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Erst tief entspannt, dann Gänsehaut

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Von: Torsten Kohlhaase

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Einschwören in der Kabine: Vellmars Trainer Marcus Krössin (links) und sein Team vor dem Topspiel gegen die Westerwald Volleys.
Einschwören in der Kabine: Vellmars Trainer Marcus Krössin (rechts) und sein Team vor dem Topspiel gegen die Westerwald Volleys. © Fischer, Andreas

Er ruht in sich. Links und rechts schlagen Bälle ein, die Gespräche auf der Tribüne werden lauter und lauter, aus den Boxen dröhnt Musik. Eine halbe Stunde vor dem Topspiel der Volleyball-Regionalliga zwischen dem Tabellenzweiten SSC Vellmar und Spitzenreiter Westerwald Volleys ist Marcus Krössin nicht aus der Ruhe zu bringen. „Ich bin tiefenentspannt“, sagt der Trainer. Dann schlagen sich die Teams ein. Phil Hotho zimmert die ersten kurzen Bälle in den Dreimeterraum und erntet dafür Applaus von seinen Mitspielern.

Mittlerweile hat sich die Großsporthalle gefüllt. 350 Zuschauer sind gekommen – eine Kulisse, die kaum einen auf dem Feld kaltlässt. SSC-Zuspieler Timo Breithaupt sagt später, dass er vor der Partie Gänsehaut hatte – und danach auch noch. Der erste Satz läuft zunächst nicht wie erwartet. 8:14-Rückstand, dann von 13:17 auf 16:17 rangekommen. Vor allem deshalb, weil Außenangreifer Florian Cheung ein richtig starkes Spiel abliefert. Bei 21:20 geht der SSC unter dem Wummern der Trommler und „Vellmar, Vellmar“-Sprechchören endlich in Führung. Und behält diese bis zum Satzgewinn beim 25:22.

Durchatmen. Aber nur kurz. Dann geben die Vellmarer wieder Vollgas – in Person der W-und-W-Fraktion. Mika Wiemers und Clemens Weinrich schlagen und blocken was das Zeug hält, die Gastgeber liegen fast immer in Führung. Dass am Anschreibertischt kurz Unruhe herrscht, weil es Probleme mit dem Kabel gibt, bekommt fast keiner mit. Mit 15:10 und 20:15 steuert der SSC auf eine beruhigende 2:0-Satzführung zu – aber was heißt schon beruhigend. Vier Punkte in Folge bringen die Gäste auf 19:20 heran. Weitere fünf Zähler in Serie bedeuten am Ende, dass Vellmar trotz eines 22:20-Vorsprungs den Satz noch mit 22:25 abgibt. Ein Knackpunkt. „Das hätten wir nie und nimmer verlieren dürfen“, sagt Breithaupt.

Mitte des dritten Durchgangs ist dann die Luft komplett raus. Bis zum 11:12 halten die Nordhessen noch irgendwie mit, dann sorgt das Team aus Rheinland-Pfalz, das einige Spieler mit höherklassiger Erfahrung in seinen Reihen hat, für die Vorentscheidung. Acht gegnerische Punkte in Folge sind für jede Volleyballmannschaft ein größeres Problem. Bei 19:11 machen die Westerwald Volleys fast schon alles klar, am Ende holen sie sich mit 25:14 die 2:1-Satzführung. Dass heute der Tabellenführer seine erste Saisonniederlage einstecken würde, ist nun wieder ein bisschen unwahrscheinlicher geworden.

Anfang des vierten Satzes sind die Zuschauer wieder voll da, peitschen das Vellmarer Team nach vorn. Etliche Volleyball-Mannschaften aus dem Umland sind im Publikum vertreten, um sich das höchstklassige Team der Region anzuschauen. Das hält bis zum 6:6 ordentlich mit, bekommt dann aber wieder Schwierigkeiten. Plötzlich steht es 6:10, 8:13 und 13:18. Die Vorentscheidung? Noch nicht. Markus Ludwig bringt die Vellmarer mit starken Aufschlägen beim 19:21 wieder heran bis auf zwei Zähler. Aber als erneut ein Aufschlag im Aus landet, und der Ball nach Alexander Suchforts Abwehrversuch die Decke berührt, ist das 22:25 und damit die bittere 1:3-Niederlage besiegelt.

„Es war ein sensationelles Volleyballspiel vor einer unglaublichen Kulisse. In den Sätzen eins, zwei und vier haben wir das umgesetzt, was wir auch spielen wollten“, sagt Krössin. Von großer Enttäuschung ist keine Spur, auch wenn es für Vellmar nur noch um Platz zwei geht und den Westerwald Volleys die Meisterschaft praktisch nicht mehr zu nehmen ist. Ob der Kontrahent den Aufstieg auch wahrnimmt, steht noch nicht fest. „Wir setzen uns in den nächsten zwei Wochen zusammen und werden entscheiden. Erstmal haben beide Mannschaften heute Werbung für einen tollen Sport gemacht – vor einem Publikum, das so auch in der Dritten Liga nicht selbstverständlich ist“, sagt Gäste-Spielertrainer Alex Krippes.

Und Vellmar? „Natürlich ist es erstmal enttäuschend, aber wir wollen jetzt die Vizemeisterschaft sichern, das ist unser Ziel“, sagt Breithaupt. Als sich die Tribünen geleert haben, schwindet auch bei ihm langsam die Gänsehaut. Es kehrt wieder Ruhe ein in der Großsporthalle. So wie zu Beginn, als Marcus Krössin noch gänzlich tiefenentspannt war.

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