Künstlergruppe Retopia gastierte in der Märchenwache

Das Weh’n vom Meer

Zu Gast in der Märchenwache: Die Künstlergruppe Retopia mit Alexander Hardt (von links), Susanne Rump und Roman Weingardt. Foto: von Dehn

SCHAUENBURG. „Wir nehmen Sie mit in fremde Welten“, heißt es auf der Homepage der Künstlergruppe Retopia, die zurzeit mit einem Programm zum Thema „Meeresweiten“ auf Tournee ist und am Samstag in der Märchenwache in Schauenburg-Breitenbach gastierte. Susanne Rump, Schauspielerin und Rezitatorin, Alexander Hardt und Roman Weingardt, beide Tontechniker und Musiker, haben sich intensiv mit literarischen und musikalischen Fundstücken über das Meer und seine Wirkung auf die Menschen, insbesondere die Künstler, befasst. Herausgekommen ist eine faszinierende zweistündige Toncollage, die in großen Wellenbewegungen über den Zuhörer schwappt und ihn einhüllt in bewegte Bilder von Wellen, Meeresstränden und Sturmesbrausen, die vor seinem inneren Auge entstehen.

Susanne Rump liest aus dem Roman Oceano Mare des italienischen Autors Alessandro Baricco, untermalt, eingeleitet und pointiert durch elektronische Einspielungen, teils von Field Recordings, also echtem Meeresrauschen, aber auch Livemusik. Eingeflochten in den Prosatext, in dem szenische Dialoge und Beschreibungen sich abwechseln, ist immer wieder auch Lyrik, so Verszeilen von Rilke „Uraltes Weh’n vom Meer“ („Capri, Piccola Marina“) oder von Ringelnatz („Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch“).

Immer wieder spielen Texte und Klänge auf die Grenzenlosigkeit des Meeres an, auf sein Geheimnis, seinen Sog, seine Magie. Susanne Rump versteht es, die unterschiedlichen Charaktere in den Texten aus Barricos Roman, wie den skurrilen Professor Bartleboom oder den Porträtmaler Plasson, fein differenziert lebendig werden zu lassen - Plasson, der dem Zauber des Meeres verfällt und wie besessen dessen „Augen“ sucht, um es porträtieren zu können. Vergeblich: Es entstehen nur noch „rein weiße“ Leinwände.

Starker Beifall

Der Wissenschaftler, der an einer Enzyklopädie über die Grenzen des Ozeans arbeitet, scheitert genauso mit seinem Vorhaben. Bariccos „Märchen vom Wesen des Meeres“ kam in dieser durch Klangwolken und meditative Soli musikalisch unterlegten Form, in der Traum und Realität fließend ineinander übergehen, überzeugend zur Geltung. Anhaltender, starker Beifall.

Alessandro Baricco: Oceano Mare. Piper Verlag, 279 Seiten, 18,50 Euro.

Von Claudia v. Dehn

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