15. September Tag der Offenen Tür 

170 Jahre Bahnhof Gensungen: Erste Lokomotive namens Hassia fuhr den Bahnhof an

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Gruppenfoto um das Jahr 1900: Bahnhofspersonal und Gäste. Zu sehen sind auch der Ur-Ur-Großväter von Stefan Umbach, Adam Lipp und Caspar Grasmeier. Nachfahren leben heute noch in Felsberg. 

Taler, Kaiser, Camembert: Der Bahnhof in Gensungen ist heute vor 170 Jahren eröffnet worden.

Nach Unterlagen des Hobby-Eisenbahnhistorikers Stefan Umbach aus Wolfershausen ist die Strecke Kassel-Gensungen am 3. September 1849 eröffnet worden. Der Bahnhof, der heute offiziell Felsberg-Gensungen heißt, ist jetzt im Eigentum der Stadt Felsberg und nennt sich nach umfassender Sanierung „Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung”. Zum Tag der Generationen am 15. September gibt es einen Tag der offenen Tür. Über die Eisenbahngeschichte sprachen wir mit Stefan Umbach.

Geplatztes Rohr

Der erste Zug kam mit reichlich Verspätung in Gensungen an. Eine Lokomotive der Kasseler Firma Henschel mit dem Namen Hassia zog den Zug. Unterwegs war eins der aus Messing bestehenden Siederohre geplatzt. Die angeforderte Ersatzlok mit dem Namen Sturm holte den Zug zurück nach Kassel.

Historisches Ereignis am 20. März 1967: Die erste Elektrolok fährt durch den Bahnhof Gensungen-Felsberg.

Staatsanleihe

Am 6. Februar 1845 hatten das Kurfürstentum Hessen, das Großherzogtum Hessen und die Freie Reichsstadt Frankfurt, durch deren Gebiete diese Bahn führen sollte, einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen. Für die Finanzierung eine Staatsanleihe in Höhe von sechs Millionen Taler aufgelegt.

Gensungen-Wabern

Der Abschnitt Gensungen-Wabern wurde am 19. Dezember 1849 eröffnet, ab dem 2. Januar 1850 fuhren die Züge bis Treysa. Anfang 1852 erreicht die Bahn endlich auch Marburg, und am 15. Mai 1852 fuhr der erste durchgehende Zug von Kassel nach Frankfurt. Eine Fahrt dauerte zwischen 6,5 und 8,5 Stunden. 1853 fuhren bereits in jede Richtung vier Züge pro Tag.

Randale

Vom 2. Januar 1850 ist diese Anekdote überliefert: Angetrunkene Fahrgäste, die in Wabern stundenlang auf eine Probefahrt nach Treysa warten mussten, stiegen in den Zug, legten sich mit dem Personal an, es kam zu einer Schlägerei. Stefan Umbach: „Der Maschinist koppelte die Lok ab und fuhr ohne die Waggons nach Treysa. Als er später zurück kam, hatte sich die Situation beruhigt.”

Schicke Uniform

Laut Staatsarchiv Marburg hatte das Personal der Main-Weser-Bahn schicke Uniformen. Die Tragzeit war für einen Überrock, für ein Paar Beinkleider und eine Mütze auf ein Jahr bestimmt. Reparaturen mussten „die Diener auf ihre Kosten machen lassen”.

Zwei Kaiserzüge

Am 30. September 1857 reiste „Seine Majestät der Kaiser von Rußland mit Familie und Gefolge mittels zweier Extrazüge” durch Gensungen. In einem Zug saßen der Kaiser mit Gefolge, im anderen die Dienerschar mit dem kaiserlichen Gepäck, wie aus der Depesche der Königlich Preußischen Telegraphen-Station Cassel hervorging. Der Zug von Darmstadt nach Weimar in Thüringen hatte mittags in Guntershausen eine halbe Stunde Aufenthalt.

Silbergroschen

Eine Fahrt von Kassel nach Marburg kostete anno dazumal in den drei Klassen 85, 56,60 und 35,60 Silbergroschen. Umbach: „Preise, die für den normalen Bürger mit einem durchschnittlichen Tageslohn zwischen fünf und 15 Silbergroschen unerschwinglich waren.” Für Bauern, die von Treysa nach Kassel zum Markt wollten, betrug der Preis 13 Silbergroschen. Schon bei der ersten statistischen Erhebung 1850 stellte man besorgt fest, dass der Personentransport weit hinter den Prognosen zurückgeblieben war, der Gütertransport dagegen alle Erwartungen übertroffen hatte.

Käse wird verladen: Das Foto von 1941/42 zeigt Lina Wiederhold, Minna Alter, Martha Siehl, Georg Meyer, Sophie Pfeil, Fritz Peter, Georg Holl sowie zwei Kriegsgefangene.

Käse-Verladung

1938 entgleisen auf dem Bahnhofsgelände mehrere Güterwagen. Einer der Waggons wäre dabei „fast in das Tor der Molkerei Prinz gefahren”, heißt es in der Chronik. Die ehemalige Camembert- und Milchzuckerfabrik Heinrich Prinz war die erste Molkerei in Deutschland, die Camembert produzierte. Auch andere Spitzenprodukte dieses Unternehmens wurden sogar nach Italien, in die USA, nach Japan und Kanada geliefert. Alle Käsesorten, die ins Ausland gingen, wurden in Gensungen in Güterwagen der Bahn geladen und in Hamburg aufs Schiff verladen.

Der Bahnhof als Einstieg zur Braunkohle

Heinz Körner vom Felsberger Stadtarchiv hat die Geschichte um den Bahnhof Gensungen ebenfalls genauer unter die Lupe genommen. Und etwas hat den 67-Jährigen dabei stutzig gemacht: „Wie kommt das kleine Bauerndorf Gensungen im Jahre 1849 dazu, nach dem Kasseler Hauptbahnhof auf der Strecke nach Marburg das erste Bahnhofsgebäude zu erhalten?“ Die Empfangsgebäude in Guntershausen und Wabern wurden erst später fertiggestellt, erklärt er.

Als Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft für Vor- und Frühgeschichte Gensungen ging Körner der Sache nach. Er habe in unzähligen Archiven gesucht, sei dafür in das Hessische Staatsarchiv nach Marburg und in die Museumslandschaft Kassel gereist. Im Grafikportal der Kasseler Museumslandschaft fand Körner dann eine erste Spur: eine Architekturzeichnung eines Ziegelschuppens von dem Oberbaudirektor des Bahnhofsgebäudes Julius Eugen Ruhl.

Ruhl war unter anderem Bauleiter des Ständehauses in Kassel und gehörte zu den Mitbegründern des Kunstvereins für Kurhessen. Im Jahr 1850 ernannte ihn Kurfürst Friedrich Wilhelm zum Generaldirektor für Staatseisenbahnen im Kurfürstentum Hessen. Der Kunsthistoriker Gerd Fenner schreibt zur Zeichnung des Ziegelschuppens: „Der Anlass zur Anfertigung der Zeichnung ist nicht bekannt; es verwundert, dass sich der beruflich voll ausgelastete Oberbaudirektor mit einer so untergeordneten Aufgabe befasste“, gibt Körner wieder. Schließlich war Ruhl in den Jahren mit mehreren Entwürfen für Bahnhofsgebäude beschäftigt. Des Rätsels Lösung liege in Gensungen nahe des Mittelhofes, meint, Körner zu wissen.

Unterhalb des Heiligenbergs am Kuhberg nahe der Kartause besaßen der Bauunternehmer Conrad Siebrecht mit 89 Teilen und der Oberbaudirektor Ruhl mit 39 Teilen ein Grundstück. Sie waren Geschäftspartner, das sei heute niemanden bekannt, erklärt Körner. Dort befand sich damals der Einstieg zur Braunkohlenzeche Heiligenberg und daneben eine Ziegelei.

Siebrecht und Ruhl wohnten in der Kasseler Königstraße Tür an Tür, sollen sich gut verstanden haben, sagt Körner. Die Braunkohlenzeche und die Ziegelei sind um 1870 an die englische The High Level Coal & Brick Co. Limited Manchester verkauft worden. Ruhl und Siebrecht sollen den Gensunger Bahnhof zum Verladen ihrer Braunkohle und der Ziegelsteine genutzt haben, ist sich Körner sicher. „Sie wirtschafteten gemeinsam in die eigenen Taschen“, sagt Körner. Dieser Verbindung sei aber zu verdanken, dass Gensungen einen Bahnhof mit einer für damalige Zeit umfangreichen Ausstattung mit Gleisanschlüssen und Güterschuppen erhielt. „1866 wurde Kurhessen von Preußen annektiert und somit war das Geschäftsende dann besiegelt“, sagt Körner. „Wo gebaut wurde und wird, ist das Wort Korruption nicht weit entfernt“, lacht Körner. Das sei früher nicht anders gewesen. Gensungen habe damit aber das Glück gehabt, Anschluss an die Welt zu finden und der Startschuss für die Ansiedlung von Handel und Gewerbe sei gelegt worden, sagt Körner.

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