Ein letztes Mal zur Anprobe

Modehaus Döring am Rathausplatz in Vellmar schließt zum Jahresende

Noch einmal bittet Rainer Döring zur Anprobe: Er schließt sein Modehaus in Vellmar am Rathausplatz zum Ende des Jahres.
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Noch einmal bittet Rainer Döring zur Anprobe: Er schließt sein Modehaus in Vellmar am Rathausplatz zum Ende des Jahres.

Rainer Döring ist ein viel beschäftigter Mann. Gerade hilft er noch einer Kundin in eine rote Fließjacke, dann klingelt schon wieder das Telefon, er wirbelt zur Kasse – immer schnell und freundlich. Dabei ist der Ladeninhaber normalerweise gar nicht jeden Tag im Verkauf. Doch bis Weihnachten wird er hier gebraucht werden, es ist Hochbetrieb im Räumungsverkauf.

Vellmar – Zum Jahresende schließt der 77-Jährige die Türen zu seinem Modehaus am Rathausplatz in Vellmar zum letzten Mal. Einen Nachfolger gebe es bisher nicht.

Mit der Schließung endet auch eine Tradition: Rainer Döring führt die Familiengeschäfte bereits in dritter Generation. Als sein Großvater in Kassel einen Textilgroßhandel unter dem Namen Wilhelm Döring und Söhne betreibt, hat Rainer Döring damit zunächst noch wenig zu tun. Nur die Post holt er als Kind sonntags mit seinem Vater ab. Das ändert sich bald: Denn auch sein Vater steigt in den Großhandel mit ein und wünscht sich, dass sein einziger Sohn ihm folgt. Also macht Döring eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann und besucht die Textilfachschule in Nagold. Als sein Vater einen Herzinfarkt erleidet, ist für den Sohn klar, dass er die Geschäfte übernimmt.

Um den Absatz zu sichern, hat der Familienbetrieb mittlerweile Einzelhandelsgeschäfte gekauft, mit Filialen in Kassel-Harleshausen, in Fuldatal und dem Laden in Vellmar. Das Geschäft startete 1970 in der August-Bebel-Straße, sieben Jahre später zog es als erster Mieter an den Rathausplatz.

Die Anfänge: Zuerst war das Modehaus an der August-Bebel-Straße in Vellmar, 1977 zog es an den Rathausplatz.

Der Laden in Vellmar hält sich bis heute, hat die Schließung des Großhandels 1980 überdauert und den Verlusten einer neuen Ladeneröffnung in Kassel getrotzt.

In all den Jahren sei auch die Zielgruppe mit dem Laden älter geworden, sagt Döring. Mittlerweile kauften auch die Töchter seiner Stammkundinnen hier ein. Zu stemmen sei das nur mit seinen Mitarbeiterinnen, zur Zeit eine Festangestellte und fünf Aushilfen.

Nicht nur die Kunden, auch das Sortiment veränderte sich: „Von der Stecknadel bis zur Berufsbekleidung hatten wir früher alles“, erinnert sich Döring. „Es war wie in einem kleinen Kaufhaus“. Heute verkauft er hauptsächlich Damenoberbekleidung und Unterwäsche.

Was gleich geblieben ist, sei der persönliche Kontakt zu den Kunden, die dankbar seien, wenn sie ausführlich beraten werden. Der Laden nehme auch Bestellungen entgegen, manchmal bis zu einem Dutzend am Tag.

Auch vom Online-Handel könne man sich nur abheben durch: „Service, Service, Service“, sagt Döring. Es gehe darum, jeden Wunsch zu erfüllen. Er habe auch schon Stammkundinnen zu Hause abgeholt, wenn sie nicht in den Laden kommen konnten.

Und die Corona-Krise? Döring lacht müde. 2020 sei ein böses Jahr gewesen, ohne Gewinn. Auch das spiele mit in seine Entscheidung, jetzt einen Schlussstrich zu ziehen.

Auch wenn Rainer Döring den Einschnitt spüren wird, wie er sagt – langweilig wird ihm nicht werden, dafür sorgt der Geschäftsmann. Er will seine Zeit gemeinsam mit seiner Frau für die Pflege seines Wochenendhauses an der Fulda nutzen und sich beim Freiwilligenzentrum melden. „Ich muss ja noch etwas tun“, sagt Döring und lächelt. Mit dem Ende seines Geschäfts beginne nun ein anderes Zeitalter, das will er noch nutzen.

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