1. Startseite
  2. Lokales
  3. Kreis Kassel
  4. Vellmar

Nadezda Fichtner übersetzt für ukrainische Flüchtlinge in Vellmar

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Valerie Schaub

Kommentare

 Nadezda Fichtner vor einem Gebäude in Vellmar
Hat ein offenes Ohr für ukrainische Kriegsflüchtlinge: Nadezda Fichtner vom Ausländerbeirat in Vellmar engagiert sich ehrenamtlich – hauptsächlich als Dolmetscherin. © Valerie Schaub

Die promovierte Historikerin Nadezda Fichtner hilft Ukrainern als Übersetzerin. Für die Russin spielt die Nationalität dabei keine Rolle.

Vellmar – Dass ihr Handy in den nächsten Wochen vermutlich öfter klingeln wird, darüber hat Nadezda Fichtner aus Vellmar nicht lange nachgedacht. Als sie ihre Nummer herausgab, waren andere Dinge für sie wichtig: Menschen in Not zu helfen, Ansprechpartnerin zu sein für Flüchtlinge aus der Ukraine, ihre Anliegen verstehen und übersetzen.

Die 38-Jährige, die hier Nadja genannt wird, ist in Vellmar deshalb sehr gefragt. Zusammen mit vier weiteren Ehrenamtlichen engagiert sie sich als Übersetzerin. Als Russin versteht sie vieles auf Ukrainisch und kann vermitteln. So wie vor Kurzem: Als der Sohn einer Ukrainerin nachts Zahnschmerzen hatte, hat sie geholfen, einen Arzttermin für den nächsten Morgen zu organisieren. „Innerhalb kürzester Zeit war das Problem gelöst“, sagt sie.

Fichtner fackelt nicht lange, wenn es darum geht, mit anzupacken. Ihre Hilfe hat sie als einziges russischsprachiges Mitglied des Ausländerbeirats deshalb gleich zu Beginn angeboten – als klar war, dass auch in Vellmar Flüchtlinge ankommen werden. Auch für sie war die erste Nachricht von dem Angriffskrieg ein Schock. „Ich konnte das gar nicht glauben“, sagt sie.

In einer Whatsapp-Gruppe ist sie inzwischen mit über 30 Ukrainerinnen vernetzt. Jeden Tag kommen neue dazu.

Fichtner informiert Flüchtlinge und klärt Gerüchte auf

Und das ist wichtig, sagt auch Erster Stadtrat Hans Georg Trust, der die Hilfe der Ehrenamtlichen im Rathaus organisiert. Als sich Ende Februar die ersten Flüchtlinge beim Einwohnermeldeamt der Stadt registrieren, beantwortet Fichtner viele Fragen. Sie hört Gerüchte, etwa Ukrainer dürften Deutschland drei Jahre lang nicht verlassen, wenn sie sich anmelden. „In so einer Situation glaubt man alles.“ Angst und Verzweiflung der Menschen spüre man auch, ohne die Sprache zu kennen.

Zusammen mit vielen weiteren Helfern will sie Vertrauen herstellen, ohne den Menschen etwas überzustülpen. Das brauche Zeit. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen denkt sie etwa über ein Angebot für Frauen nach – ein Raum, in dem sie sich ohne Kinder über Belastendes austauschen können.

Viele Ukrainer sind in Vellmar privat untergebracht, berichtet Fichtner. Das vereinfache zwar einiges. Trotzdem wollten sich nicht alle mit ihren Problemen an die Gastgeber wenden.

Von Ishewsk über St. Petersburg nach Kassel - Jetzt in Vellmar zuhause

In ihrer Heimat Ishewsk hat Nadja Fichtner sich an der Uni auf Deutsche Geschichte spezialisiert. 2007 kam sie von St. Petersburg nach Deutschland, machte einen Master in Kassel, promovierte und blieb. Mit ihrem Mann ist sie nach der Geburt ihrer Zwillinge vor zweieinhalb Jahren von Baunatal nach Vellmar gezogen.

Mit ihrer Muttersprache will sie helfen. Das hat bisher immer geklappt, sagt sie. Dass sie Russin ist, habe niemanden gestört und das hat sie erleichtert. „Die Menschen sind einfach unglaublich dankbar. Die Nationalität spielt dabei keine Rolle.“

Kurzerhand hat Fichtner eine ihrer Führungen, die sie regelmäßig im Hessischen Landesmuseum gibt, kostenlos für Ukrainer angeboten. Als sie das in der Whatsapp-Gruppe ankündigte, habe ständig ihr Handy geklingelt. „Die Menschen wollen auch auf andere Gedanken kommen“, sagt sie. In Zukunft will sie mehr solche kulturelle Angebote machen. (Valerie Schaub)

Auch interessant

Kommentare