„Jeder vor mir hätte helfen müssen“

Nach Tramunfall: Vellmarer Ersthelfer kritisiert mangelnde Hilfsbereitschaft von Autofahrern

An der Unfallstelle in Vellmar: Harry Mondrach hat an der Kreuzung Hauffstraße/Brüder-Grimm-Straße dem verletzten Fahrer, der in eine Tram gefahren war, Erste Hilfe geleistet.
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An der Unfallstelle in Vellmar: Harry Mondrach hat an der Kreuzung Hauffstraße/Brüder-Grimm-Straße dem verletzten Fahrer, der in eine Tram gefahren war, Erste Hilfe geleistet. Er kam mit dem Auto aus Richtung Hauffstraße, im Foto aus Richtung des Lkw.

Eine Unaufmerksamkeit, ein Sekundenschlaf, ein Herzinfarkt am Steuer – und es kracht. Ein Unfall kann jedem passieren – und jeder wünscht sich dann Hilfe. Doch längst nicht alle tun das, halten bei einem offensichtlichen Unfall an und erkundigen sich nach der Lage.

Vellmar – Das hat Harry Mondrach aus Vellmar erschrocken, als er vergangenen Mittwoch plötzlich vor so einem Unfall stand. An der Kreuzung Hauffstraße/Brüder-Grimm-Straße war am Vormittag ein 63-jähriger Ahnataler aus Richtung Hauffstraße in eine fahrende Tram gefahren und verletzte sich dabei schwer.

Als Mondrach das an jenem Mittwochvormittag sieht, muss der Unfall gerade erst passiert sein: Der SUV vor ihm war offensichtlich „frontal in die Tram gedonnert“, schildert der 68-jährige Vellmarer. „Die Bahn war ordentlich demoliert.“

Die Tram steht mitten auf Kreuzung, das Auto quer davor, der Airbag aufgedunsen und der Fahrer darüber gebeugt, so beschreibt Mondrach die Szene. Er überlegt nicht lange, macht den Warnblinker an, stellt seinen Wagen ab, den er eigentlich in die Werkstatt fahren wollte, und rennt zu dem Unfallauto.

„Die Fahrertür war offen“, erinnert sich Mondrach. Er spricht den Mann an. Er habe einen Blackout gehabt, sagt der, kreidebleich. Da kommt schon der Fahrer der Straßenbahn, sagt, er habe einen Krankenwagen gerufen. Eine Frau und ein Mann kommen ebenfalls hinzu, fragen, ob sie helfen können, versuchen, die Frau des Fahrers zu erreichen.

Aber Mondrach sieht eben auch die vielen Autos, die einfach weiterfahren, um die Bahn auf der Kreuzung herumfahren, sogar wenden und wegfahren. „Das sah aus wie Abhauen, dabei muss jeder gesehen haben, dass man helfen muss. Der Mann war bewegungslos, die Fahrertür war offen“, sagt Mondrach. Er sei der erste gewesen, der geholfen habe, obwohl der Unfall schon vor ein paar Minuten passiert sein musste, vermutet er. „Das hat mich geärgert, ich will ja auch Hilfe bekommen, in so einer Situation.“

Tatsächlich hätten Fahrer, die das Gleiche gesehen haben wie Mondrach, sich zumindest erkundigen müssen, ob noch Hilfe benötigt wird. Das resümiert Polizeipressesprecherin Ulrike Schaake. Denn zur Hilfe ist jeder verpflichtet, der erkennt, dass welche benötigt wird. Wer vorbeifährt, obwohl jemand erkennbar verletzt ist, macht sich sogar strafbar und riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe.

Wie es dem Fahrer nun geht, weiß Mondrach nicht. Laut Polizei hat er selbstständig aus dem Auto steigen können – die Verletzungen waren nicht lebensgefährlich. Als Mondrach schon beim Autohändler ist, sieht er noch das Blaulicht.

Dass er selbst keine Scheu hatte, zu Helfen, schreibt Mondrach auch seinem früheren Beruf zu: Vierzig Jahre war er im Polizeidienst. Trotzdem sei ihm so eine Situation noch nie passiert.

Was tun beim Unfall? Hilfe holen kann jeder

Dass immer weniger Menschen Erste Hilfe leisten, lässt sich schwer belegen. Aussagen dazu können nur Unfallopfer und Ersthelfer selbst machen, die die ersten Minuten nach einem Unfall miterleben. Denn Rettungsdienst und Polizei treffen erst später ein.

„Wie viele an einem Unfall vorbeigefahren sind, bekommen wir nicht mit“, sagt Stephan Moritz, Leiter des Rettungsdienstes beim DRK Kreisverband Kassel-Wolfhagen. Trotzdem beobachte auch der Rettungsdienst schon seit Jahren, dass einige Menschen keine Hilfe leisteten. Dabei sind Ersthelfer auch wichtig für die Sanitäter, denn sie können meist Infos zum Unfallhergang schildern. Dass gar keiner an einer Unfallstelle helfe, erlebe er selten.

Ähnlich beschreibt es Bernd Roddewig, Bereichsleiter Rettungsdienst beim Arbeiter-Samariter-Bund. Pauschal lasse sich nicht sagen, dass die Hilfsbereitschaft abnehme. „Die, die nicht helfen, haben oft Angst, etwas falsch zu machen“, sagt Roddewig. Dabei sei diese Angst völlig unbegründet. Denn wenn beispielsweise das Herz eines Unfallopfers aufhört zu schlagen, entscheide jede Minute um Leben und Tod. Bis der Rettungsdienst ankomme, könne es dann schon zu spät sein. Deshalb: „Eine schlechte Herzdruckmassage ist besser als keine.“ Allen Unsicheren raten Rettungsdienste, einen Erste-Hilfe-Kurs zu machen oder ihn aufzufrischen.

Folgendes ist bei einem Unfall zu tun:

  • Situation einschätzen: Was ist an der Unfallstelle erkennbar? Sind Personen verletzt? Wird Hilfe benötigt?
  • Abwägen: (Wie) kann ich helfen?
  • Wenn schon Ersthelfer da sind: Fragen, ob Hilfe benötigt wird und gegebenenfalls helfen.
  • Notruf 112 wählen, Verletzte beziehungsweise Betroffene ansprechen, bei ihnen bleiben, bis Rettungsdienst oder Polizei da sind. Wer den Unfall beobachtet hat, ist Zeuge und für die Polizeiarbeit wichtig.
  • Erste Hilfe leisten.

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