„Mutter hat mir das nicht geglaubt“: Mann aus Vellmar erinnert sich an Verschickung nach Bad Tölz

Reiner Federbusch aus Vellmar erinnert sich an Erlebnisse der Kinderverschickung 1958 in das Prinzregent Luitpold Kinderheim nach Bad Tölz.
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Reiner Federbusch aus Vellmar erinnert sich an Erlebnisse der Kinderverschickung 1958 in das Prinzregent Luitpold Kinderheim nach Bad Tölz.

In den 50er- und 60er-Jahren schickten Eltern ihre Kinder oft in Kuren. In den Heimen wurden die „Verschickungskinder“ oft gequält und schikaniert. Reiner Federbusch aus Vellmar schildert seine Erlebnisse.

Vellmar – Die kalten Fließen unter den nackten Füßen bei Minustemperaturen, das gleiche linierte Briefpapier, das einem aus der Hand gerissen wurden, die Schlafsäle mit Bett an Bett. Es sind Bilder aus seiner Kindheit, an die sich Reiner Federbusch aus Vellmar plötzlich wieder erinnert. Als zuletzt ein Bericht in der HNA erschien, muss er an all das wieder denken.

Erschütternde Bedingungen

Der Zeitungsartikel thematisiert, was Kinder in Heimen zwischen 1945 und 1990 erlebt haben. Unter dem Titel einer „Kur“ verbrachten Unzählige bis ins Teenageralter sechs Wochen lang unter erschütternden Bedingungen, um sich offiziell zu erholen. Auch der heute 73-Jährige war als Kind in einem solchen Heim.

Reiner Federbusch wohnt damals mit seinen Eltern in Kassel an der Weserspitze. Es sind die 50er-Jahre. Er muss zwar nicht hungern, aber das Essen ist bescheiden, erinnert er sich. Als Achtjähriger verschreibt ihm ein Kinderarzt am Ständeplatz wegen seines Magerbilds eine Kur. Für sechs Wochen schickt ihn das Gesundheitsamt 1957 ins oberbayerische Bad Tölz. „Wohlgenährt und mit Apfelbäckchen sollten wir zurückkehren.“ So seien zumindest die Erwartungen gewesen.

Ganze Waggons voll mit Kindern

Mit einem Pappschild um den Hals setzt sich Rainer Federbusch in den Zug nach München. Es ist Winter, seine Mutter hat ihm Halbschuhe für die Fahrt angezogen. Die neuen Winterstiefel sind im Koffer verstaut. Federbusch erinnert sich an ganze Waggons voll mit Kindern – er schätzt, so zwischen sechs und 15 Jahren. „Ich kannte keinen Einzigen“, sagt er.

In Bad Tölz liegt Schnee, es taut nicht einmal. Das Heim liegt außerhalb auf einem Berg, erinnert sich Federbusch. „Wir mussten unsere Koffer abgeben, dann waren die Winterschuhe weg.“ Obwohl der Achtjährige mehrmals nach den Schuhen fragt, bleiben sie im Koffer auf dem Kofferboden. Er stapft sechs Wochen lang mit seinen nassen Halbschuhen durch den Schnee. „Rennen war verboten.“ Auch an eine Schneeballschlacht sei nicht zu denken gewesen.

Gruppenfoto aus Bad Tölz: Reiner Federbusch erinnert sich, er ist der Zweite von rechts unten.

Strenge Regeln im Heim

Dass auf dem Anwesen strengere Regeln herrschen, erfährt der Achtjährige noch ganz unmittelbar. Das ungeheizte Bettenhaus wird von einer der Schwestern in schwarzer Ordenstracht überwacht. „Wer nach der Nachtruhe noch einen Mucks machte, der musste für zwei Stunden in den Flur“, erzählt Federbusch. Er hat es erlebt. „Ich weiß, wie kalt gefliester Boden im Winter ist“, sagt der 73-Jährige: „Bitterkalt.“

Im Speisesaal des Heims in Bad Tölz verbrachte er sechs Wochen.

Federbusch wird nie die faustgroße Rote Beete vergessen, die mit Kartoffeln auf der Mitte der antiken Tafel im Speisesaal in Schüsseln steht. Einsilbig und ekelig ist das Essen. Die Mädchen gegenüber von ihm müssen oft erbrechen. Federbusch erinnert sich an das, was viele aus solchen Heimen berichten: „Sie mussten das wieder aufessen.“

Die Eltern erfahren von all dem nichts. „Wenn man das in einen Brief schreiben wollte, haben sie einem den Zettel aus der Hand gerissen.“

Kinder wurden geprügelt

Reiner Federbusch erinnert sich auch an schallende Ohrfeigen, an die UV-Anlage, vor der die Kinder in Reihen und nur mit Unterhose und Pappbrille still stehen mussten, um eine gesunde Bräune zu bekommen. Federbusch erinnert sich an weinende Kinder abends in Nachbarbetten, denen mit der Flurstrafe gedroht wurde.

Auch der junge Kasseler geht damals mit Heimweh und Tränen in den Augen ins Bett. Die Ernüchterung kommt für den Achtjährigen aber erst am Ende der Reise: „Meine Mutter hat mir das nicht geglaubt.“

Die Erlebnisse haben geprägt, obwohl sie viele Jahre kein Thema waren. Seiner eigenen Familie hat der zweifache Vater und Großvater die Geschichte erzählt. „Ich habe heute einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, sagt Federbusch. Es war für ihn ein Grund, warum er Polizist geworden ist.

Obwohl Federbusch später tatsächlich noch mal in Kur ging, mit 62 Jahren – an Rote Beete und Leberkäse traut sich der Wahl-Vellmarer nicht mehr.

Von Valerie Schaub

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