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„Wer einmal mitmacht, bleibt dabei“ - Radbeauftragter Stefan Arend über das Stadtradeln

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Von: Sebastian Schaffner

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Hofft im kommenden Jahr auf mehr Teilnehmer: Stefan Arend, Radverkehrsbeauftragter des Landkreises.
Hofft im kommenden Jahr auf mehr Teilnehmer: Stefan Arend, Radverkehrsbeauftragter des Landkreises. © Schaffner, Sebastian

Die Beliebtheit des Stadtradelns steigt im Vergleich zum Vorjahr an. Radbeauftragter Stefan Arend verspricht sich im nächsten Jahr einen noch größeren Zuwachs.

Kreis Kassel – Das Stadtradeln gewinnt im Kreis Kassel zunehmend an Bedeutung. 2999 Menschen aus 19 Kommunen haben in diesem Jahr fast 400 000 Kilometer erradelt. Wir haben mit Stefan Arend, dem Radverkehrsbeauftragten des Landkreises, am Rande der Preisverleihung für erfolgreichsten Teilnehmer gesprochen.

Herr Arend, sind Sie mit dem Stadtradeln 2022 zufrieden?

Ja. Die Zahlen sind erfreulich und vielversprechend. Wir haben im Vergleich zum Vorjahr mehr Teilnehmer und mehr Kommunen, die mitgemacht haben, und auch mehr Gesamtkilometer. Die Richtung stimmt. Ziel ist es, 2023 die nächsten Schallmauern zu durchbrechen: also mehr als 3000 Teilnehmer und mehr als 400 000 Kilometer. Das sollte sich schon alleine dadurch ergeben, dass wir noch mehr Kommunen erreichen wollen.

Diesmal haben 19 von 28 Städten und Gemeinden im Landkreis mitgemacht. Neun fehlen. Warum?

Das hat unterschiedliche Gründe. Einige wagen sich noch nicht ans Stadtradeln heran. Anderen ist diese freiwillige Mitmachkampagne auch noch nicht so bekannt. Und es erfordert natürlich auch Initiatoren in den Kommunen, die sich den Hut aufsetzen, das Stadtradeln organisieren und vor Ort bewerben. Im besten Fall ist das der Bürgermeister oder ein Stadtrat. Das muss aber nicht zwingend jemand aus der Verwaltung sein.

Warum sollten diejenigen, die noch nicht dabei sind, mitmachen?

Stadtradeln macht Spaß. Der Wettbewerb mit anderen Städten und Gemeinden fördert den Teamgedanken in den Kommunen. Dadurch wachsen die Bürger und Bürgerinnen zusammen. Auch die Schulen sind beteiligt. Die Erfahrung zeigt übrigens, dass eine Gemeinde, die einmal mitgemacht hat, das auch weiterhin tut. Und: Mitmachen ist kostenlos. Das Land übernimmt die Teilnahmegebühren.

Wie hoch sind die Gebühren?

Der Betrag ist gar nicht so unerheblich, wie man vielleicht denkt. Pro Kommune kostet die Teilnahme je nach Einwohnergröße und Mitgliedschaft im Klimabündnis durchschnittlich rund 800 Euro im Jahr. Die Gebühr wäre sonst eine weitere Hürde mehr, gerade für kleinere oder finanzschwächere Städte und Gemeinden.

In Bayern und Thüringen gibt es ADFC-Ortsgruppen und Kreisverbände, die das Stadtradeln boykottieren. Ihr Argument: Das Stadtradeln sei eine Feigenblatt-Aktion, die öffentlichkeitswirksam über die kaputte Infrastruktur gelegt werde. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Auch im Kreis Kassel haben wir definitiv noch viele Mängel in der Infrastruktur. Es fehlen Radwegeverbindungen, wir brauchen mehr Lückenschlüsse, es gibt gefährliche Stellen. Kampagnen wie das Stadtradeln werden diese Mängel auch nicht beheben. Aber sie sind Impulsgeber. Je mehr Menschen mitmachen, desto höher wird der Druck, die Bedingungen zu verbessern. Nehmen wir als Beispiel Bad Emstal. Dort ist Radfahren immer schwierig gewesen, weil die Gemeinde verkehrstechnisch nicht so gut angebunden ist wie etwa Vellmar und Baunatal an Kassel. Wege sind einfach nicht in dem Maß vorhanden, eine alltagstaugliche Radinfrastruktur fehlt. Dort hat sich aus der Aktion eine Radprojektgruppe gegründet, die sich darum kümmert und Aufmerksamkeit schafft.

Wo liegen die größten Baustellen aus Sicht von Radfahrern im Landkreis?

Auf bestehenden Wirtschaftswegen innerhalb der Kommunen haben wir schon ein teils sehr gutes Radwegenetz. Ein großer Nachholbedarf besteht an klassifizierten Straßen insbesondere an Landes- und Kreisstraßen. Wenn dort künftig saniert wird, muss geprüft werden, ob es eine Möglichkeit gibt, auf oder entlang dieser Straße mit dem Rad von A nach B zu kommen. Früher sind diese Straßen nur aus der Perspektive der Autofahrer gedacht worden. Doch das hat sich geändert. Die zweite große Herausforderung ist die Wegeführung an Wäldern. Vielerorts ist es gar nicht möglich, den Wald zu umfahren. Und dann prallen widersprüchliche Interessen aufeinander: Der Forst möchte seiner Arbeit nachgehen und lässt die Wege oftmals so zurück, dass der Radfahrende nicht mehr durchkommt.

Auf der Stadtradeln-Internetseite sind alle Städte, Gemeinden und Kreise in ganz Deutschland mit ihren Ergebnissen aufgelistet. Darunter auch Angaben zum vermeintlich eingesparten CO2-Ausstoß. Das würde voraussetzen, dass jeder erradelte Kilometer sonst mit dem Auto gefahren worden wäre. Wie ehrlich ist diese Rechnung?

Solche Angaben sind für mich und für den Erfolg des Stadtradelns im Kreis Kassel nicht ausschlaggebend. Wichtiger und greifbarer sind doch die Anzahl der tatsächlichen Teilnehmer und die wirklich erfahrenen Gesamtkilometer. Und da sind wir auf einem guten Weg.

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