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Wenn‘s um die Wurst geht: Nordhessische Spezialitäten-Meisterschaft in Kassel

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Von: Sebastian Schaffner

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Ahle-Wurst-Aroma: Die Jury um Stefan Forbert legte bei der Beurteilung der nordhessischen Spezialitäten im Kasseler Bildungszentrum auch Wert auf den Duft der eingesandten Kostproben aus 40 Betrieben.
Ahle-Wurst-Aroma: Die Jury um Stefan Forbert legte bei der Beurteilung der nordhessischen Spezialitäten im Kasseler Bildungszentrum auch Wert auf den Duft der eingesandten Kostproben aus 40 Betrieben. © Sebastian Schaffner

Von Fleischwurst bis Mett in Gelee - Die Jury beurteilte bei der Spezialitäten-Meisterschaft 230 Produkte von 40 Betrieben.

Kassel – Als nach zwei Stunden der weiße Kittel allmählich spannt wie das Wurstbrät im Schweinedarm, erwischt Tisch 1 eine Kostprobe, mit der die Prüfer so gar nicht zufrieden sind. „Die riecht dumpf und muffig“, sagt Hans-Georg Schneider und reicht die Zungenblutwurst an Stefan Forbert weiter. Er nickt: „Ja, das sollte Abzüge geben.“

Schneider und Forbert sind zwei von 30 Juroren bei der Nordhessischen Spezialitäten-Meisterschaft. Der eine, Schneider, ist Profi. Der Fleischermeister war früher Obermeister der Innung in Waldeck-Frankenberg. Der andere, Forbert, ist HNA-Redakteur in Witzenhausen und sitzt als Laien-Prüfer in der Bewertungskommission. Oder wie er selbst sagt: als fachkundiger Verbraucher.

Und genau das ist die Idee des Wettbewerbs der sechs nordhessischen Fleischer-Innungen. Sie wollen nicht nur wissen, was die Fachleute sagen, sondern auch, wie die eingeschickten Fleisch- und Wurstwaren ganz normalen Menschen schmecken, die nicht täglich mit Stracke, Fleischkäse und Corned Beef zu tun haben. So ist die Jury bewusst mit Männern und Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen besetzt. Bis auf eine Ausnahme: Veganer.

An Tisch 1 hat man sich derweil Verstärkung geholt. Dirk Nutschan, der alle paar Runden mit Marillenschnaps durch die Tischreihen geht („zum Neutralisieren“), soll ebenfalls seine Meinung kundtun. „Uijuijui“, sagt der Obermeister der Innung Kassel Stadt und Land nach dem ersten Bissen und schüttelt mit dem Kopf. Alle nicken sich zu. Punktabzug. Welche Wurst wie abschneidet und ob’s für Gold oder Silber gereicht hat, wollen die Innungen übrigens in der kommenden Woche verkünden.

Um die Geschmacksknospen zu neutralisieren, schenkt Dirk Nutschan Marillenschnaps aus. Karin Ross (von links), Manuel Held und Marco Diegel freut’s.
Um die Geschmacksknospen zu neutralisieren, schenkt Dirk Nutschan Marillenschnaps aus. Karin Ross (von links), Manuel Held und Marco Diegel freut’s. © Schaffner, Sebastian

Zwei bis drei Dutzend Proben bewerten die Jury-Teams im Kasseler Bildungszentrum. Ihr Urteil tragen sie in einen ausgeklügelten Bewertungsbogen ein. Lässt sich die Hülle gut abziehen? Ist die Konsistenz schmalzig, bröckelig, gar gummiartig? Und natürlich: Wie schmeckt’s?

Besonders gut mundet den Juroren an Tisch 5 eine Fleischwurst, die wie alle Proben anonymisiert ist. „Ohja, die ist schön würzig“, ruft Karin Ross. Die Melsungerin hat 30 Jahre lang als Fleischereifachverkäuferin gearbeitet. „So muss eine Kochwurst schmecken.“ Ihre Gegenüber, Bäckermeister Manuel Held aus Kassel und Marco Diegel, Kreishandwerksmeister in Hersfeld-Rotenburg, einigen sich auf die volle Punktzahl, bevor sie sich der nächsten Nummer widmen: Mett in Gelee.

Insgesamt nehmen 40 Betriebe mit 230 Produkten an der Meisterschaft teil, bei der es einst nur um Ahle Wurst ging, bevor das Spektrum vor zwei Jahren auf die gesamte Fleischtheke ausgeweitet wurde. So kommt es, dass diesmal auch eine Wiener Wurst eingeschickt wurde, die zu einem Drittel aus Gemüse besteht. „Solche Hybridprodukte liegen nun mal im Trend“, sagt Fleischer-Obermeister Uwe Köhler aus Hofgeismar. Ein Problem mit Ersatzprodukten, die komplett vegetarisch oder vegan sind, habe er übrigens nicht, versichert Köhler: „Wir legen nur Wert auf eine korrekte Bezeichnung.“ Produktnamen wie Veggie-Wurst seien aber ein No-Go. „Eine Wurst ist eine Wurst und besteht aus Fleisch.“

Damit nichts verkommt: Uwe Köhler aus Hofgeismar sortiert die Lebensmitttel, die nicht benutzt wurden, aus. Sie kommen der Tafel zugute.
Damit nichts verkommt: Uwe Köhler aus Hofgeismar sortiert die Lebensmitttel, die nicht benutzt wurden, aus. Sie kommen der Tafel zugute. © Schaffner, Sebastian

Nach drei Stunden geht’s an Tisch 1 allmählich auf die Zielgerade. Noch zwei Ahle Würste, dann ist es geschafft. „Das Niveau ist höher als vor zwei Jahren“, sagt Stefan Forbert anerkennend, nachdem er gut 30 Kostproben beschnuppert, betrachtet und probiert hat.

Auch die anderen Prüfer wirken zufrieden: mit der Qualität der nordhessischen Spezialitäten. Und weil sie nach all den deftigen Leckereien endlich den doch ganz schön engen Kittel ausziehen können.

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