300 Arbeiter in der Rüstungsfabrik Kiekert

Zwangsarbeiter in der NS-Zeit in Guntershausen: Studentin stellt Masterarbeit vor

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Früher Fabrik, heute Ruine: Bis zu 300 Zwangsarbeiter mussten in der Rüstungsfabrik Kiekert in Guntershausen unter schlimmsten Bedingungen arbeiten. 

Mit einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte zum Ende des Zweiten Weltkrieges beschäftigt sich die 23-jährige Studentin Carolin Sohl aus Körle (Schwalm-Eder-Kreis).

In ihrer Masterarbeit zum Studium Geschichte und Öffentlichkeit untersucht sie wissenschaftlich die Situation der damaligen Zwangsarbeiter, die zum Ende des Krieges millionenfach unter zum Teil schlimmsten Bedingungen für die Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Dabei ist sie auch im Baunataler Ortsteil Guntershausen fündig geworden.

Studentin Carolin Sohl

Zu einem Rundgang am Ort des damaligen Geschehens hatten der SPD-Ortsverein und Dr. Klaus-Peter Lorenz eingeladen. In einer kleinen, aber interessierten Gruppe, unter denen auch einige Zeitzeugen waren, begab man sich auf Spurensuche. Bereits hinter dem Bahnhof Guntershausen wurde man fündig. Dort steht noch ein alter Waggonwagen der „Deutschen Reichsbahn“, die den Zwangsarbeitern als Lager für ihre Habseligkeiten und Haustiere diente. „Hier standen bis zu 30 Waggons“, wusste Sohl zu berichten und erzählt weitere Einzelheiten: „Bereits 1940 wurden die ersten Arbeiter für den Gleisbau nach Guntershausen deportiert. Dabei handelte es sich meist um polnische Bürger, die bei Razzien auf offener Straße gefangen genommen wurden.“

Ein Stück weiter steht die Ruine der damaligen Munitionsfabrik der Firma Kiekert und Söhne. Bis zu 300 Zwangsarbeiter, meist Frauen, aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mussten dort unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Zeitzeuge Helmut Norwig erlebte das Ende des Krieges als zehnjähriger und erinnert sich: „Meine Mutter hat hier in der Fabrik auch gearbeitet. Insgesamt gesehen hatten wir wenig Kontakt zu den Zwangsarbeitern, die in den für sie eingerichteten Lagern lebten.“ 

Als Zeitzeuge mit dabei war auch Helmut Norwig (89), der hier vor einem alten Waggon steht, der den Zwangsarbeitern als Lager diente.

Die kargen Lebensmittelrationen beinhalteten für einen Zwangsarbeiter aus Russland zum Beispiel 2,6 Kilo Brot, 250 Gramm Fleisch und 110 Gramm Zucker – in der Woche. Heute ist die Fabrik zur Ruine verfallen, steht offen und droht irgendwann einzustürzen. Hinweis- oder Warnschilder sucht man vergebens. Das Gebäude ist in Privatbesitz.

Zum Abschluss führte Sohl die Gruppe noch zum Friedhof, auf dem vier polnische, ein tschechischer und ein sowjetischer Zwangsarbeiter beerdigt wurden. Auch hierzu wusste Norwig noch Einzelheiten: „Einer der Polen ist von Scharfschützen auf offener Straße erschossen worden, weil er trotz verhängter Ausgangssperre seine Wohnung verlassen hat.“

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