Sein Enkel aus Vellmar erinnert sich

Statt Chefsessel an die Ostfront: Journalist Rolf Mengel lehnte Eintritt in NSDAP ab

Auf diesem Schwarz-Weiß-Foto ist ein Mann zu sehen, der Brille, ein gestreiftes Hemd sowie eine Krawatte trägt und ein Baby auf dem Arm hält.
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Dieses Porträtfoto von Rolf Mengel wurde im Oktober 1961 mit dem Nachruf in der Hessischen Allgemeinen veröffentlicht.

Moralisch sauber, unbestechlich, unbescholten und fair. So sei er gewesen, erzählen seine Kinder es dem Enkel, der seinen Großvater nie kennengelernt hat. „Er muss ein sehr integrer Mensch gewesen sein“, sagt Rolf Mengel über seinen Großvater, nach dem er benannt wurde.

Vellmar – Wäre Rolf Mengel senior weniger integer und moralisch gefestigt gewesen, wäre sein Lebensweg wohl anders verlaufen. Denn statt Chefredakteur zu werden, geht Mengel in den letzten Kriegsjahren an die Ostfront als Soldat. Nicht, weil er das will, sondern weil er es ablehnt, in die NSDAP einzutreten, um den Posten als Chef seiner Zeitung zu bekommen.

So zumindest erzählen es die Kinder von Rolf Mengel dem Enkel, als der viele Jahrzehnte später erfahren will, wer der Mann war, dessen Namen er trägt. „Er wusste, was die Weigerung, in die Partei einzutreten, für ihn und seine Familie bedeutet“, sagt der Enkel. Als Reaktion auf seine Ablehnung, der NSDAP beizutreten, wird Mengel eingezogen und muss an der Ostfront kämpfen.

Rolf Mengel

Seit 1933 war Mengel Redakteur bei der Kurhessischen Landeszeitung. Laut des Online-Archivs der Bibliothek des amerikanischen Kongresses (Library of Congress) erschien die erste Ausgabe dieser Zeitung am 1. November 1933. Laut Regiowiki ist die Landeszeitung später das Zentralorgan der Gauleitung. Andere Blätter, wie zum Beispiel die Kasseler Post, die 1923 aus der Zusammenlegung der Casseler Allgemeinen Zeitung und der Hessischen Post entsteht, werden von den Nationalsozialisten verboten oder gleichgeschaltet.

Mengel schreibt bei der Kurhessischen Landeszeitung als Lokalredakteur, bis er eingezogen wird. An der Ostfront hat er Glück im Unglück. Er erkrankt an einem Herzleiden und wird in ein Lazarett nach Weimar verlegt. Seine Frau und die vier Kinder werden in Kassel ausgebombt und nach Marburg evakuiert. Seine Oma Elfriede sei es auch gewesen, erzählt Enkel Rolf Mengel, die dafür gesorgt habe, dass der Opa aus Weimar nach Frankenberg verlegt wird. „Sie war die Macherin in der Beziehung“, sagt Mengel. Der Opa, so erzählen es seine Kinder, war der weichere der beiden.

Elfriede Mengel führt in den Jahren in Marburg ein Lebensmittelgeschäft, ihr ältester Sohn Gerd – Rolf Mengels Vater – kümmert sich um die drei jüngeren Geschwister. „Oma ist oft montagmorgens los und erst am Wochenende zurückgekommen“, sagt Mengel, der mit seiner Frau in Vellmar lebt. Sein Vater habe sehr selten über diese Zeit und seinen Vater gesprochen. Erst nachdem sein Vater 2015 gestorben sei, habe Rolf Mengel begonnen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Sein Tod war der Auslöser dafür, dass ich mehr wissen wollte“, sagt der kaufmännische Angestellte. Vor allem über den Mann, dessen Namen er trägt, und den er nie getroffen hat. Denn der Großvater stirbt am 29. Oktober 1961, fast genau ein Jahr vor der Geburt des Enkels.

Rolf Mengel wird nur 55 Jahre alt. Er stirbt unerwartet an einem Herzschlag – an einem Sonntagmorgen beim Frühstück. „Er fragte meine Großmutter, ob sie ihm noch mal die tolle Marmelade holen könnte, die er am Vortag gegessen hatte“, erzählt der Enkel. „Als sie zurück an den Tisch kam, war er tot.“

Dieses Porträtfoto von Rolf Mengel wurde im Oktober 1961 mit dem Nachruf in der Hessischen Allgemeinen veröffentlicht.

Noch kurz zuvor hatte er seinen letzten Artikel für die Hessische Allgemeine (HA) verfasst, für die er seit der Fusion der Hessischen Nachrichten und der Kasseler Zeitung als freier Journalist schrieb. Zuvor war er seit seiner Rückkehr nach Kassel 1950 verantwortlicher Redakteur des Provinzressorts der Kasseler Zeitung gewesen, wie es in einem Nachruf in der Hessischen Allgemeinen heißt. Dort schreiben die Kollegen über seinen plötzlichen Tod: „Wir konnten es nicht fassen und mußten uns die tragische Kunde immer wieder bestätigen lassen: Als das Manuskript am Sonntag in unserer Redaktion eintraf, war sein Verfasser nicht mehr unter den Lebenden.“

Er, der ganz in seiner Arbeit als Journalist aufgegangen sei, und sich ihr „mit großem Fleiß und unermüdlichem Eifer“ gewidmet habe, hatte bis zum Ende genau das gemacht, was er am liebsten tat: Schreiben. (Amira El Ahl)

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