Auch in diesem Sommer

Zu wenig Wasser in den Bächen - Landkreis und Stadt Kassel verbieten Entnahme

Die Nieste ist nur noch ein Rinnsal: Die Uferböschung liegt frei, die Steine im Bachbett werden sichtbar. Normalerweise führt die Nieste in Niestetal-Sandershausen deutlich mehr Wasser.
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Die Nieste ist nur noch ein Rinnsal: Die Uferböschung liegt frei, die Steine im Bachbett werden sichtbar. Normalerweise führt die Nieste in Niestetal-Sandershausen deutlich mehr Wasser.

Wie schon in den sehr trockenen Jahren 2018 und 2019 verbietet der Landkreis Kassel – ebenso wie die Stadt – nun schon zum dritten Mal in Folge die Entnahme von Wasser aus Bächen, Flüssen, Teichen und Seen.

Davon nicht betroffen sind bis auf weiteres die Fulda und die Weser. Gabriele Lemmer, beim Landkreis Kassel zuständig für Wasser- und Bodenschutz, hatte schon vor gut zwei Wochen gegenüber der HNA erklärt, dass wegen anhaltender Trockenheit ein Wasserentnahmeverbot wohl nicht mehr zu vermeiden sei.

Bei einem Wasserentnahmeverbot dürfen keine größeren Wassermengen, zum Beispiel für die Bewässerung von Gärten oder Grünflächen, aus Bächen und Flüssen abgepumpt werden. Selbst die Entnahme von kleinen Wassermengen wie zum Tränken von Tieren ist dann tabu. Solch ein Verbot gilt für Anlieger und Eigentümer ebenso wie für Kommunen. Wer gegen das Verbot verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Je nach Einzelfall droht ein Bußgeld in Höhe von bis zu 100.000 Euro.

„In der Tat sind die Pegelstände vor allem in kleineren Bächen und Flüssen derzeit wieder besorgniserregend niedrig“, sagt Lemmer. So habe es in den vergangenen Monaten viel zu wenig Regen gegeben, als dass damit die Fließgewässer wieder aufgefüllt werden könnten. „Der Wassermangel macht sich vor allem in den Oberläufen von Bächen bemerkbar“, sagt Lemmer. Schon jetzt führten einige Bäche nahe ihrer Quelle überhaupt kein Wasser mehr.

In erster Linie dient solch ein Schöpfverbot dem Naturschutz. „Durch das extreme Niedrigwasser drohen ganze Lebensräume für im Wasser lebende Organismen zu verschwinden – das betrifft Köcherfliegenlarven und Fische ebenso wie wasserliebende Pflanzenarten“, sagt Martin Lange vom Naturschutzbund Kaufungen-Lohfelden (Nabu). Hinzu komme der niedrige Sauerstoffgehalt in stark erwärmten Gewässern. „Die Tiere ersticken förmlich, vor allem dann, wenn nur noch Gumpen und Pfützen mit Wasser gefüllt sind.“

Das Problem betrifft nicht nur den Landkreis Kassel, sondern die ganze Region Nordhessen mit den Landkreisen Kassel, Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg und Werra-Meißner. „Aktuell stehen die fünf Kreisbehörden in enger Abstimmung über die Verhängung des Wasserentnahmeverbotes in Nordhessen“, sagt Lemmer.

Gabriele Lemmer vom Landkreis Kassel im Wahlebach bei Lohfelden: Schon im vergangenen Sommer musste ein Wasserentnahmeverbot ausgesprochen werden. Das Foto entstand Mitte August 2019.

Im Jahr 2019 war das Verbot Mitte August ausgesprochen worden. Erst im späten Herbst, als die Niederschläge wieder zunahmen, hob die Behörde es wieder auf. Bis dahin war erst ein Mal eine derartige Einschränkung verhängt worden – das war im extrem trockenen Sommer 2018.

Tatsächlich weisen aktuelle Wetterprognosen nicht auf eine Entspannung der Lage hin. Regionale Schauer und Gewitter verbessern die Lage höchstens kurzfristig, sodass insgesamt weiter von niedrigen Wasserständen und Durchflüssen in den Gewässern zu rechnen ist. „Gewitter bringen zwar viel Regen. Jedoch fließen die großen Wassermengen nur ab, statt in den Boden einzusickern“, so Lange. Im Grunde fehle ein über mehrere Tage anhaltender, dafür aber relativ moderater Regen, der den Boden langsam wieder aufweiche. „Nur ein feuchter Boden kann relativ schnell weiteres Wasser aufnehmen.“

Das Problem sei, dass bedingt durch die zwei sehr trockenen Jahre 2018 und 2019 selbst in tieferen Erdschichten große Trockenheit herrsche. „Die Wasservorräte im Boden sind erschöpft. Es wundert also nicht, dass Bächen und Flüssen jetzt zum dritten Mal in Folge das Wasser ausgeht“, so Lemmer.

Trotz einiger Regenschauer war es in den vergangenen Wochen erneut deutlich zu trocken. Deshalb hat neben dem Landkreis auch die Stadt Kassel reagiert. „Auf Grundlage des Wasserhaushaltsgesetzes und des Hessischen Wassergesetzes ist ab sofort bis zum 31. Dezember untersagt, aus allen Bächen im Stadtgebiet Kassel Wasser zu entnehmen“, teilte die Stadt gestern mit. Das gelte auch für den Fall, dass eine wasserrechtliche Erlaubnis dazu von der Unteren Wasser- und Bodenschutzbehörde der Stadt Kassel erteilt worden sei.

Vor allem in kleineren Gewässern seien nach Aussagen der Unteren Wasser- und Bodenschutzbehörde die Abflussmengen bedenklich gering. Durch den geringen Wasserstand verschlechterten sich die Lebensbedingungen für Tiere und Pflanzen. (Boris Naumann)

Zu wenig Niederschläge in den vergangenen zwei Jahren

Ein Blick auf aktuelle Messwerte verrät: Das Jahr 2020 reiht sich in die Folge der sehr trockenen Jahre 2018 und 2019 ein. Beispiel Niederkaufungen: Wie die Internetplattform für Agrarwetter proplanta.de aufzeigt, reicht die im Jahr 2020 erreichte Niederschlagsmenge in Niederkaufungen mit 334 Millimetern noch nicht einmal an die im gleichen Vorjahreszeitraum erreichte Menge von 445 Millimeter heran.

Mit anderen Worten: 2020 ist bislang trockener als 2019. Mit Blick auf das gesamte Jahr 2019 waren in Niederkaufungen 650 Millimeter Niederschlag gefallen, im Jahr 2018 sogar nur 445. Dagegen sticht das Jahr 2017 mit 801 Millimetern Niederschlag hervor. Zwar begann auch das Jahr 2017 recht trocken, die zweite Jahreshälfte war dafür aber mit Regen gesegnet. Im Herbst erschwerten aufgeweichte Böden die Ernte zum Teil erheblich. Der durchschnittliche Jahresniederschlag in Hessen beträgt 60-Jahre-Mittel 786 Millimeter.

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