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„Winkler-Absage war hart“: Niestetals Bürgermeister zieht Jahresbilanz

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Von: Boris Naumann

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Die renaturierte Niesteaue gegenüber dem Rathaus zählt zu den Lieblingsplätzen von Niestetals Bürgermeister Marcel Brückmann. Naturschutz ist generell sein Anliegen – vor allem, wenn es um den ökologischen Ausgleich für das erweiterte Gewerbegebiet am Sandershäuser Berg geht.
Die renaturierte Niesteaue gegenüber dem Rathaus zählt zu den Lieblingsplätzen von Niestetals Bürgermeister Marcel Brückmann. Naturschutz ist generell sein Anliegen – vor allem, wenn es um den ökologischen Ausgleich für das erweiterte Gewerbegebiet am Sandershäuser Berg geht. © Boris Naumann

Corona, Krieg, Inflation 2022 hat unser Leben kräftig durcheinandergewirbelt. Wie erleben die Kommunen diese Zeit? Was sind jetzt die Herausforderungen? Wir fragen bei den Bürgermeistern nach. Heute: Marcel Brückmann (SPD) aus Niestetal

Niestetal – Der Bau des neuen Hallenbads, die Sanierung von Feuerwache und Mehrzweckhalle, der Neubau des siebten Kindergartens und die Entwicklung des Gewerbegebiets am Sandershäuser Berg: Viel hat die Gemeinde Niestetal vor der Brust und eigentlich kann sie gerade keine Krisen gebrauchen.

Aber trotzdem prägten sie das Jahr 2022. Vor allem Corona und die Folgen des Ukraine-Kriegs brachten vieles durcheinander. Zuletzt musste Bürgermeister Marcel Brückmann mit dem Rückzug der Firma Winkler vom Sandershäuser Berg eine bittere Pille schlucken. Im HNA-Gespräch blickt Brückmann auf das Jahr 2022 zurück.

Herr Brückmann, das Jahr 2022 war gespickt mit unschönen Überraschungen für Niestetal. Winkler war eine davon. Ein schwerer Schlag?

Ja, die Entscheidung der Firma Winkler, am Sandershäuser Berg nicht zu investieren, war hart. Winkler war ein toller Partner. Er hätte über 250 Arbeitsplätze an den Sandershäuser Berg gebracht und hohe ökologische Standards erfüllt – von der Wärmepumpe über Regenwassernutzung bis hin zur PV-Anlage auf dem Dach. Und er hätte für hohe Einnahmen aus der Gewerbesteuer gesorgt. Diese Einnahmen fallen nun weg.

Bringt das die Gemeinde in Bedrängnis? Immerhin wird der Schwimmbad-Neubau statt 12 nun 15 Millionen Euro kosten. Dazu kommen 1,5 Millionen Euro an Betriebskosten pro Jahr. Auch das war 2022 nur langsam in der breiten Öffentlichkeit angekommen.

Die Entwicklung des Gewerbegebietes ist unabhängig vom Bad-Neubau zu sehen – erst kam das Bad, dann die Gewerbegebietserweiterung. Was am Sandershäuser Berg passiert, soll generell die Einnahmesituation Niestetals verbessern. Und das wird es auch in Zukunft, nur jetzt eben nicht mehr mit Winkler. Kann sein, dass Winkler in sieben Jahren wieder anklopft und wir dann noch Platz haben. Mein Ziel ist es, auch kleine und mittelständische Unternehmen anzusiedeln. Allerdings habe ich weiter den Anspruch, dort ein ökologisch wie energetisch nachhaltiges Gewerbegebiet zu etablieren. Dazu stehe ich.

Was würde der Sandershäuser Berg an Gewerbesteuern bringen bei optimaler Erschließung und Auslastung?

Das ist schwer zu beziffern, weil das Steueraufkommen immer auch davon abhängig ist, wie wirtschaftlich erfolgreich ein Unternehmen ist und was auf den Märkten und in welchen Branchen gerade Konjunktur hat. Die aktuelle Energiekrise wird zum Beispiel Unternehmen beflügeln, die auf dem Markt mit nachhaltigen Energietechnologien unterwegs sind.

Damit meinen Sie SMA und die Firma Groß?

Es ist zumindest davon auszugehen, dass es Firmen aus der Solar-Branche aktuell wie auch mittelfristig an Aufträgen nicht mangeln wird. Es hapert derzeit an den Lieferketten und an der Personalknappheit. Wenn sich in einigen Jahren diese Probleme entspannt haben, wird auch die Wirtschafts- und Steuerkraft dieser Unternehmen wieder steigen.

Bis dahin steht aber auch die Sanierung der Mehrzweckhalle für 9 Millionen, und die Sanierung der Feuerwache für noch einmal 7,5 Millionen Euro an. Wo soll das ganze Geld herkommen?

Trotz Inflation sehen die Konjunktur- und Orientierungsdaten des Landes für die Zeit nach dem Winter wider Erwarten erstaunlich gut aus. Laut Prognosen sollen die Einnahmen aus der Gewerbesteuer steigen wie auch die Einkommensteueranteile der Kommunen. Alles in allem werden wir keine großen Sprünge machen können. Aber lokal trägt mich aus den eben genannten Punkten, dass wir die Haushalte mittelfristig ausgleichen und die notwendigen Investitionen finanzieren können.

Und es gibt keine weiteren Steuererhöhungen in der Gemeinde?

So wie es aussieht, nein. Es ist schon hart genug, dass in meiner Amtszeit die Grundsteuern A und B zweimal angehoben werden mussten. Sie stehen jetzt auf jeweils 610 Punkten. Das ist aber mit Blick in die Region akzeptabel. Nur mit der Gewerbesteuer müssen wir runter auf unter 500 Punkte, da nehmen wir mit aktuell 517 Punkten noch einen Spitzenwert in Hessen ein.

Sehen Sie sich als erfolgreicher Bürgermeister?

Ich sehe mich als Bürgermeister, der bislang leider viel mit Krisenbewältigung zu tun hatte. 2022 zählt tatsächlich zu den schwierigsten Jahren meiner Amtszeit, nur 2019 war noch schwieriger. Damals mussten wir umfassend konsolidieren, um über die Runden zu kommen. Aber ich denke, die Krisenbewältigung gelingt uns gut. Das ist nicht nur der sehr kooperativen und fairen Zusammenarbeit mit den politischen Fraktionen zu verdanken. Auch leisten die 222 Mitarbeiter der Gemeinde Niestetal eine super Arbeit. Wir haben richtig gute Leute im Boot.

Gab es denn auch Positives für Niestetal im vergangenen Jahr?

Ja, ich finde, dass vor allem die Niestetaler Vereine und Verbände mit Blick auf die Corona-Zeit sich fantastisch geschlagen haben. Sie haben in dieser Zeit Wichtiges geleistet und vielen Menschen Lichtblicke gegeben. Das kann man nicht hoch genug wertschätzen. Und wir haben ja auch einige Dinge gut hinbekommen. Die siebte Kita wird zu Jahresbeginn fertig, das Hallenbad macht Fortschritte und jeden Tag erbringen wir gute Dienstleistungen in allen Bereichen.

Was wünschen Sie sich für Niestetal 2023?

Ich wünsche mir Frieden, keine Krise und einmal ein ganz normales Jahr. (Boris Naumann)

Zur Person

Marcel Brückmann (39) wurde in Kassel geboren und wuchs in Niestetal-Heiligenrode auf. Brückmann hat zunächst Volkswirtschaftslehre (abgebrochen), danach Geschichte, Politik und Soziologie an der Universität Siegen mit Abschluss im Jahr 2015 studiert. Dort war er Vorsitzender des Allgemeinen Studierendenausschusses und Referent für Hochschulpolitik. In Kassel arbeitete er als Dozent für Recht und Wirtschaft im Bildungsförderzentrum für Erwachsene. Seit 2005 ist Brückmann Mitglied in der SPD, zwischenzeitlich war er Vorsitzender der Jusos in Kassel-Land. Ab 2013 saß er im Niestetaler Gemeindeparlament, von 2016 bis 2018 war er SPD-Fraktionsvorsitzender und ist immer noch Mitglied des Kreistages. Anfang Juni 2018 wurde Brückmann mit 75,1 Prozent der Stimmen zum Bürgermeister gewählt und Ende August 2018 in sein Amt eingeführt. Brückmann lebt nach wie vor in Heiligenrode. (bon)

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