Zerwürfnis am Märchenweg

Beliebte Wanderveranstaltung Grimmsteig-Tage fällt erneut aus

Der Grimmsteig ist ein beliebtes Wanderziel: 600 Teilnehmer waren 2019 alleine bei den Grimmsteig-Tagen vor Ort.
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Der Grimmsteig ist ein beliebtes Wanderziel: 600 Teilnehmer waren 2019 alleine bei den Grimmsteig-Tagen vor Ort.

Der Grimmsteig lockte vor der Pandemie tausende Wanderer in die Region. Dieses Jahr fallen die Grimmsteigtage im Sommer aus – und das nicht nur wegen Corona.

Kreis Kassel – Es rumort zwischen der touristischen Arbeitsgemeinschaft „Grimmsteig Erlebnis-Region“ (TAG) und ihrer Koordination, der Grimmsteig-Touristik (GT), einem Eigenbetrieb der Gemeinde Nieste. Laut TAG-Sprecher Michael Steisel liegt die Zusammenarbeit auf Eis. In Nieste gibt es laut Bürgermeister Edgar Paul Pläne, den Eigenbetrieb aufzulösen. Diese Entscheidung obliege aber der Gemeindevertretung.

Auslöser des Streits ist die Finanzierung. Die sorgt bei zwei Mitgliedern der TAG, der Stadt Hessisch Lichtenau und der Gemeinde Staufenberg, für viele Fragen. Ihre Zahlung an die GT haben die Kommunen deshalb eingestellt. Die Bürgermeister Michael Heußner und Bernd Grebenstein erklären, dass sie aufgrund rechtlicher Bedenken im März 2020 einer Auszahlung von 24 000 Euro widersprochen hätten. „Da wir darin einen unrechtmäßigen finanziellen Vorteil der Gemeinde Nieste gesehen haben“, schreiben sie in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Viele Kommunen beschäftigten Mitarbeiter im Bereich Touristik, die Leistungen – auch für den Grimmsteig – erbringen, das stelle man aber niemanden in Rechnung. „Die TAG war und ist eine tolle Errungenschaft“, sagt Heußner. „Wir wollen aber wieder zum Ursprung zurück.“

In der Vereinbarung stehe, dass die Finanzierung projektbezogenen erfolgt. Kosten für gemeinsame Aktivitäten, wie etwa die Teilnahme an Messen oder das Erstellen eines Flyers, würden unter den Kommunen aufgeteilt oder aus dem einmaligen Landeszuschuss von 100 000 Euro für interkommunale Zusammenarbeit gedeckt, so die Bürgermeister. Diese Mittel werden vom Landkreis verwaltet und sind fast erschöpft, erklärt Peter Nissen vom Landkreis. Um eine langfristige und strukturierte Finanzierung zu sichern, habe er eine Beitragssatzung vorgeschlagen. „Das diskutieren wir gerade noch.“ Allerdings schon ziemlich lange. Seit Sommer 2019, wie Heußner und Grebenstein erklären.

Der Entwurf habe vorgesehen, dass die GT 24 000 Euro jährlich zur Finanzierung einer Stelle für die Aufgabenbereiche Wanderschule, Grimmsteig-Tage und Marketing anteilig von den TAG-Kommunen erhalten sollte. Das ist kein hoher Betrag. Aber: „Dies wurde von uns kritisch gesehen, da die angegebenen Aufgabenbereiche zum einen bei Weitem nicht den Umfang einer Teilzeitkraft mit 20 Wochenstunden abdecken und zum anderen die Wanderschule nicht in Zusammenhang mit der TAG steht.“ Für Unverständnis sorgten auch teils nur fragmenthafte und nicht nachvollziehbare Abrechnungen und Kalkulationen. Einen Fragenkatalog dazu aus dem Sommer 2020 hätte Nieste erst im Februar dieses Jahres unvollständig beantwortet, so Heußner und Grebenstein.

Das Misstrauen sitze nach den jüngsten Vorfällen in Nieste tief, sagt TAG-Sprecher Steisel. Vorgänge, die in der Vergangenheit akzeptiert wurden, würden nun hinterfragt. Wie es weitergehe, auch mit der GT, müsse geklärt werden. Er betonte aber, dass die TAG weiter handlungsfähig sei. Bei gemeinsamen Marketingaktionen etwa übernehme eine Kommune die Federführung, die anderen bezahlten anteilig. Grundsätzlich gebe es Signale von den Beteiligten, zum ursprünglichen Finanzierungsmodell zurückzukehren.

Die für das Wochenende vom 25. und 26. Juni geplanten Grimmsteig-Tage wurden abgesagt – wegen Corona, heißt es vonseiten der TAG. Damit die Marke nicht in Vergessenheit gerate, planen die Kommunen aber an einem Wochenende Ende Juni kleine Wanderaktionen. Klar sei: „Wir wollen weiter zusammenarbeiten – auch mit der Gemeinde Nieste.“

Das sagt Grimmsteig-Touristik-Vorsitzender Edgar Paul

Niestes Bürgermeister Edgar Paul hält die Vorwürfe und Zahlungsweigerung für „Unsinn“. Es sei üblich, dass bei interkommunaler Zusammenarbeit auch Personalkosten entstehen. Bei anderen würden von der federführenden Kommunen sogar noch weitere Kosten in Rechnung gestellt. „Hier geht es dagegen um reine Personalkosten.“ Von Anfang an sei klar gewesen, dass es eine Teilzeitstelle brauche. Auch der Eigenbetrieb sei gegründet worden, um hier sauber abrechnen zu können. „Der Anteil der Kommunen ist mit 3000 Euro gering und in der neuen Beitragssatzung wäre sogar auch eine Staffelung vorgesehen gewesen.“ Die Kollegen sollten bedenken, dass sie in anderen TAGs im Landkreis deutlich höhere Beträge zahlen müssten. Die Idee nun wieder alles einzeln abzurechnen und die Zusammenarbeit aufzukündigen, hält er für schlecht. „Das etwas, was so gut funktioniert hat, hier so an die Wand gefahren wird, ist mehr als enttäuschend“. Wenn dieser Weg bestritten werden sollte, könne man den Eigenbetrieb GT auch auflösen und Teile in den Eigenbetrieb Dienstleistungszentrum überführen.

Hintergrund

Die touristische Arbeitsgemeinschaft „Märchenland der Brüder Grimm Kaufunger Wald – Meißner – Söhre“ wurde mit einer öffentlich-rechtlichen Vereinbarung 2015 gegründet. Mitglied waren zu diesem Zeitpunkt Fuldabrück, Helsa, Hessisch Lichtenau, Kaufungen, Lohfelden, Nieste, Niestetal und Söhrewald sowie der Landkreises Kassel.
2018 trat die Gemeinde Staufenberg bei und die TAG wurde in „Grimmsteig Erlebnis-Region“ umbenannt. Die Grimmsteig-Touristik ist ein 2014 gegründeter Eigenbetrieb der Gemeinde Nieste. Vorsitzender ist Edgar Paul, Geschäftsführer war bis zu seiner Pensionierung letztes Jahr Helmut Lippert, aktuell ist die Stelle vakant. Außerdem arbeitet dort ein Verwaltungsmitarbeiter in Teilzeit und ein selbstständiger Mitarbeiter im Bereich Sales und Eventmanagement. Die Wanderschule ist eine Sparte des Heimat- und Verkehrsvereins Nieste. Die Wanderschule erbringt verschiedene Leistungen unter anderem Wanderführungen und Seminare. Die Abrechnung erfolgt über die Grimmsteig-Touristik. Der Grimmsteig führt durch die Söhre und das Lossetal nach Hessisch Lichtenau über den Hohen Meißner auf die Höhen des Bilsteins und durch das Gläsnertal zurück ins Lossetal.

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