Die Therapie für 3000 Euro

Wenn die Busfahrt zur Abzocke wird: Auf Kaffeefahrt rund um Kassel

So sieht sie aus: Die kleine Matratzenauflage für nur 49,90 Euro, die es auf der Fahrt zu kaufen gab. 

Ob Heiltrunk, Putzmittel, Topfsets oder Rheumadecken – Kaffeefahrten sind bei Senioren nach wie vor beliebt. Und das, obwohl die meisten wissen, dass man sie nur ausnehmen will. Wir sind mitgefahren. 

Gesundheit ist teuer, die Politik tut nicht genug für Pflege und Senioren, die Pharmaindustrie ist gierig, die Deutschen leiden häufig unter Gelenkschmerzen und Schlaflosigkeit und nehmen zu viele Medikamente. Für alle, die jetzt nicken, hat Dietmar die Lösung.

Dietmar will nicht fotografiert werden und hat keinen Nachnamen, aber dafür ein beeindruckendes rhetorisches Talent und viel Energie. So viel, wie es schon seine große Gürtelschnalle vermuten lässt, auf der tatsächlich „Energie“ steht. Er, der aus Bremen stammt und in Hamburg lebt, will nur helfen und nichts verkaufen. Und – so sagt er – man kann ja heute froh sein, überhaupt einen Job zu haben. Der ist eben in diesem Fall, Senioren über Stunden die Vorzüge seiner Therapie anzupreisen.

Senioren werden direkt zur Bank gefahren 

Eine Therapie, wohlgemerkt kein Produkt, die bei fast allem hilft – von Atherosklerose über Fibromyalgie und Kopfschmerzen bis hin zur Schuppenflechte. Dank Fördergeldern und der Güte in Dietmars Herzen gibt es die nicht für 3000 Euro, sondern schon für weniger als 1600 Euro. Wie viel weniger, das weiß man nicht genau. Denn die beiden, die am Ende Dietmars Charme und Redekünsten verfallen, werden nach dem Kauf direkt nach Hause gefahren. „Weil man das bar bezahlen muss, der fährt die nach Hause oder zur Bank“, erklärt später eine Mitfahrerin, die selbst schon mal ein vermeintliches Heilmittel gekauft hat und sich darüber noch heute ärgert.

Belegtes Brötchen und frittierter Fisch

Aber von Anfang an: Der Emstaler Verein, der im Kreis psychisch kranke Menschen unterstützt, meldet sich bei der HNA. Es würden wieder mal Einladungen zu Kaffeefahrten verschickt, unter anderem an die Klienten des Vereins. Eine davon stammt aus Lohfelden. Statt der Dame steigen allerdings um 7.20 Uhr zwei HNA-Mitarbeiter ein. Die tingeln mit Busfahrer Bernd, der laut eigener Aussage nichts mit dem Veranstalter zu tun hat, durch Dörfer rund um Kassel, in Schwalm-Eder und Hersfeld-Rotenburg. Bernd kennt sich scheinbar nicht so gut aus und verfährt sich mehrfach. Kein Wunder: Laut Kennzeichen stammt er, oder zumindest sein Bus, aus Saalfeld-Rudolstadt. Aber immerhin kennt Bernd das Ziel: ein Hotel im beschaulichen Dorf Wildeck-Obersuhl in Hersfeld-Rotenburg.

Die Sitzauflage für 49,90 Euro

Nach 2,5 Stunden Fahrt hängt den meisten Fahrgästen der Magen in den Knien. Gut, dass laut Einladung ein Frühstück mit Kaffee, Orangensaft, Brötchen, Ei, Wurst, Käse, Marmelade und Honig wartet. Das entpuppt sich leider als zwei belegte Brötchenhälften und eine Tasse Kaffee. Dietmar hat auch dafür eine Erklärung: Zu viele Leute hätten zuletzt etwas mitgehen lassen. Als Entschädigung gibt es zu Mittag kostenlos ein Stück frittierten Fisch und Kartoffelsalat. Das sollte aber nicht die einzige Enttäuschung bleiben. Das versprochene 149-Euro-Geschenk entpuppt sich als Parfüm, das laut einer Mitfahrerin nach Sexarbeiterin duftet und auf Ebay für 6,99 Euro zu haben ist. Auch beim Gewinnspiel mit Preisen wie einer Mercedes B-Klasse haben wir nicht gewonnen. Stattdessen gab es ein Rubbellos, das es für einen Euro bei jeder Lottostelle gibt. Zwischendurch hat man – und das sagt Dietmar auch so – immer die Chance, zu gehen. Ohne Auto und im Funkloch ist das schwer. Aber man könne doch derweil einen Spaziergang machen, schlägt Dietmar vor. Das macht allerdings niemand. Stattdessen kaufen zwei die Matratzenauflage. Zwei weitere nehmen das kleine Modell für Sitzflächen. Das ist zwar nicht so wirksam, aber Dietmar weiß ja, wie es um die klammen Geldbeutel der Senioren bestellt ist und bietet dieses für nur 49,90 Euro an.

"Wir fahren da mit, um mal rauszukommen"

Bleibt die Frage, warum nimmt man teil? Nicht, weil man an die Heilwirkung von Dietmars Therapie wirklich glaubt, erklärt eine Gruppe von Rentnerinnen aus Lohfelden. „Wir kennen die Tricks der Verkäufer, man muss einfach stur bleiben und nichts kaufen“, sagt eine Seniorin. Zwei bis dreimal im Jahr fahre sie mit, manchmal kaufe sie Kleinigkeiten, aber bis auf ein Putzmittel habe noch nichts gewirkt. Weder die Cremes, noch die Trinkkuren. „Wir fahren da mit, um mal rauszukommen“, sagt die eine, „um mal was anderes zu sehen“, sagt die andere. Auch die Autorin hat von Dietmars Verkaufsstrategien gelernt. Erst mal ganz viel erzählen und dann erst sagen, worum es geht. Nämlich um Magnetmatratzenauflagen.

An einer Kaffeefahrt hat die HNA übrigens schon einmal teilgenommen - auch damals undercover und mit dem selben Ziel. Die ganze Reportage lest ihr hier. 

Diese Rechte haben Teilnehmer von Busfahrten mit Verkauf:

Kaffeefahrten und Magnetdecken anzubieten, ist an sich nicht strafbar. Gewisse Versprechungen allerdings schon.

Bringen solche Magnetdecken etwas? 

„Unseren Ärzten aus Kardiologie und Radiologie sind keine wissenschaftlichen Studien über die medizinische Wirkung solcher Magnetdecken bekannt“, sagt Inga Eisel, Sprecherin der Gesundheit Nordhessen Holding, die mehrere Kliniken betreibt. Ralf-Christoph Seitz, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Kassel, kennt durchaus Anwendungen für die Magnetfeldtherapie, empfiehlt seinen Patienten aber trotzdem keine Magnetmatratzenauflagen. „Wir haben ein Gerät, das sieht wie eine Röhre aus, da schieben wir die Leute rein und es entsteht ein Magnetfeld.“ Durch das Magnetfeld solle die Eigenheilung angeregt werden. „Wir setzen das unterstützend bei der Behandlung von Arthrose in Knie oder Rücken ein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Matratze eine ausreichende Wirkung hat.“ 

Wann wird die Polizei aktiv? 

Wenn Betroffene Strafanzeige erstatten, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. Solche Anzeigen seien in der Vergangenheit vereinzelt bei der Kasseler Polizei eingegangen. Derzeit seien keine laufenden Ermittlungsverfahren gegen Firmen wegen Betrugsdelikten bei Kaffeefahrten anhängig. „Da sich die Veranstalter häufig ganz bewusst in rechtlichen Grauzonen und häufig nur an der Grenze zu strafbarem Handeln bewegen, obliegt eine Entscheidung über eine mögliche Strafbarkeit und eine Strafverfolgung der zuständigen Staatsanwaltschaft.“ 

Versprochene Gewinne entpuppen sich als faule Versprechen. Ist das okay?

 „Das ist eine rein zivilrechtliche Frage“, sagt Andreas Thöne, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kassel. Allerdings: Strafrechtlich könnte ein Werbeschreiben, das wahrheitswidrig einen Gewinn zusichert, durchaus Bedeutung haben. Aus einem Bundesgerichtshof-Urteil gehe hervor, dass wissentlich unwahre Angaben zu versprochenen Gewinnen zur Irreführung geeignet sind und daher ein strafbarer Wettbewerbsverstoß sind. Allerdings nur wenn dem Empfänger der Eindruck vermittelt wurde, er sei gegenüber den anderen Teilnehmern einer Verlosung ein herausgehobener „Glückspilz“ und nur der versprochene Gewinn ihn veranlassen sollte, die angebotene Tagesfahrt zu buchen. 

Ist ein Preis von 3000 Euro für eine Matratze Wucher? 

„Ob der Tatbestand des Wuchers erfüllt ist, hängt nicht nur davon ab, ob ein grobes Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung vorliegt“, sagt Thöne. Das könne nicht beurteilt werden, da der objektive Verkehrswert nicht genannt wurde. „Zusätzlich ist es notwendig, dass der Täter eine Zwangslage, Unerfahrenheit, Mangel an Urteilsvermögen oder erhebliche Willensschwäche eines anderen ausgebeutet hat.“ Hier komme es auf den Einzelfall an, insbesondere die Umstände des Verkaufsgespräches und der physische und psychische Zustand des Käufers. 

Darf man versprechen, dass man von allen Krankheiten geheilt wird? 

Auch hier könnte man zivilrechtlich zum Beispiel aufgrund eines Verstoßes gegen das Heilmittelwerbegesetz vorgehen. „Irreführend wäre eine Werbung über diese Mittel oder Gegenstände, wenn diesen eine therapeutische Wirksamkeit oder Wirkung beigelegt werden, die sie nicht haben oder wenn fälschlich der Eindruck erweckt wird, dass ein Erfolg mit Sicherheit erwartet werden kann“, erklärt Thöne. 

Gibt es weniger Kaffeefahrten als früher? 

Diesen Eindruck bestätigt die Verbraucherzentrale Hessen. „Bei uns gehen weniger Beschwerden ein. Allerdings sehen wir auch nur die Spitze des Eisbergs,“ sagt Kai-Oliver Grüske. Oftmals sei es auch recht kostspielig den Rechtsweg zu beschreiten und schwierig die Firmen zu belangen. 

Gibt es ein Widerrufsrecht? 

Der Käufer kann innerhalb von 14 Tagen ab Vertragsschluss oder ab Erhalt der Waren ohne Begründung vom Kaufvertrag Abstand nehmen. Darauf weist die Verbraucherzentrale hin. Der Fristbeginn setzt voraus, dass der Verbraucher ordnungsgemäß über sein Widerrufsrecht belehrt wurde. Andernfalls hat er für den Widerruf sogar ein Jahr und 14 Tage Zeit. „Die Anbieter versuchen aber meist ziemlich schnell, zu kassieren. Hat man erst einmal bezahlt, wird es sehr mühsam das Geld zurückzubekommen“, sagt Grüske. mia

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