Große Unterschiede in Stadt und Kreis Kassel

Masern und Co.: Weil weniger Kinder geimpft sind, steigt Ansteckungsgefahr in manchen Kitas

+
Impfung gegen Masern: Die Zahl der Masernfälle hat sich laut WHO in Europa verdreifacht.

In Europa haben sich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Masernfälle verdreifacht. Einer der Gründe sei die wachsende Zahl der Impfgegner - auch in der Region.

Dies beobachtet das Gesundheitsamt Region Kassel – allerdings punktuell. Während der Impfstatus bei Masern, Mumps und Röteln (MMR) im Kasseler Stadtteil Philippinenhof bei 100 Prozent liegt, lassen in Brasselsberg nur 73,5 Prozent der Eltern ihre Kinder impfen. Ein ähnlich unterschiedliches Bild zeigt sich quer durch den Landkreis Kassel: In Söhrewald und Reinhardshagen liegen die Impfquoten beispielsweise bei 100 Prozent, in Schauenburg nur bei 86,3 Prozent oder in Bad Karlshafen sogar nur bei 77,3 Prozent. 

Im Altkreis Wolfhagen bewegen sich die Impfquoten zwischen 90,7 Prozent in Naumburg und 93,5 Prozent in Habichtswald. 

Dies geht aus den jetzt veröffentlichten Zahlen des Gesundheitsamtes für das Schuljahr 2016/2017 hervor. Als Konsequenz werde man bei der Aufklärung gezielter vorgehen, sagt Regine Bresler, Abteilungsleiterin für Kinder- und Jugendgesundheit beim Gesundheitsamt Region Kassel. Das Gießkannenprinzip mache angesichts der Zahlen keinen Sinn. In manchen Kindergärten und Schulen in Stadt und Landkreis sei die Gefahr für eine Ansteckung einfach höher als anderswo.

Dieses Video ist Bestandteil der Plattform Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Damit sich das Masernvirus nicht weiter ausbreiten kann, müssen mindestens 95 Prozent der Bevölkerung zweimal gegen Masern geimpft sein. In Deutschland lag die Impfquote für die Zweifachimpfung im Jahr 2015 bei 92,8 Prozent und in Hessen bei 93,9 Prozent und blieb damit weiterhin unter der Zielmarke. „Die Impfquote von 89,8 Prozent für die zweifache Masern-Impfung bei Kasseler Kindern im Schuljahr 2016/2017 ist vor dem Hinter-grund des Impfziels der WHO nicht zufriedenstellend. Im Landkreis Kassel lag demge-genüber die Quote mit 94,9 Prozent nahezu auf der Ziellinie der WHO von mindestens 95 Prozent“, so Bresler.

Lesen Sie auch: Seit 17 Jahren keine Masern in Hofgeismar

Gesundheitsamt ist mit Quote unzufrieden

Bei Kindern wird der Impfstatus während der Vorsorgeuntersuchungen von den behandelnden Kinderärzten überprüft. Darüber hinaus beurteilt auch der schulärztliche Dienst des Gesundheitsamtes bei den Schuleingangsuntersuchungen, ob ein Kind ausreichenden Impfschutz hat. „Aber nicht immer liegt das Impfbuch vor, sodass die Beurteilung des Impfschutzes nur auf Grundlage der vorgelegten Bücher ermittelt werden kann“, erklärt Regine Bresler, Abteilungsleiterin für Kinder- und Jugendgesundheit beim Gesundheitsamt der Region Kassel.

Für das Schuljahr 2016/2017 lagen nur bei neun von zehn (88,8 Prozent) Kasseler Kindern die Impfdokumente vor. Im bundesweiten Vergleich liegt dieser Wert unter dem für ganz Deutschland (92,3 Prozent). Im Landkreis Kassel wurden in 93,5 Prozent der Fälle die Impfbücher zur Schuleingangsuntersuchung mitgebracht und damit häufiger als im bundesdeutschen Durchschnitt.

Alle Infos zur Grippe-Impfung

„Der anhand der Impfdokumente ermittelte Impfstatus zeigt bei den etablierten Impfungen wie Tetanus, Diphtherie, Pertussis und Poliomyelitis über die vergangenen fünf Jahre nahezu konstant hohe Impfquoten sowohl in der Stadt als auch im Landkreis Kassel“, berichtet Bresler. Hingegen werde die Impfung gegen Hepatitis B im Säuglings– und Kleinkindalter weiterhin nicht zufriedenstellend angenommen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Hepatitis-B-Impfung als Standardimpfung für alle Kinder.

Die Impfung sei nicht gut akzeptiert, da immer wieder angenommen werde, Hepathitis B wäre eine ausschließlich sexuell übertragbare Infektion. Dies sei aber verkehrt. Es könnten sich bereits spielende Kinder im Kindergarten anstecken, wenn das erkrankte Kind Nasenbluten habe. Die Impfquoten gegen Hepatitis B sind im Vergleich zu den Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Pertussis und Polio in Stadt und Landkreis stets geringer. Im Schuljahr 2016/2017 waren 88,9 Prozent der städtischen und 90,3 Prozent der im Landkreis lebenden Kinder gegen HB-Viren geschützt.

Aus Sicht des Gesundheitsamtes wird auch die Impfung gegen Pneumokokken (Verursacher schwer verlaufender Infektionen durch Bakterien) noch nicht zufriedenstellend angenommen. Im Schuljahr 2016/2017 waren nur 78,4 Prozent der Kasseler Kinder und 85,5 Prozent der Kinder aus dem Landkreis Kassel gegen Pneumokokken geimpft.

Beide Impfquoten lagen damit deutlich unter der landesweiten Impfquote in Hessen mit 91,7 Prozent.

Meningokokken sind weltweit vorkommende Bakterien, die schwere Krankheiten wie eine Hirnhautentzündung oder eine Blutvergiftung verursachen können. Auch die Meningokokken-C-Impfung wird empfohlen. Seit der Stiko-Empfehlung stiegen die Impfquoten kontinuierlich an und lagen im Jahr 2015 laut des Robert-Koch-Institutes im Durchschnitt bei 89,3 Prozent.

„In Hessen sind die Durchimpfungsraten für Tetanus, Diphterie, Keuchhusten, Hämophilus influenzae B, Polio und Hepatitis B von 2011 bis 2016 leicht gesunken, die Impfraten für Masern, Mumps und Röteln (MMR) sind etwa konstant geblieben“, erklärt Helen Stark, Sprecherin beim Hessischen Gesundheitsministerium in Wiesbaden auf Nachfrage. „Doch bei der zweiten Masern-/Mumps-/Röteln-Impfung wird der Wert von 95 Prozent Durchimpfung, der eine sogenannte Herdenimmunität herbeiführen würde, nicht erreicht. In Hessen liegt die Rate hier bei 93,8 Prozent“, sagt Helen Stark weiter.

Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Dreitagefieber bei Kindern: Herpesviren sind der Auslöser

In Deutschland gilt das Prinzip der freiwilligen Impfung

In Deutschland gilt seit 1961 das Prinzip der freiwilligen Impfung. Mit dem Gesetz über die Pockenschutzimpfung 1976 wurde lediglich einmal eine Impfpflicht erlassen, die 1982 wieder außer Kraft gesetzt wurde: Die Erkrankung durch das hochansteckende und lebensbedrohliche Variola-Virus wurde als eliminiert erklärt. Die Masern- und Rötelnelimination wird weltweit von allen WHO-Regionen angestrebt und ist auch in Deutschland seit vielen Jahren erklärtes Ziel von Bund und Ländern. Als Voraussetzung für eine schnelle Unterbrechung von Infektionsketten und damit die Elimination von Masern oder Röteln und anderen Krankheiten gilt eine Immunität von mehr als 95 Prozent in der Bevölkerung. Das nennt sich Herdenimmunisierung.

Wer sich impfen lasse, schütze nicht nur sich selbst, sondern die erworbene Immunität sei auch für den Rest der Gesellschaft wertvoll, weil eine geimpfte Person die Krankheit nicht mehr verbreiten könne. So würden auch andere Menschen geschützt, die sich noch nicht oder gar nicht impfen lassen können, etwa Babys oder immungeschwächte Menschen.

Mehr Infos zur Schuleingangsuntersuchung gibt es hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.