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Von Pferden, Pflügen und Traktoren: Bauernverband besteht seit 75 Jahren

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Von: Michaela Pflug

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Proteste gehören schon lange dazu: Diese Aufnahme aus dem HNA-Archiv zeigt eine Demonstration von Landwirten im August 1988.
Proteste gehören schon lange dazu: Diese Aufnahme aus dem HNA-Archiv zeigt eine Demonstration von Landwirten im August 1988. © HNA Archiv

Seit 75 Jahren vertritt der Kreisbauernverband Kassel die Interessen der Landwirte in der Region. In dieser Zeit hat sich auch in der Landwirtschaft viel verändert.

Kreis Kassel – Vom Kampf gegen den Hunger über Milchquoten bis hin zu Flächenfraß – die Themen, die in der Landwirtschaft wichtig waren, haben sich seit 1947 deutlich verändert. Und so änderte sich auch die Arbeit des KBVK, der sich heute für Bauern in der Stadt Kassel und den ehemaligen Altkreisen Kassel und Wolfhagen einsetzt. Geschäftsführer Reinhard Schulte-Ebbert und Vorsitzender Erich Schaumburg, dessen Vater dasselbe Amt vor 75 Jahren innehatten, berichten.

Vor der Gründung

Auch vor der Gründung gab es Zusammenschlüsse von Bauern. Allerdings waren diese oft auf einen Ort begrenzt, erklärt Schaumburg. Ein Beispiel sei die Vatertierhaltung. So waren Kommunen verpflichtet, Tiere wie einen Gemeindebullen oder -eber zu haben, um die Zucht und Viehhaltung aller Landwirte vor Ort voranzutreiben und zu vereinfachen. „Viel Politik wurde damals vor Ort betrieben, erst später wurden Entscheidungen auf höheren Ebenen bedeutender, sagt Schaumburg. „Um die Interessen der Landwirte dort zu artikulieren, brauchte es also eine Vertretung.“

Der Hunger

Schon im Herbst 1947 gab es ein Treffen mit der Intention, sich formell zusammenzuschließen. Allerdings habe es wohl Irritationen über die Führung gegeben, offiziell gegründet wurde der Kasseler Verband erst Anfang 1948. Erster Vorsitzender war Erich Schaumburg senior. „Größtes Thema war damals die Ernährungssicherung“, sagt Reinhard Schulte-Ebbert. „Es ging darum, jeden Quadratmeter für Anbau zu nutzen“, sagt Schaumburg. Luftbilder aus den 50er-Jahren zeigten, dass jeder Wegesrand und eigentlich ungeeignete Flächen bewirtschaftet wurden und stillgelegte Flächen ferne Zukunftsmusik waren. Selbst als sich die Lage langsame entspannte: „Die Angst vor dem Hunger blieb“, sagt Schulte-Ebbert.

Aussiedlerhöfe

Ende der 50er Jahre wurde ein bestimmendes Thema die Aussiedlung von Höfen. „Typisch für Nordhessen war, dass die Betriebe in den Ortslagen waren, dass es sehr beengt war“, erklärt Schulte-Ebbert. Das konnte zu Konflikten führen, etwa da Verkehrsströme sich in dieser Zeit verdichteten. Außerhalb der Orte gab es mehr Platz für Landwirte und Tiere, der Weg zu den Äckern war kürzer und die Möglichkeit, sich zu entwickeln, größer. Auch stinkende Misten verschwanden so aus den Orten. Vergünstigte Darlehen und Architektenleistungen schafften Anreize. Das hatte einen weiteren Nebeneffekt: „Es gab nur fünf Prototypen“, erklärt Schaumburg. Deshalb sehen viele Höfe in Hessen ähnlich aus. Mit der Aussiedlung sei auch eine größere Spezialisierung einhergegangen.

EU-Politik

Zu Beginn der 60er trat dann die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, heute EU, in Kraft. Sie sollte den Hunger bekämpfen und hatte in den kommenden Jahrzehnten maßgebliche Auswirkungen auf Landwirte. Staatlich garantierte Preise für Milch, Getreide und Fleisch waren das Mittel der Wahl, um die Nahrungsproduktion schnell zu steigern und die Einkommen der Bauern zu sichern. Sie führten allerdings zu Überproduktion.

Quoten und Wachstum

Anfang der 80er Jahre wurden dann Quoten eingeführt, zum Beispiel für Milch, um die Produktion in den EU-Mitgliedstaaten zu beschränken. Wer zu viel produzierte, musste zahlen. Das führte schon vor der Einführung dazu, dass viele Bauern vor der Frage standen, ob sie weiter machen. „Schon damals galt: wachsen oder weichen“, erklärt Schaumburg. Das hatte auch mit der Entwicklung der Region zu. Da war der Autobahnbau – 1968 wurde das 16 Kilometer lange Stück zwischen Kassel und Burghasungen fertig. Das führte zum Verlust landwirtschaftlicher Flächen. Dafür wurden auch mehr Gewerbe- und Industriegebiete entwickelt. Hier entstanden Jobs, die für viele interessant waren, auch Landwirte, erklärt Schaumburg.

Demonstrationen

Die Preise für ihre Produkte und die EU-Politik beschäftigten Landwirte stetig. „Ich erinnere mich, in der 90ern waren wir ständig wegen der Milch auf der Straße“, sagt Schaumburg. Besonders Ende der 90er Jahre spitzte sich die Situation zu, als eine umfassende Reform der EU-Agrarpolitik bevorstand. „50 000 Bauern zogen gegen EU zu Felde“ titelte die HNA am 23. Februar 1999. Die Milchpreise sollten aber auch nach der Reform immer wieder für Proteste und Existenznöte sorgen. 2008 zum Beispiel, als es zu einem Konflikt zwischen Molkereien und Bauern kam.

Aber es gab auch positive Nachrichten in den 90ern – besonders für Eheleute von Landwirten. Die sogenannte Bäuerinnenrente wurde eingeführt. „Die sind früher leer ausgegangen“, sagt Schaumburg. Die Landfrauen hätten sich für diese Reform, die 1995 in Kraft trat, besonders eingesetzt.

Zusammenschluss

2002 wuchs der Kreisbauernverband. Der Kasseler und der Wolfhager Verband schlossen sich zusammen. „Es ging darum, effizienter zu sein, Kosten zu sparen und eine gemeinsame Stimme im Landkreis zu haben“, sagt Schaumburg, der damals Vorsitzender des Kasseler Teils war. Pläne, den gesamten Landkreis zu vertreten, habe man leider nicht umsetzen können. Die Energiegewinnung rückte in dieser Zeit mehr in den Fokus. Vermehrt wurden PV-Anlagen auf Scheunendächer gesetzt. „Auch Biogasanlagen wurden zu einer weiteren Einkommensquelle“, sagt Schulte-Ebbert. Ende der Nuller-Jahre entstand die Idee für die Anlage in Wolfhagen, an der der Maschinenring, der KBV und Landwirte beteiligt sind.

Aktuelle Probleme

Werden große Bau- oder Verkehrsprojekte geplant, werden auch Betroffene befragt. „Es vergeht keine Woche, in der keine Pläne für Bauprojekte zur Stellungnahme beim KBV eingehen“, sagt Schulte-Ebbert. Die Anfragen hier hätten stark zugenommen. Man merke, dass Kassel ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt ist, der attraktiv für Gewerbe, insbesondere für Logistiker sei. So seien im Landkreis in den vergangenen zehn Jahren rund tausend Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche verloren gegangen.

Immer Thema ist die Zukunft der Landwirtschaft. „Wer investieren will, braucht Planungssicherheit“, sagt Schaumburg. Wichtige politische Entscheidungen würden aber immer wieder verschoben, seien oft nur schwer bis kaum mit der landwirtschaftlichen Realität zu vereinbaren. „Das ist und bleibt ein Problem.“ (Michaela Pflug)

Einst mit Pferden: Julius Kloppmann aus Habichtswald-Dörnberg in den 1940ern.
Einst mit Pferden: Julius Kloppmann aus Habichtswald-Dörnberg in den 1940ern. © Familie Kloppmann
Einst mit Pferden: Julius Kloppmann aus Habichtswald-Dörnberg in den 1940ern.
Einst mit Pferden: Julius Kloppmann aus Habichtswald-Dörnberg in den 1940ern. © Familie Kloppmann
Stolz auf ihre Arbeit: Landwirte bei einem Umzug in Fuldatal in den 1960er Jahren.
Stolz auf ihre Arbeit: Landwirte bei einem Umzug in Fuldatal in den 1960er Jahren. © Christa Beyer

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