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VDK-Präsidentin und Ex-Biathletin spricht in Vellmar über Ungleichheit

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Von: Valerie Schaub

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Vielfalt als Gewinn: Verena Bentele setzt sich dafür ein, dass Unternehmen Menschen mit Behinderung gezielt einstellen.
Venera Bentele liest im Bürgerhaus Vellmar-West aus ihrem Buch „Wir denken neu“ vor. © Friedrich Bungert

Verena Bentele gilt als Superstar des Behindertensports. Nun liest die sozialpolitisch-engagierte 40-Jährige aus ihrem Buch „Wir denken neu“ im Bürgerhaus Vellmar-West vor. Ein Interview.

Vellmar – Mittlerweile engagiert sich die 40-Jährige auch sozialpolitisch: als Präsidentin des größten Sozialverbandes Deutschland, dem VDK. Ihre Vision für einen neuen Sozialstaat hat sie in ihrem Buch beschrieben. Am morgigen Donnerstag stellt sie es ab 20 Uhr im Bürgerhaus Vellmar-West vor. Wir haben vor dem Auftritt mit ihr telefoniert.

Frau Bentele, Ihr Buch heißt „Wir denken neu“. Was sollte im Sozialstaat neu gedacht werden?

Neu denken heißt, dass wir in einem Sozialstaat solidarisch denken, dass Menschen sich unterstützen und sich nach ihren Möglichkeiten einbringen. Wichtig ist, dass wir nicht immer nur gucken sollten, an wem wir noch sparen können. Zum Beispiel hat die Union am Montag im Bundesrat das Bürgergeld blockiert, was ich sehr schlecht finde. Gerade Menschen, die von Grundsicherungsleistungen abhängig sind, leiden momentan stärker an den gestiegenen Preisen und der hohen Inflation.

Wie sollte der Sozialstaat konkret aussehen?

Eine wichtige Veränderung ist, dass es eine Bürgerversicherung braucht, zum Beispiel eine Rentenversicherung, in die alle einzahlen, also auch Beamte, Politiker und Selbstständige. Und eine Krankenversicherung, die nicht zwischen der privaten und gesetzlichen unterscheidet. Einerseits werden von der Gemeinschaft der gesetzlich Versicherten auch Beiträge für Kinder mitfinanziert. Andererseits sind in der privaten viele nicht so gut versorgt, weil sie in ihren Verträgen in Zeiten, in denen sie gesund waren, einiges rausgenommen haben. Dass wir neu denken müssen, gilt auch für die Steuerpolitik: Wir haben in Deutschland seit 1997 keine angewandte Vermögenssteuer mehr, genauso wenig wie eine gerechte Erbschaftssteuer. Da fordern wir mehr politischen Mut.

Sie schreiben, dass die Gesellschaft auch „im Denken und Fühlen“ gespalten sei. Woran machen Sie das fest?

Die Wahlbeteiligung ist längst nicht so hoch, wie das früher mal war. Das ist ein Indiz dafür, dass sich viele Menschen nicht mehr gut von den politischen Entscheidungsträgern repräsentiert fühlen. Ein anderes Indiz ist, dass Menschen immer mehr zu Parteien tendieren, die nicht unsere Werte von Toleranz und Offenheit teilen, in Bezug auf Menschen mit Behinderung oder Menschen mit Migrationshintergrund. Das sehe ich als ein absolutes Alarmsignal, das wir alle ernst nehmen sollten und bei dem wir uns nicht wegducken dürfen. Das Wichtigste ist, dass die Demokratie von allen mitgetragen wird. Das erreichen wir besser, wenn die Menschen das Gefühl haben, es bewegt sich etwas für sie.

Sie arbeiten für den größten Sozialverband. Was sind die Sorgen der Menschen?

Im Moment sind die Sorgen groß wegen der gestiegenen Energiepreise, wegen der hohen Kosten für Lebensmittel und alltägliche Dinge. Auch im Bereich der Pflege ist vieles im Argen, weil viele politische Maßnahmen sich auf Heime konzentrieren, aber nicht auf die 80 Prozent der Menschen, die zu Hause gepflegt werden. Für sie wird ganz wenig getan: Es wird kein Rettungsschirm aufgespannt, das Pflegegeld wird nicht erhöht. Da sehe ich unsere Arbeit als wichtig an, um für die Menschen eine starke Stimme zu sein.

Wann haben Sie gemerkt, dass sie etwas in der Politik bewegen wollen, können oder sogar müssen?

Ich hab mich früh sportpolitisch engagiert und für gleiche Bedingungen von paralympischen und olympischen Sportlern gekämpft, beispielsweise, dass sie die gleichen Medaillenprämien bekommen. Ich komme aus einer politischen Familie, in der sich viele engagiert haben. Ich fing bei der SPD in der Kommunalpolitik an, dann als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und jetzt im VDK. Politik ist ein toller Job, weil er die Chance bietet, sich für Menschen einzusetzen. Aber es ist auch ein mühsamer Job, weil er viel Ausdauer erfordert und sich vieles sehr langsam ändert.

Was treibt Sie an?

Dass ich sehr gerne Veränderungen mag. Ich mache immer wieder andere Dinge im Sport und in der Arbeit. Ich freue mich, wenn ich etwas für meine Mitglieder erreichen und ihnen ein Gefühl von Beteiligung geben kann. Was ich auch aus dem Sport mitnehme: Wir können nur als Team erfolgreich sein. Im Sport war ich nie ohne Trainer, ohne Physiotherapeuten oder ohne Begleitläufer erfolgreich. Es ist wichtig, zu sehen, dass der Erfolg an vielen hängt.

In wenigen Tagen beginnt die Fußball-WM in Katar. Im Frühjahr waren die Winter-Paralympics in Peking. Wie denken Sie über die allgemeine Entwicklung des Sports? Was ist daran noch Sport und was schon Politik?

Ich finde das eine schwierige Sache. Ich bin überzeugt davon, dass der Sport sich mit dem Thema Nachhaltigkeit von Sportstätten aber auch mit Austragungsorten und wie dort mit Menschenrechten umgegangen wird, auseinandersetzen muss. Um eben genau das zu vermeiden, was gerade in China passiert ist, und was jetzt in Katar passiert: Dass der Sport absolut zweit- oder drittrangig ist, weil andere Themen im Vordergrund stehen. Wir sollten die Diskussion aber nicht beim Sport belassen, wir machen ja mit all diesen Ländern auch Geschäfte. Die Diskussion muss weitergehen und sich auf wirtschaftspolitische Fragen erstrecken.

Werden Sie die WM in Katar verfolgen?

Nein, eher nicht. Die Lust auf Fußball ist bei mir gering, wenn man die Aussagen des WM-Botschafters aus Katar hört.

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