Nur drei von 42 Proben aus Kassel und Umgebung weisen überhöhten Wert auf

Wenig Nitrat Brunnenwasser im Landkreis Kassel

Das Bild zeigt Harald Gülzow mit Gummihandschuhen beim Arbeiten im Labormobil des Vereins VSR-Gewässerschutz. Gülzow befüllt ein Reagenzglas mit einer Dosierpipette.
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Harald Gülzow beim Arbeiten im Labormobil des Vereins VSR-Gewässerschutz: In und um Kassel weisen von 42 Brunnenwasserproben nur drei einen überhöhten Nitratwert auf.

Selbst geschöpftes Brunnenwasser aus Kassel und dem Umland weist nur eine geringe Nitratbelastung auf. Das ist das Ergebnis der Brunnenwasser-Untersuchung des Vereins VSR-Gewässerschutz mit Sitz in Geldern. Am 29. Juni hatte der Verein mit seinem Labormobil auf dem Kasseler Königsplatz Station gemacht. „42 Proben wurden zur Analyse abgegeben, nur drei Proben weisen erhöhte Nitratwerte auf“, sagt der Brunnenwasser-Experte Harald Gülzow.

Kreis Kassel - So stamme eine Probe mit bedenklichem Nitratwert aus Kassel im Bereich Wesertor. „Hier haben wir einen Nitratwert von 60 Milligramm pro Liter (mg/l) gemessen“, sagt Gülzow. Der gesetzliche Grenzwert liege bei 50 mg/l. Zwei weitere Proben mit überhöhter Nitratkonzentration stammen aus Niestetal-Sandershausen (55 mg/l) und aus Heimarshausen bei Naumburg (54 mg/l).

„Alle übrigen Proben weisen etwa zur Hälfte entweder Werte knapp unter dem Grenzwert oder deutlich unter dem Grenzwert auf“, sagt Gülzow. Unter dem Strich sei das ein erfreuliches Ergebnis. Weder Kassel noch das Umland zählten zu den wirklich nitratbelasteten Regionen Hessens. „Wenn wir überall in Deutschland solche Werte hätten, könnten wir aufatmen“, sagt Gülzow.

Tatsächlich seien Proben nicht nur aus Kassel, sondern auch aus Diemelstadt, Kaufungen, Bad Arolsen, Baunatal, Fuldatal, Vellmar und sogar Melsungen abgegeben worden. „Hinzu kommen noch Proben, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten per Post aus Nordhessen erhalten haben“, sagt Gülzow. Alle gesammelten Werte würden erfasst und für eine interaktive Karte aufbereitet, die via Internet abgerufen werden könne.

„Aktuell haben wir gerade für Nordhessen noch kein flächendeckendes und repräsentatives Bild, was die Nitratbelastung von Brunnenwasser angeht“, sagt Gülzow. Ein Grund dafür sei, dass vor allem der Süden Hessens ein deutliches Nitratproblem habe, weshalb dort das Labormobil des VSR-Gewässerschutzes auch deutlich häufiger unterwegs sei. „Möglicherweise schaffen wir es in diesem Jahr, auch für Nordhessen belastbare Aussagen treffen zu können.“ Verlässlich seien auch die Nitrat-Karten der Hessischen Umweltministeriums. Nitratwerte über dem Grenzwert werden im Raum Korbach, Bad Arolsen, Volkmarsen sowie Calden gemessen. Rund um Kassel liegen die Nitratbelastungen im Grundwasser zum Teil noch deutlich unter dem Grenzwert (Stand 2015).

Nitrat im Grundwasser werde immer häufiger zum Problem, führt Gülzow weiter aus. Die Substanz sei ein Bestandteil von Dünger. Werde Gülle oder Mineraldünger zum Beispiel in der Landwirtschaft ausgebracht, „besteht die Gefahr, dass Nitrat ins Grundwasser- und damit ins Trinkwasser gelangt“. Wasser mit höheren Nitratkonzentrationen sei in jedem Fall gesundheitlich bedenklich. „Schon gar nicht mehr ist es zum Trinken geeignet.“ Generell gelte, dass Brunnenwasser in landwirtschaftlich genutzten Gebieten häufiger und stärker nitratbelastet sei als innerhalb von Städten und Gemeinden.

Der Landkreises Kassel erkennt mit Blick auf die Nutzung von privaten Brunnen weniger ein Nitrat-Problem als vielmehr „das Problem einer sich abzeichnenden übermäßigen Nutzung“, sagt Gabriele Lemmer, zuständig für Wasser- und Bodenschutz beim Landkreis Kassel.

Tatsächlich sei die Anlage eines privaten Brunnens zum Zweck der Gartenbewässerung oder zum Tränken von Tieren nicht genehmigungspflichtig, sondern müsse der Unteren Wasserbehörde, also dem Landkreis, lediglich angezeigt werden. „Jeder darf pro Jahr bis zu 3600 Kubikmeter Brauchwasser aus Brunnen erlaubnisfrei zutage fördern“, sagt Lemmer. Das habe dazu geführt, dass in jüngster Vergangenheit häufiger Privat-Brunnen angelegt worden seien, wodurch das Grundwasser an vielen Stellen mehr oder weniger unkontrolliert angezapft werde. Tatsächlich gibt es keine Kontrolle darüber, wie viel Wasser wirklich gefördert wird.

So gebe es aktuell 345 gemeldete Privat-Brunnen im Landkreis Kassel. „In der Zeit zwischen dem Ende der 1990er-Jahre bis zum Jahr 2005 waren es hauptsächlich Landwirte, die eine Brunnennutzung anzeigten – vor allem für landwirtschaftliche Zwecke wie das Tränken von Vieh“, erklärt Lemmer.

Seither liege der Schwerpunkt bei der privaten Gartenbewässerung, wobei die Zuwachszahlen von 2006 bis 2017 bei 10 lag, in den Jahren 2018 und 2019 schon bei 18 und 2020 bis heute bereits bei 20. „Die Voranfragen in den letzten Jahren liegen mindestens dreimal höher“, sagt Lemmer. Vor allem mit Blick auf die Trockenheit und dem damit verbundenen Rückgang der Neubildung von Grundwasser, sei diese Entwicklung bedenklich.

„Es muss klar werden, das Grundwasser eine endliche Ressource ist“, sagt Lemmer. Grundwasser werde hauptsächlich für die Trinkwassergewinnung gebraucht. „Wenn dann private Brunnen im Übermaß hinzukommen, werden wir dem Grundwasserkörper irgendwann mehr Wasser entnehmen, als sich durch Niederschläge neu bilden kann. Das kann nicht im Sinne des Grundwasserschutzes sein“, sagt Lemmer.

So sei die aktuelle Rechtslage kritisch und vor dem Hintergrund des Klimawandels als nicht mehr zeitgemäß anzusehen. „Es gibt tatsächlich keine rechtliche Handhabe dagegen, Privatbrunnen ohne Genehmigung anzulegen“, sagt Lemmer.

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