber ging nach Lwiw, schloss sich einer Hilfsorganisation an, arbeitete fast jeden Tag: holte Hilfsgüter aus Polen, verteilte sie vor Ort in Lwiw und damit im Westen der Ukraine, wohin viele Menschen aus dem Osten des Landes geflohen und nun Geflüchtete im eigenen Land waren.

Nach ein paar Wochen in Lwiw kam er aber an den Punkt, an dem er dachte, nicht mehr viel ausrichten zu können. Gruber wollte struktureller tätig sein. Daher schloss er sich einer anderen Organisation an: Bei Freedom Today Network leistet er nun viel Vernetzungsarbeit, versucht, die Politik in der Ukraine mit Freiwilligen und Einrichtungen zusammenzubringen, die nicht an die Regierung gekoppelt sind. Gruber ist als Journalist eingestellt, der viel in den sozialen Medien schreibt – über den Krieg und die Situation in der Ukraine.

Wenn Gruber nun in einem Café in Kassel sitzt und auf das Leben hier und auf das in der Ukraine blickt, dann sagt er: „Ich habe das Gefühl, dass der Krieg in Deutschland immer noch nicht ernst genug genommen wird.“ Die Situation in der Ukraine beschreibt er als dramatisch – gerade jetzt, wenn der Winter mehr und mehr Einzug hält. Er war selbst in Gebieten, in denen gekämpft wurde, er weiß: Es fehlt den Soldaten vor allem an Winterkleidung: „Sie sind nicht gut ausgerüstet. Im Herbst war es sehr schlammig, da standen sie bis zu den Knien im Schlamm.“ Zudem: „Es fehlt an Kriegsgerät. Es ist gut, dass aus dem Westen Kriegslieferungen kommen. Aber es reicht nicht aus.“

Und nun erreicht den Krieg auch die Zivilbevölkerung überall im Land. Das Essen wird knapp, die Stromversorgung funktioniert immer weniger, der Schwarzmarkt blüht, und die Politik tut zu wenig gegen die Korruption. Das ist die Lagebeschreibung von einem wie Gruber nach einem Dreivierteljahr in der Ukraine.

Als er im Sommer nach Kiew kam, hatte er das Gefühl, dort sei kein Krieg. Die Kämpfe fanden im Osten statt. Doch jetzt schlagen die Raketen auch in der Hauptstadt ein, vor ein paar Tagen gab es dort den schlimmsten Angriff während des Krieges.

Ausgerechnet jetzt musste Gruber das Land verlassen, er sieht das als persönliche Niederlage an. Aber er gibt nicht auf. Für die Ukraine einzustehen, sieht er als Berufung. Klar, er würde auch gern an einem schönen Haus am See leben, viele Bücher lesen und es sich gutgehen lassen. Das geht aber nicht. Seine Gedanken sind bei seiner Gesundheit, aber stets auch in der Ukraine.
(Florian Hagemann)

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