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Hirntraining bei Long Covid : Vellmarer Ergotherapeuten behandeln mit spezieller Therapie

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Von: Alia Diana Shuhaiber

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Mit einem EEG misst Thomas Theis (links) die Hirnströme von Patient Marc Bachmann. Über eine audio-visuelle Beschallung wird dabei das Gehirn trainiert.
Mit einem EEG misst Thomas Theis (links) die Hirnströme von Patient Marc Bachmann. Über eine audio-visuelle Beschallung wird dabei das Gehirn trainiert. © Alia Shuhaiber

Viele Menschen erholen sich vergleichsweise rasch von einer Corona-Infektion, aber es gibt auch einen nicht unerheblichen Teil von Genesenen, die noch Monate später unter den Folgen leiden. Dabei soll eine ILF-Neurofeedback-Therapie helfen.

Vellmar – Marc Bachmann ist ein Betroffener. Der 47-Jährige hat Long Covid. Eine computergestützte ILF-Neurofeedback-Therapie soll dem früheren Marathonläufer nun helfen, wieder zurück ins Leben zu finden.

Bachmann hatte sich im April 2021 mit der englischen Corona-Variante infiziert. „Ich hatte gerade meine erste Impfung erhalten und dachte, ich habe Nebenwirkungen“, erinnert sich der Vater eines fünfjährigen Sohnes. Doch er hatte sich mit Corona infiziert, wie eine PCR-Test ergab.

Sein Gesundheitszustand habe sich stündlich verschlechtert. „Ich hatte Schmerzen im ganzen Körper und zehn Tage lang hohes Fieber trotz Medikamenten.“ Mehrfach sei er im Fieberwahn ohnmächtig geworden, habe Stimmen gehört. Er habe unter diffusen Symptomen gelitten, darunter neurologische Ausfälle und Tremor. „Ich dachte, ich muss sterben“, sagt der Kasseler. Acht Monate sei er krankgeschrieben gewesen, es folgte eine fünfwöchige Reha.

Mit der ILF-Neurofeedback-Therapie behandeln die Ergotherapeuten Ute Bolduan und Thomas Theis Long-Covid-Patienten wie Marc Bachmann (rechts) im Reha-Point am Rathausplatz in Vellmar.
Mit der ILF-Neurofeedback-Therapie behandeln die Ergotherapeuten Ute Bolduan und Thomas Theis Long-Covid-Patienten wie Marc Bachmann (rechts) im Reha-Point am Rathausplatz in Vellmar. © Alia Shuhaiber

Bis heute leidet er unter Erschöpfung, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Atembeschwerden und Belastungsasthma, erhöhtem Blutdruck und hohen Cholesterinwerten sowie Muskel- und Gelenkschmerzen. Seiner Tätigkeit als Sozialarbeiter für geistig behinderte Menschen bei der BDKS in Baunatal kann er nicht mehr nachgehen. Stattdessen arbeitet er jetzt wieder in der stationären Pflege.

Bachmann setzt jetzt all seine Hoffnung in die Neurofeedback-Therapie. „Herr Bachmann hat ein Trauma, er hatte Angst zu sterben“, erklärt Thomas Theis, Inhaber der Ergotherapie-Praxis Reha-Point in Vellmar und zertifizierter Neurofeedback-Therapeut. Das Trauma habe die Aktivität des vegetativen Nervensystems verändert. Es sei eine Hypervigilanz entstanden, also eine erhöhte Wachsamkeit des Gehirns, die auch ein Leitsymptom bei Posttraumatischer Belastungsstörung sei. Bei der Neurofeedback-Therapie soll das Gehirn trainiert werden, um einen Zustand von entspannter Wachheit zu erreichen. „Das Gehirn ist ein selbstregulierendes System. Mit dem Neurofeedback stellen wir dem Gehirn einen Spiegel vor“, erklärt Theis. Bachmann geht aktuell zweimal wöchentlich zur Therapie.

Und so soll es funktionieren: Die Hirnströme werden mit einem EEG gemessen. Mithilfe eines Computers wird die Gehirnaktivität, über die man für gewöhnlich keine Wahrnehmung hat, auf einem Bildschirm audiovisualisiert. Das Gehirn bekommt in Echtzeit gespiegelt, was es gerade tut. Ziel der Neurofeedback-Therapie ist, dass die Patienten lernen, ihre Hirnaktivität zu regulieren und besser zu funktionieren. Bachmann ist von der Behandlungsmethode überzeugt: „Meine Symptome haben sich seit Therapiebeginn halbiert.“ Er schlafe besser, könne sich länger konzentrieren und das bleierne Gefühl habe sich reduziert.

Laut Theis sind bei einer Long-Covid-Behandlung mit der Neurofeedback-Therapie nach der Orthmer-Methode zwischen 20 und 40 Behandlungen nötig. Neurofeedback sei aber nur eine von vielen ergotherapeutischen Ansätzen zur Verbesserung von Long-Covid-Symptomen. „Ergotherapie ist als besonderer Behandlungsbedarf bei Long-Covid-Patienten anerkannt. Die Ärzte belasten damit nicht ihr Budget, weil die Kosten aus dem Verordnungsvolumen herausgerechnet werden“, informiert Theis.

Davon profitiert auch Bachmann. Sein größter Wunsch: sich gesünder fühlen, wieder regelmäßig Sport machen und vor allem viel Zeit mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Sohn verbringen. (Alia Shuhaiber)

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