Neue Großgemeinden veränderten vor 40 Jahren die politische Landkarte des Kreises

Aus 13 wurden sechs

Schüler bejubeln Zusammenschluss: Auch die jüngeren Bewohner sind dabei, als am 1. Dezember 1970 aus Ober- und Niederkaufungen die neue Großgemeinde Kaufungen gebildet wird. Stolz präsentieren die Kinder die neuen Ortsschilder. Archivfoto:  nh

Kreis Kassel. Am 1. Dezember 1970 blicken die Wickenröder, die sich am Sportplatz versammelt haben, gebannt zum Himmel. Kurz vor Mittag ist es so weit. Mit einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes schwebt Landrat Josef „Jupp“ Köcher (SPD) ein. Im Gepäck hat er eine Urkunde und ein neues Ortsschild. Die Aufschrift „Helsa - Ortsteil Wickenrode - Landkreis Kassel“ markiert für das Dorf eine historische Zäsur.

Das bis dato zum Kreis Witzenhausen gehörende Wickenrode und das benachbarte Helsa verschmelzen an diesem Tag zur Großgemeinde Helsa.

Am 1. Dezember 1970, heute vor 40 Jahren, verändert sich die Landkarte des Kreises Kassel nachhaltig. 13 Orte schließen sich zu sechs neuen Großgemeinden mit insgesamt 45 000 Einwohnern zusammen. Die Kommunen sollen durch die Zusammenschlüsse stärker, die Verwaltungen effizienter und kompetenter werden. Neben Helsa entstehen Kaufungen (aus Ober- und Niederkaufungen mit Papierfabrik), Lohfelden (aus Lohfelden und Vollmarshausen), Söhrewald (aus Wellerode, Wattenbach und Eiterhagen), Vellmar (aus Vellmar und Obervellmar) sowie Espenau (aus Hohenkirchen und dem zuvor zum Kreis Hofgeismar gehörenden Mönchehof). Überall werden die Ortsschilder ausgetauscht, es gibt Festakte und Freibier.

Doch obwohl der Kreistag die Neuordnung der Gemeinden einstimmig beschlossen hat und Landrat Köcher gebetsmühlenhaft die Freiwilligkeit der Zusammenschlüsse betont, sind die Ehen keine Liebesheiraten. Die Probleme beginnen oft schon bei der Frage, wie die neuen Großgemeinden heißen sollen. Jede der Varianten birgt Konfliktstoff.

Mancherorts werden die Namen eines der Fusionspartner zum Gemeindenamen (so bei den Großgemeinden Helsa und Vellmar), mancherorts besinnt man sich aber auch auf historische Namen (Coufunga dient als Vorbild für das neue Kaufungen). Die dritte Variante sind Kunstnamen wie Söhrewald und Espenau. Hinzu kommen langjährige Ressentiments zwischen den Bewohnern benachbarter Dörfer, die teilweise bis heute bestehen.

Die Zusammenschlüsse werden den Gemeinden durch zusätzliche Geldspritzen des Landes versüßt. Lohfelden erhält beispielsweise 640 000 Mark mehr pro Jahr - und das zehn Jahre lang. Politische Gewinner der Gemeindereform sind die Sozialdemokraten. Bei den Kommunalwahlen in den sechs neuen Großgemeinden im Februar 1971 können sie ihre traditionell starke Stellung behaupten.

Von Peter Ketteritzsch

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