Vergessen, wer der Mann im Bett ist

Die Krankheit der verschwindenden Erinnerungen

Chaos im Kopf: In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Alzheimer. Unser Symbolbild zeigt eine 86-jährige Frau aus Würzburg.
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Chaos im Kopf: In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen an Alzheimer. Unser Symbolbild zeigt eine 86-jährige Frau aus Würzburg.

Heute, am 21. September, ist Weltalzheimertag. In Deutschland leiden 1,6 Millionen Menschen an der Krankheit, im Schwalm-Eder-Kreis wurde die Krankheit bei rund 5000 Personen diagnostiziert.

Melsungen – Manchmal denkt Maria, dass ein fremder Mann in ihrem Bett liegt. Sie erkennt Peter nicht, den Mann, mit dem sie seit 70 Jahren verheiratet ist. Das vergisst Maria manchmal einfach. Maria ist 96 und heißt nicht Maria, aber es könnte sein, dass sie sich in diesem Text erkennt, wenn sie einen lichten Moment hat und ihren richtigen Namen in der Zeitung liest. Das möchten die Tochter und der Ehemann, der auch nicht Peter heißt, vermeiden. Maria leidet an Altersdemenz.

Dabei ist es eigentlich ihr Ehemann, der darunter leidet – dass Maria so ist wie sie jetzt ist, vergesslich, betreuungsbedürftig, einfach nicht mehr die Alte. Maria denkt manchmal, sie ist jung, 17, 18 Jahre alt. Dann schaut sie sich im Wohnzimmer um, denkt, sie sei in einem Hotel und sagt zu Peter: „Wir wollen hier doch nicht schlafen“. Sie will nach Hause, also in ihr Elternhaus, wo die Mutter und der Vater warten.

Und dann gibt es diese Momente, in denen Maria völlig klar wirkt und man sich mit ihr gut unterhalten kann. Doch Maria kann sich nach fünf Minuten nicht mehr daran erinnern, worüber sie sich unterhalten hat. Was sie vor 70, 80 Jahren erlebt hat, das weiß Maria noch genau und verbindet das Jetzt mit dem Früher. An heißen Sommertagen sagt sie oft: „Und in dieser Hitze mussten wir immer auf dem Feld arbeiten und bei der Ernte mit anpacken.“

Maria hatte eine Kindheit mit schwerer körperlicher Arbeit. Sie wuchs auf einem Bauernhof in Melsungen auf. Die Eltern hatten Schweine, Kühe, ein paar Gänse. Mit denen mussten Maria und ihre beiden Schwestern immer auf die Bleichwiese gehen, zum Hüten. Maria hat gerne draußen gearbeitet, vor allem mit Tieren. Als das Dritte Reich begann, war Maria neun Jahre alt. Sie war, wie damals üblich, im Bund Deutscher Mädel und kam so mal nach Polen und an die See.

Sonst ist Maria nicht viel herumgekommen. Nur später war sie mit ihrem Ehemann in Frankreich. Dort haben sie Louis besucht, der als Kriegsgefangener auf dem Hof ihrer Eltern arbeiten musste und zu dem sich eine Freundschaft entwickelt hat.

Das weiß Maria noch genau. Was vor zehn Minuten war, hat sie vergessen. Wo sie den Honig hingestellt hat, wo das Schlafzimmer ist, wo der Schüssel liegt, dass die Unterwäsche nicht zu den Geschirrtüchern im Küchenschrank einsortiert wird – all das sind Situationen im Alltag, in denen nicht verborgen bleibt, dass Maria dement ist.

Diagnostiziert ist die Krankheit nicht, sagt ihre Tochter. Das ist der Familie auch nicht wichtig, sie nehmen Maria wie sie ist und leben mit dieser Phase des Lebens. Zurzeit ist Maria „eine sehr pflegeleichte“ Demente, die oft dankbar für Unterstützung ist, sagt ihre Tochter.

Für deren Vater, Marias Ehemann, ist das Leben mit Maria mittlerweile frustrierend. Er lebt 24 Stunden Seite an Seite mit ihr. Der 94-Jährige wacht nachts auf, wenn Maria aufsteht. Und wenn er vier, fünf, sechs Mal hintereinander sagen muss, dass sie keinen Hund haben, dann zerrt das an seinen Nerven.

Ohne Peter könnte Maria wohl nicht mehr zuhause leben. Denn alleine bleiben, will und kann sie nicht mehr, die Tochter im Haus ist berufstätig. Alle drei Töchter sieht sie manchmal als ihre Schwestern an, die sechs Urenkel erkennt sie nicht mehr. Und manchmal fragt sie, wer der fremde Mann ist, der im Wohnzimmer sitzt. „Das ist doch dein Mann.“ Ach so, sagt Maria und hat die Frage wieder vergessen. (Claudia Feser)

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