HNA-Volontärin testet Kurs im Selbstversuch

Selbstverteidigung: Wie kann ich mich bei körperlichen Angriffen wehren?

Immer Blickkontakt halten: Bei ihrem Schnupper-Selbstverteidigungskurs lernte Volontärin Kim Henneking, ihrem Angreifer direkt in die Augen anstatt auf die Waffe zu sehen.
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Immer Blickkontakt halten: Bei ihrem Schnupper-Selbstverteidigungskurs lernte Volontärin Kim Henneking, ihrem Angreifer direkt in die Augen anstatt auf die Waffe zu sehen.

Kampfsportarten sind beliebt. HNA-Volontärin Kim Henneking hat den Selbstversuch bei einem Selbstverteidigungskurs in Vellmar gemacht.

„Hallo, ich bin der freundliche Erich“, begrüßt mich mein Trainer in Vellmar. Erich Figge reicht mir seine Hand und lächelt.

Obwohl der Vellmarer Kampfsportler geschätzte zwei Meter groß ist und mit seinem breiten Kreuz und direkten Blick einen durchaus einschüchternden Mann abgibt, fühle ich mich in seiner Gegenwart sofort wohl. Dieser Selbstverteidigungskurs wird ein netter Abend, denke ich mir und gehe mich umziehen.

Als ich in Sportklamotten gekleidet den Trainingsraum betrete, bin ich bereit zu lernen, wie ich mich gegen körperliche Angriffe wehren kann. Mein Kollege hatte mir vorgeschlagen, heute Abend am Kurs teilzunehmen. Jetzt steht er mit der Kamera neben mir. 

Meine Erinnerungen an nächtliche Heimwege in der Großstadt schwebten mir bei meiner Zusage vor. Ich hatte stets eine Freundin am Telefon, falls etwas passieren sollte. Der Plan war, dass mein Gesprächspartner einen Angriff hören und einen Notruf mit Hinweis auf meine Position absetzen könnte. Jetzt war es Zeit, eine aktivere Form der Verteidigung zu lernen. Ich sehe mich in Gedanken schon eindrucksvolle Tritte in Richtung Kamera schwingen.

Um sich zu verteidigen, muss man manchmal erst einen Schritt auf den Angreifer zu gehen, bevor man die Flucht ergreift.

Der freundliche Erich kommt auf mich zu und packt mich unvermittelt von hinten am Zopf. „Was machst du jetzt?“, sagt er und wirkt gar nicht mehr so freundlich. „Keine Ahnung!“, antworte ich und schaue hilflos auf die Boxsäcke und Gewichte an der Wand. Die kann er bestimmt problemlos umhauen. 

Nachdem ich einige Sekunden hilflos mit den Armen rudere und in eine Rückwärtsbeuge falle, hilft mir Erich. „Dreh dich um.“ Und tatsächlich, anstatt gegen den Griff zu ziehen oder zu versuchen, seine Hände aus meinen Haaren zu lösen, drehe ich mich in seine Richtung. Mein Zopf dreht sich einfach mit, wie wenn ich ihn zu einem Dutt drehen würde. Auf diese banale Lösung wäre ich nie gekommen. Jetzt der Tritt.

Nach dieser eindrucksvollen Kennenlernphase trudeln auch die anderen Teilnehmer ein. Zwei Ehepaare und drei Frauen. Sie haben mir schon fünf Übungsstunden voraus und ziehen sich gegenseitig zur Begrüßung an den Haaren – ein Aufnahmeritual, wie es scheint. Ich gehöre also dazu. Danke Erich.

Es folgen Übungen, in denen wir uns gegenseitig mit Fausthieben oder Messerstichen angreifen und abwehren sollen. Und ich lerne, dass es keiner Kraft benötigt, um einen größeren und stärkeren Angreifer abzuwehren. Das Geheimnis sind Akupunktur- oder Nervendruckpunkte.

Zunächst scheint es mir falsch, diese Punkte zu nutzen, um Schmerz zu verursachen. Bei einer Akupunktur haben sie mir einmal geholfen, meine Migräne loszuwerden. 

Archiv-Video: Selbstverteidigung für Frauen

Ich bohre dennoch meine Finger in die Hand meines Trainingspartners – in die knochenlosen Zwischenräume der Handoberfläche. Und das Messer, das er mir gerade noch an den Hals hielt, fällt dumpf zu Boden. Das war es mit dem schlechten Gewissen. Ich weiche einem Fausthieb aus, halte den Schlagarm fest und drücke meine Handknöchel auf den nächsten Punkt, knapp über seinem Ellenbogen. Er geht in die Knie.

Am Ende des Kurses habe ich verschiedene Abwehrtechniken erlernt, die ich aber noch viel zu langsam und oft falsch anwende. An einem Abend lernt man nicht, sich zu verteidigen. Und auch die Hemmungen, einem Angreifer nahe zu kommen, oder ordentlich zuzuschlagen, gilt es zu überwinden. Aber ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Es ist möglich, mich effektiv gegen Stärkere zu wehren.

Immer Blickkontakt halten: Bei ihrem Schnupper-Selbstverteidigungskurs lernte Volontärin Kim Henneking, ihrem Angreifer direkt in die Augen anstatt auf die Waffe zu sehen.

Selbstverteidigung im OSC Vellmar

Erich Figge (74) ist Leiter der Kampfsportabteilung des OSC Vellmar. Als Lehrer für Selbstverteidigung im „Bundesverband Selbstbehauptung“ bildete er bereits Gefängniswärter und Rettungskräfte aus. Er besitz den 4. Dan im Judo und den 1. Dan im Goshin Jitsu. Als ehemaliger Weltmeister und Olympiasieger trainiert er heute die Gewichtheber in Vellmar. Sein aktueller Selbstverteidigungskurs findet jeden Donnerstagabend ab 19 Uhr in der Sporthalle Vellmar (Brüder-Grimm-Straße 14) statt und dauert drei Monate. Interessierte können sich für eine Teilnahme ab Januar unter 01 70/ 5 27 68 45 oder per Mail an erich.figge@gmx.de melden.

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