Familie aus Vellmar

Moses (10) lebt endlich ein normales Leben – mit zwei fremden Nieren

Vereint auf dem Sofa: Daniel (von links), Katharina, Lena und Moses Lücke aus Vellmar haben einiges durchgemacht. Seit mehreren Jahren lebt der Sohn mit zwei Spendernieren.
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Vereint auf dem Sofa: Daniel (von links), Katharina, Lena und Moses Lücke aus Vellmar haben einiges durchgemacht. Seit mehreren Jahren lebt der Sohn mit zwei Spendernieren.

Moses Lücke aus Vellmar im Kreis Kassel ist zehn Jahre alt. Eigentlich ist er ein normaler Junge - doch was ihn von anderen unterscheidet: Moses trägt zwei fremde Nieren in sich. 

Vellmar – Moses Lücke fühlt sich prima. Viel lieber würde er zwar Fußball spielen, anstatt Hausaufgaben zu machen, aber was soll’s? Es ist noch gar nicht so lange her, da hat der Zehnjährige nicht so vor Energie gestrotzt. „Mein Leben hat sich komplett verändert“, sagt er. Seit etwas mehr als fünf Jahren trägt der Viertklässler zwei Spendernieren in sich.

Bis es zu der Transplantation gekommen ist, bestand der Alltag der Familie Lücke aus Vellmar aus Hoffen und Bangen. Das ist ihre Geschichte:

Sie beginnt während eines Nordsee-Urlaubs im Sommer 2012. Moses ist zwei Jahre alt. Er kränkelt, ist schlapp, in einem Krankenhaus vor Ort wird nichts festgestellt. Weil sich der Zustand nicht bessert, bricht die Familie den Urlaub ab – die Familie, das sind außer Moses noch sein Vater Daniel, Mutter Katharina und die ältere Schwester Lena. Zurück in Nordhessen geht es direkt ins Klinikum. „Wir haben gedacht, er bräuchte nur Infusionen“, erinnert sich die Mutter.

10-Jähriger aus Vellmar (Kreis Kassel): Weil Organe versagen, musste er auf die Intensivstation

Stattdessen überschlagen sich die Ereignisse. Weil Organe versagen, muss Moses auf die Intensivstation. Daniel und Katharina Lücke, beide selbst als Pfleger und Krankenschwester tätig, bleibt nichts anderes übrig, als durch ein Fenster zu beobachten, wie ein Arzt nach dem anderen den jungen Patienten unter die Lupe nimmt. Nicht zu wissen, was da los war, sei das Schlimmste gewesen, sagen die Eltern.

Der Chefarzt habe gesagt: „Ihr Sohn gibt uns Rätsel auf.“ Mit einem Hubschrauber wird Moses ins Klinikum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gebracht, dort befindet sich auch ein großes Transplantationszentrum. „Die Warterei hat mich wahnsinnig gemacht“, sagt Katharina Lücke. Doch die Mediziner finden den Grund: Moses leidet an aHUS – einem atypischen hämolytisch-urämischen Syndrom, und das beeinträchtigt die Nieren.

Das Leben des Jungen ist fortan eingeschränkt. Medikamente, Diät, er bekommt einen künstlichen Zugang durch die Bauchdecke, alle 14 Tage muss er für Infusionen nach Hannover, er geht zwar in den Kindergarten, kann mit Freunden spielen, ist aber nach kurzer Zeit schlapp. Irgendwann rutschen seine Werte in den Keller.

Vater des 10-Jährigen: „Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, hoffst du, dass es eine Niere gibt“

Ende 2014 kommt Moses auf eine Transplantationsliste, zudem übernimmt nun die Dialyse die Reinigung seines Blutes – jede Nacht, zehn Stunden lang. Für sämtliche Beutel mit Lösungen, die per Lkw geliefert werden, müssen die Lückes ihren halben Keller leer räumen.

An große Unternehmungen oder gar an Urlaub ist in dieser Phase nicht zu denken. Und dann dieses Kribbeln: „Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, hoffst du, dass es eine Niere gibt“, sagt Vater Daniel. Diesen Anruf erhält die Familie an Ostersonntag 2015 – Tasche packen, Sohn packen, und ab nach Hannover.

Die Operation verläuft ohne Probleme. Doch dann der Rückschlag: Irgendetwas stimmt nicht mit der Niere, das Organ muss raus und Moses wieder an die Dialyse. Aber der Junge lässt sich nicht unterkriegen. Er sei ein Kämpfer, ein Stehauf-Männchen, sagt die Mutter: „Er macht es uns mit seiner Art sehr leicht.“ Und der Sohnemann berichtet seiner Oma, dass der Osterhase die falsche Niere gebracht habe, vom Weihnachtsmann gebe es aber die richtige.

Es ist dann eher der Nikolaus. Am 7. Dezember desselben Jahres erhält Moses die zweite Chance. Alles klappt, dieses Mal sind es zwei Nieren, weil der Spender erst zweieinhalb war, wie die Familie später erfährt. Und diese zwei Nieren werden von Moses, dem Bayern-Fan, Müller und Robben getauft, benannt nach seinen Lieblingsfußballern. Sogar in den Akten in Hannover sind die Organe nicht als rechte oder linke Niere, sondern unter Müller und Robben aufgeführt.

10-Jähriger aus dem Kreis Kassel hat nun zwei neue Nieren: Senderfamilie kommt aus Frankreich

Und endlich darf Moses wieder in ein Nutella-Brötchen beißen. „Das habe ich schon sehr vermisst“, sagt er. Medikamente muss er weiterhin nehmen, außerdem viel trinken, sich viel bewegen, regelmäßig nach Hannover zur Untersuchung, aber die Lebensqualität sei zurück, sagen die Eltern. Mutter Katharina spricht aber auch von einem Damoklesschwert, das über ihnen schwebe: „Wir wissen halt nicht, wie lange das Organ hält.“ Doch diese Gedanken schieben sie, so gut es geht, beiseite.

Einige Zeit nach der OP nehmen die Lückes über Eurotransplant, einer Organisation für die Zuteilung von Spenderorganen, Kontakt zu den Angehörigen des Spenders auf – anonym. Es kommt ein Brief in Vellmar an, drei Seiten lang, auf Französisch. Darin beschreiben die Eltern, dass ihr Kind im Kindergarten einen Unfall gehabt habe.

Es sei fröhlich gewesen mit strahlenden Augen – und dieses Strahlen wollten sie an ein anderes Kind weitergeben. Fröhlich und strahlend ist Moses auf jeden Fall.

Corona hat das Leben einer fünfköpfigen Familie aus Habichtswald-Ehlen im Kreis Kassel aus den Fugen gehoben. Sabrina Oeste und Karsten Kirchhof infizierten sich Anfang Dezember zusammen mit ihren drei Kindern während einer Eltern-Kind-Kur im bayerischen Lechbruck am See. (Robin Lipke)

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