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Odyssee einer Urne: Verzweifelte Angehörige - Asche irrte tagelang in der Post durch Deutschland

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Von: Alia Diana Shuhaiber

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Kurz vor Weihnachten hofft Wioletta Klenner, dass ihr toter Adoptivvater doch noch nach Polen überführt wird und dort seine letzte Ruhestätte findet.
Kurz vor Weihnachten hofft Wioletta Klenner, dass ihr toter Adoptivvater doch noch nach Polen überführt wird und dort seine letzte Ruhestätte findet. © Alia Shuhaiber

Bei der Überführung einer Urne von Kassel nach Polen ist einiges schiefgelaufen. DHL hat die Urne zurück an den Absender geschickt. Eigentlich sollte der Tote längst beigesetzt werden.

Der Verlust eines geliebten Menschen ist für die Angehörigen immer eine emotionale Belastung. Doch das, was Wioletta Klenner und ihre Familie aus Niedervellmar in diesen Tagen durchmachen müssen, geht über ihre Belastungsgrenze hinaus. 

Die Urne mit der Asche ihres toten Adoptivvaters befindet sich seit Wochen auf einer Odyssee. Jetzt mischen sich zu der Trauer auch noch Wut und Verzweiflung. Von der Friedhofsverwaltung Kassel fühlen sich die Klenners im Stich gelassen. 

Von dort sollte die Urne mit DHL nach Polen gesendet werden – sie kam aber nie an. Denn DHL versendet seit dem 1. April 2018 keine Urnen mehr nach Polen.

Missglückte Sendung sorgt für Unmut bei der trauernden Familie

Doch von vorn: Am 3. November starb Kazimier Lorecki plötzlich und unerwartet im Alter von 68 Jahren. „Es war sein letzter Wunsch, in Polen bei seiner Familie beigesetzt zu werden“, erzählt Wioletta Klenner. Diesen Wunsch wollte sie ihm erfüllen. 

Die 41-Jährige beauftragte ein Kasseler Bestattungsunternehmen und organisierte eine kleine Trauerfeier in der Heilig-Geist-Kirche im engsten Kreis der Familie. Das war am Samstag, 23. November.

Am darauffolgenden Montag sollte die Urne zur Überführung in das polnische Neumarkt in Schlesien (Sroda Slaska) in der Nähe von Breslau überführt werden. Doch dort ist die Urne bis heute nicht angekommen.

Alle nötigen Dokumente waren da - Sendung wurde trotzdem gecancelt

Dabei – und da sind sich die Klenners sicher – hatte die Familie alle nötigen Dokumente bei der Friedhofsverwaltung in Kassel vorgelegt. „Ich habe mit den polnischen Behörden gesprochen, die Papiere waren in Ordnung“, sagt Wioletta Klenner.

Am Dienstag, 10. Dezember, bekamen die Klenners einen Anruf vom Bestatter. „Uns wurde gesagt, dass die Urne wieder in Kassel ist.“ Eine Begründung erhielten sie aber nicht. Sechs Tage später habe ihr Mann, Jan Klenner, bei der Friedhofsverwaltung nachgefragt, warum es noch keine Rückmeldung gegeben habe. 

„Uns wurde gesagt, dass DHL noch nicht geantwortet hat und angeblich keiner weiß, warum die Urne zurückgeschickt wurde. Das kann doch nicht sein.“ Der 37-Jährige habe sich daraufhin die Sendungsverfolgung geben lassen und ging selbst auf die Suche.

DHL sieht Fehler beim Krematorium

Laut DHL-Sendungsverfolgung wurde die Urne am 3. Dezember im Krematorium in Kassel abgeholt. Sie ging von Kassel über Staufenberg und Hannover und kam am 6. Dezember in Radefeld bei Leipzig an. 

Von dort aus wurde die Urne wieder an den Absender zurückgeschickt und am 9. Dezember dem Krematorium in Kassel zugestellt. In ihrer Verzweiflung und mit dieser Information wendeten sich die Klenners an die HNA.

Auf Nachfrage bei

erhielt unsere Zeitung folgende Antwort: „Der Urnenversand nach Polen und Großbritannien ist seit dem 1. April 2018 nicht mehr möglich. Das sollten die Krematorien aber auch wissen“, erklärt DHL-Sprecher Thomas Kutsch.

Odyssee hoch zwei: Beinahe wäre die Urne ein weiteres Mal losgeschickt worden

„Der DHL-Urnenversand ist aufgrund der Transportbedingungen unseres Zustellpartners in Polen nicht möglich“, heißt es weiter. Mit dieser Information wendeten sich die Klenners am Mittwoch, 18. Dezember, an das Krematorium, um den erneuten Versand der Urne zu verhindern. 

„Hätten wir den nicht gestoppt, wäre die Urne heute bis 12 Uhr auf dem gleichen Weg noch mal losgeschickt worden“, sagt Jan Klenner und setzt hinzu, dass sich die Friedhofsverwaltung mittlerweile um einen anderen Dienstleister, der die Urne nach Polen bringen soll, bemühe.

Dort warten die Angehörigen von Kazimier Lorecki, die ihn am liebsten noch vor dem Weihnachtsfest beerdigen möchten. „Erst wenn mein Adoptivvater in Polen beigesetzt wurde, können wir versuchen damit abzuschließen“, sagt Wioletta Klenner. 

Das sagt die Friedhofsverwaltung

„Wir haben erst jetzt davon erfahren, dass DHL nicht nach Polen versendet“, sagt Jürgen Werner, stellvertretender Leiter der Friedhofsverwaltung Kassel. 

Der Postcode sei mit DHL abgestimmt und gültig gewesen. Man habe alle Unterlagen an DHL gefaxt und eine Auftragsbestätigung erhalten. Am 3. Dezember sei die Urne abgeholt worden. 

„Als die Urne eine Woche später zurückkam, haben wir den Aufkleber fotografiert, an DHL gemailt und um Rückmeldung gebeten.“ Erst nach mehrfachen Nachfragen habe DHL mitgeteilt, dass es eine Beschwerdenummer gebe, um den Sachverhalt zu klären.

Die Urne werde am 18. Dezember erneut im Krematorium in Kassel abgeholt. „Das ist das erste Mal, dass es Schwierigkeiten gibt, deshalb haben wir das nicht hinterfragt.“ Die letzte Überführung nach Polen sei einige Jahre her. 

„Es tut uns für die Familie leid, wir werden alles versuchen, dass die Urne so schnell wie möglich überführt wird.“ Die Mehrkosten werde die Friedhofsverwaltung, sofern sie sich in einem vertretbaren Rahmen bewegen, übernehmen, sagt Werner.

Hintergrund

Die Zahl der Überführungen bei einem Sterbefall richten sich nach der Bestattungsart und dem Rahmen der Abschiednahme. Jeder Tote muss bis zur Beisetzung mindestens zwei Mal überführt werden: vom Sterbeort zum Bestatter und von dort zum Friedhof.

Bei einer Feuerbestattung kommt die Überführung zum Krematorium hinzu. Das hessische Bestattungsgesetz verbietet Privatpersonen, einen Leichnam zu transportieren. Das dürfen nur Bestattungs- oder Überführungsunternehmen.

Urnen können auf Antrag des nächsten Angehörigen, im Einverständnis etwaiger weiterer Angehöriger, aus besonderen Gründen an eine andere Friedhofsverwaltung zur Beisetzung übersandt werden.

Nach Verschwinden: Die gestohlene Urne aus einer Friedhofskapelle ist wieder aufgetaucht.

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