Coronabedingt fallen viele Kontrollen für die Bewertung von Altenheimen aus

Zu Zeiten von Besuchsverboten: Pflege-Tüv auf dem Prüfstand

Eine Pflegerin läuft mit einer älteren Dame eingehakt über einen Gang.
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Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) nimmt die Pflegeheime unter die Lupe. Auch während der Corona-Pandemie ist das in einem gewissen Rahmen möglich.

Die Wahl des Pflegeheims für Angehörige ist nicht leicht. Seit September 2019 soll der Pflege-Tüv helfen. Heime sollen ausgiebiger geprüft werden. Doch wie gut klappt das?

Denn der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) kann sich unter normalen Umständen kein Bild vor Ort machen. Durch den Pflege-Tüv ändert sich, wie der MDK bewertet: Jetzt soll er nicht mehr vorrangig die Dokumentation von Pflegeheimen unter die Lupe nehmen. Stattdessen verlangt der MDK mehr Daten über Patienten – obendrein sollen eigentlich Pfleger und Gepflegte direkt befragt werden.

Eigentlich, denn der geplante Besuch des MDK ist pandemiebedingt weggefallen, sagt Sabine Holzenleuchter, Heimleiterin des Hauses Mühlenhof Vellmar. Man müsse auf die Bewohner Acht geben und Besuche weitestgehend vermeiden, aber Anlassprüfungen könnten in besonderen Fällen dennoch stattfinden. Das heißt: „Gibt es Beschwerden über ein Heim, kann der MDK jederzeit kommen“, sagt die Heimleiterin. Aber auch ohne Besuche vor Ort erhalte der MDK Informationen. „Durch den Pflege-Tüv werden deutlich mehr Daten verlangt“, sagt die Leiterin. Aus ihrer Sicht reiche das, um Altenheime zu bewerten.

Auch Sigrid Wieder berichtet, dass der MDK im Ernstfall Zutritt zu einem Altenheim bekommt. „Dabei gelten Hygiene- und Schutzmaßnahmen, die die Medizinischen Dienste entsprechend ihrer Hygienekonzepte umsetzen“, sagt die Sprecherin der Awo Nordhessen.

Während von der Heimseite die aktuelle Prüflage positiv gesehen wird, kommt vom Sozialverband Kritik: „Wir wissen, dass infolge der Corona-Pandemie auch alle an der Organisation und Sicherstellung einer guten Pflege Beteiligten täglich vor enormen Herausforderungen stehen und große Anstrengungen unternehmen, diese zu meistern“, sagt Vera Heckmüller, Bezirksvorsitzende des VdK Hessen-Thüringen. Der VdK sehe jedoch mit großer Sorge, „dass coronabedingt eine wirkliche Kontrolle der Versorgung in den Pflegeheimen nicht stattfindet“.

Die jährlichen Regelprüfungen durch den MDK und auch die Selbstbewertungen der Einrichtungen seien ausgesetzt, erläutert Heckmüller. Es gebe zwar die Möglichkeit der Anlassprüfungen. Doch durch die Kontakt- und Besuchsbeschränkungen hätten Angehörige kaum die Möglichkeit, Missstände zu sehen, zu melden und eine Prüfung einzufordern.

Auch sonst sieht Heckmüller den Pflege-Tüv kritisch. Er habe zwar eine Verbesserung bei den Prüfkriterien gebracht, das könne aber nur ein erster Schritt sein. Für eine Zeit nach der Pandemie fordert sie mehr unangemeldete Besuche seitens des MDK und eine intensivere Bewohnerbefragung. „Die aktuelle Stichproben-Regelung reicht nicht aus.“

Das sagt der MDK: Anlassprüfungen möglich

Das neue Prüfsystem, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, gilt auch jetzt, betont Birte Wuermeling, Pressesprecherin des MDK Nordhessen. Also in einer Zeit, in der wegen Kontaktbeschränkungen die regelhaften Pflegequalitätsprüfungen ausgesetzt sind. Wie die Heimleiterinnen unterstreicht auch sie, dass Anlassprüfungen jederzeit möglich seien. Auf die Frage, wie Angehörige sich ein Bild machen sollen, wenn sie nicht im Heim vorbeischauen können, sagt Wuermeling: „Der Medizinische Dienst erlangt keine Kenntnis über Besuchsverbote, die Einrichtungen aufgrund der Pandemielage gegenüber Dritten aussprechen. “ (Moritz Gorny)

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