Paula Weise: "Die Sprachdebatte nervt"

Von Frauenquoten und Sexualkunde: Vize-Kreisschulsprecherin über Gleichberechtigung

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Paula Weise sieht gerade für Lokalzeitungen die Chance, durch geschlechtergerechte Sprache die Debatte in die breite Masse zu tragen.

Paula Weise (18) ist stellvertretende Kreisschulsprecherin. Uns hat sie erzählt, was ihr im Sexualkundeunterricht fehlt und warum sie nichts von Frauenquoten hält.

Die Schülerin über Geschlechtergerechtigkeit ...

... in der Schule

„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich in der Schule benachteiligt wurde, weil ich eine Frau bin“, sagt Paula Weise. Trotzdem: „Manche Lehrer bevorzugen Jungs, andere Mädchen.“ Bewertet würde auch aufgrund des Geschlechts. „Wenn es, nur weil ich eine Frau bin, als besonders positiv wahrgenommen wird, dass ich mich schulpolitisch engagiere, dann ist das positive Diskriminierung.“

Schule sollte laut Weise nicht erst in der Oberstufe Genderthemen aufgreifen. Möglichkeiten sieht sie im Sexualkundeunterricht. „Da ging es bei uns nur darum, wie Penis und Vagina aufgebaut sind, und wie man ein Kondom benutzt. Sexualität sollte nicht nur biologisch, sondern auch gesellschaftlich und politisch in der Schule thematisiert werden.“

... in der SV-Arbeit

Paula Weise ist Stellvertreterin eines männlichen Kreisschulsprechers. Ein weiterer Stellvertreter ist ebenfalls männlich.

Ungerecht? „Überhaupt nicht. Das wechselt eben über die Jahre. Das Geschlecht spielt für die Arbeit und in den Diskussionen auch keine Rolle. Außerdem sind im Vorstand genau so viele Mädchen wie Jungs.“ Frauenquoten steht Weise skeptisch gegenüber. „Eine Quote sichert nur Zahlen, aber sie verändert nicht die Bilder, die in unseren Köpfen existieren.“

... im Privaten

„Ich bin froh, eine Frau zu sein. Ich mag die Ästhetik, die vom weiblichen Geschlecht ausgeht.“ Weise ist bewusst, dass Sexismus etwas Alltägliches und für viele salonfähig ist. Versuche etwa, anzüglichen Sprüchen ihres Fahrschullehrers erzieherisch zu begegnen, seien bisher gescheitert. „Die lacht er dann weg.“ Gleichberechtigung sei eben auch eine Generationsfrage. „In meiner Generation ist Emanzipation etwas Selbstverständliches.“

Ob sie sich selbst als Feministin verstehe? „Das ist ein schwieriges Thema. Für manche bedeutet Feminismus, sich nicht die Achseln zu rasieren. Für andere das Erkämpfen von gleichen Rechten. Dass Frauen ihre Stimme erheben, um bestehende Strukturen aufzubrechen. Bei Zweiterem bin ich dabei. Dann bin ich Feministin.“

... in der Sprache

Ob „Studentinnen und Studenten“, „Student*Innen“ oder „Studierende“ – Weise ist von der Diskussion um korrekte Sprache genervt. „Klar bewirkt Sprache Kausalketten, die Rollenbilder festigen. Aber die Sprachdebatte ist zu einem Trend geworden und zieht ein sehr wichtiges Thema ins Lächerliche.“

... in den Medien

Eine andere Sicht auf das Thema hat Weise, wenn es um Sprache in Medien geht. Diese hätten durch ihre Reichweite die Möglichkeit, einen Wandel anzustoßen. Dass beinahe alle Zeitungen bei der Mehrzahl auf die männliche Formulierung zurückgreifen, findet Weise problematisch. „Es ist kein großer Aufwand, das zu ändern. Gerade als Lokalzeitung erreicht man ganz unterschiedliche gesellschaftliche Schichten und könnte so die Debatte in die breite Masse tragen.“

Geschlechterklischees würden gerade in Filmen – „die verliebte Frau im weißen Kleid, rauchende Anzugträger mit Hut“ – und sozialen Netzwerken bedient. Influencer auf Youtube und Instagram nutzten konventionelle Geschlechterbilder zu Marketingzwecken aus. „Die Kommerzialisierung des Lifestyles ist problematisch, da sie gerade beim jugendlichen Zielpublikum einen Rückschritt in der Loslösung von Rollenbildern bewirken kann.“

Zur Person: Paula Milena Weise 

Paula Milena Weise (18) macht derzeit ihr Abitur an der Herderschule in Kassel. Ihre Leistungskurse sind Politik und Wirtschaft und Englisch. Die Kasselanerin ist seit sechs Jahren im Kreisschülerrat und aktuell stellvertretende Kreisschulsprecherin. Nach dem Abitur will sie sich Zeit nehmen, um zu gärtnern und zu reisen. Anschließend möchte sie an der Folkwang Universität der Künste in Essen Regie studieren, um später als Theaterregisseurin zu arbeiten. Neben Theater, Garten und Reisen interessiert sich Weise für Literatur, Musik und Festivals sowie abstrakte Abbildungen von Vulven.

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