Landkreis Kassel

Waschbären besetzen Dachboden: „Unter dem Spalt konnte man noch die Krallen sehen“

Die Waschbärin hat sich auf dem Dachboden eingenistet und zieht dort vier Babys auf.
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Die Waschbärin hat sich auf dem Dachboden eingenistet und zieht dort vier Babys auf.

Seit Ende April kann Lisa Bertram den Dachboden ihres Fachwerkhauses im Espenauer Ortsteil Hohenkirchen nicht mehr betreten. Grund ist eine Waschbär-Mama.

Espenau – Öffnet die 31-Jährige die Tür zum Speicher, dauert es nur wenige Sekunden, bis laut fauchend eine Waschbärin hinter Holzbalken hervorlugt und zum Angriff übergehen will. Der Grund für das aggressive Verhalten scheint der Mutterinstinkt der Waschbärin zu sein.

In einem Loch zwischen Dachbalken zieht sie ihre vier Jungen groß, die nur wenige Wochen alt sind. Die junge Frau fühlt sich mit der Situation überfordert und allein gelassen, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung schildert. „Niemand fühlt sich zuständig, weder das Ordnungsamt, noch Jäger oder die Waffenschutzbehörde“, berichtet Bertram. Sie alle beriefen sich auf die Jagdschonzeit für Waschbären, nach der ausgewachsene Tiere nur zwischen 1. August und 28. Februar bejagt werden dürfen.

Waschbären-Mama besetzt Speicher in Espenau: Besitzerin möchte nicht dass das Muttertier erschossen wird

Lisa Bertram möchte aber weder, dass das Muttertier erschossen wird, noch dass die Kleinen von ihrer Mutter getrennt werden. In ihrer Not ruft sie den Kasseler Waschbärexperten Frank Becker zu Hilfe, der nur eine Lösung für das Problem sieht: Man müsse abwarten, bis der etwa vier Wochen alte Nachwuchs anfängt zu laufen und aus dem Loch hinauskommt.

Geht die Mutter mit ihren Kleinen dann etwa auf Nahrungssuche im Freien, müsste der Zugang schnellstmöglich dicht gemacht und das Dach zusätzlich mit einem Stromzaun gesichert werden.

Beobachten die Waschbären über Kameras auf dem iPad: Lisa Bertram und ihr Vater Michael.

Dann müssten sich die Waschbären zwar ein neues Zuhause suchen, Lisa Bertram könnte sich in ihrem Haus aber endlich wieder überall sorgenfrei bewegen – ebenso ihre Katze Frieda und ihr Hund Lotti, die durch die Geräusche vom Dachboden angestachelt werden.

Die Waschbärmutter guckt aus einem Loch im Dach des Fachwerkhauses der Familie Bertram in Espenau. Über diesen Zugang geht die Waschbärin ein und aus.

Von ihren Mitbewohnern auf dem Dachboden hat Lisa Bertram aus Espenau durch Zufall erfahren. Für den Umbau der Küche will ihr Vater Michael Ende April Material vom Dachboden holen. Zunächst traut er seinen Augen nicht, als er dort eine komplett zerlegte Vitrine und zerrissene Planen erblickt.

Waschbären in Alarmbereitschaft: „Ich konnte gerade noch die Türe schließen. Unter dem Spalt konnte man noch die Krallen sehen“

Nur zwei Tage später wird klar, wer dafür verantwortlich ist. Gegen fünf Uhr in der Früh wird Lisa Bertram plötzlich unsanft aus dem Schlaf gerissen. Auf dem Dachboden poltert es, Hund und Katze sind in Alarmbereitschaft. Als sie nach dem Rechten sieht, wird sie von einem Waschbären wieder herunter gejagt.

„Ich konnte gerade noch die Türe schließen. Unter dem Spalt konnte man noch die Krallen sehen“, berichtet die 31-Jährige. Am Tag darauf kommt ihr Vater Michael zur Hilfe. Auf dem Dachboden erblickt er ein „riesiges Männchen“, dass sich auch von Spritzern aus der Wasserpistole unbeeindruckt zeigt.

Den Dachboden rüsten die Bertrams aus Espenau anschließend mit Kameras aus, wodurch sie die Aktivitäten der Tiere beobachten können. Das Männchen sei verschwunden, dann tritt das Muttertier in Erscheinung. Auf den Bildern der Kamera entdeckt Lisa Bertram schließlich den Waschbären-Nachwuchs.

Das Verhalten der Behörden kann Michael Bertram nicht nachvollziehen. „Warum können die Tiere nicht per Lebendfalle gefangen und umgesiedelt werden?“ So bleibe ungewiss, wann die Waschbärfamilie den Dachboden endlich verlässt. „Hinzu kommt, dass unser Haus unter Denkmalschutz steht und Umbauten sehr strengen Regeln unterliegen.“ Auch sei es momentan durch die Einschränkungen der Pandemie ohnehin schwierig, einen Termin bei Handwerksfirmen zu bekommen.

Das sagt der Waschbärexperte: „Ohne Schutz kommt der Waschbär in jedes Haus“

Einer, der sich schon seit 1995 mit der Bekämpfung von Waschbären beschäftigt, ist Frank Becker aus Kassel. Der geprüfte Jagdaufseher und Elektroinstallateur bietet Schutzvorrichtungen gegen Waschbären an. Im Interview gibt er Tipps, wie man sich die Tiere vom Leib halten kann.

Waschbären-Schreck: Jagdaufseher Frank Becker aus Wahlershausen ist gefragter Fachmann, wenn es um den Schutz von Gebäuden vor Waschbären geht.

Herr Becker, was kann man tun, damit Waschbären nicht ins Haus kommen?

Ohne Schutzmaßnahmen kommt ein Waschbär in jedes Haus. Man sollte deshalb Fallrohre und Hausecken, an denen sie sich festhalten können, durch Manschetten oder Kunststoffscheiben sichern. Verlässlich geht das nur mit einem Elektrozaun. Trichter an Dachrinnen taugen gar nichts, daran kommen Waschbären vorbei. Ansonsten sollte man keine Essensreste auf den Komposthaufen werfen, Mülleimer verschließen und kein Katzen- oder Hundefutter draußen aufstellen.

Welche Möglichkeiten hat man, wenn ein Waschbär bereits im Haus ist?

Dann wird es schwierig. Waschbären sind Wild und stehen unter Schutz, vor allem die zur Aufzucht notwendigen Elterntiere. Handelt es sich um ein Einzeltier, kann man Schutz ans Haus anbringen, damit es nicht wieder an der Hauswand hochkommt. Waschbären gehen ja jede Nacht nach draußen zur Nahrungssuche. Gejagt werden darf der Waschbär nur unter bestimmten Bedingungen. Außerdem muss man dafür Experten oder Jäger anfragen. Das Aussetzen von Waschbären ist verboten, also wenn fangen, dann töten.

Ist es vorbei, wenn man die Waschbären einmal losgeworden ist, oder kommen Waschbären immer wieder an einen Ort zurück?

Waschbären hinterlassen Duftmarken, die die Artgenossen riechen und somit auch wissen, hier ist es gut. Dagegen kann man eigentlich gar nichts tun, außer zu schauen, dass der Waschbär nicht wieder dorthin kommt, wo auch zuvor schon einer war.

Eine ganze Waschbärenfamilie hatte im November das kleine Gästehaus einer Familie im Meinharder Ortsteil Frieda in Beschlag genommen. Weder durch laute Musik noch durch Fallen ließen sich die Kleinbären zum Auszug bewegen. Die Familie war ratlos und fühlte sich im Stich gelassen. (Daniel Göbel, Valerie Schaub)

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