Mitarbeiterin: "Er ist zu menschlich"

Asklepios entlässt Chefarzt in Melsungen - Mitarbeiterin erhebt schwere Vorwürfe gegen Klinikkonzern

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Aurands bisheriger Arbeitsplatz: die Asklepios-Klinik in Melsungen. 

Melsungen. Die Geschäftsführung der Melsunger Asklepios-Klinik hat ihren Chefarzt der Chirurgie Dr. Günter Aurand entlassen. Das bestätigte Pressesprecher Rune Hoffmann.

Zu den Gründen wollte sich Hoffmann nicht äußern und verwies auf das schwebende arbeitsrechtliche Verfahren. Kommende Woche könne er wohl mehr sagen. Für den heutigen Freitag sei eine Operation geplant gewesen, die Aurand ausführen sollte – es handele sich aber nicht um eine Notfall-OP. Mit der Patientin stehe man in Kontakt. „Es werden alle Patienten versorgt“, versicherte Hoffmann.

War seit 2010 Chefarzt der Chirurgie in Melsungen: Dr. Günter Aurand.

Schwere Vorwürfe erhebt eine Asklepios-Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, gegen den Klinik-Konzern: „Asklepios wollte Aurand loswerden, weil er nicht ins System passt. Er ist zu menschlich.“ Der Chefarzt habe es unter anderem abgelehnt, Operationen auszuführen, die aus seiner Sicht unnötig waren, aber Geld eingebracht hätten. Die Mitarbeiterin nannte ein Beispiel: „Er hätte einer 96-Jährigen, die seit langem im Rollstuhl sitzt, kein neues Kniegelenk eingesetzt.“ Das Klinik-Personal sei entsetzt über die Kündigung. „Ich kenne ihn als höchst anständigen, fähigen Chef“, so die Mitarbeiterin.

Auch die Patienten seien mit Aurand zufrieden gewesen, sagte Dr. Ehrhart Appell, der bis 2017 Patientenfürsprecher in Melsungen war. „Ich kann nur Positives über ihn sagen“, erklärte Appell. Die Entlassung des Chefarztes überrasche ihn wirklich. Appells Nachfolgerin, Anita Obijou, war nicht zu erreichen.

Der Asklepios-Betriebsrat wollte sich nicht äußern. Eine Kontaktaufnahme zu Dr. Aurand war nicht möglich. 

Dr. Günter Aurand war seit März 2010 als Chefarzt der Chirurgie in der Melsunger Asklepios-Klinik tätig. Vorher war er leitender Oberarzt am Asklepios-Krankenhaus in Homberg, das 2010 geschlossen wurde. Auch Aurands Vorgänger am Melsunger Krankenhaus, Dr. Hanns Schneider, war überraschend entlassen worden. Grund für die Entlassung Schneiders war, dass der Chefarzt ein Lautsprecherkabel zur Intensivstation durchtrennt hatte, weil ihn das Piepen aus dem Lautsprecher bei der Arbeit störte. Das Arbeitsgericht akzeptierte dies jedoch nicht als Kündigungsgrund. Daraufhin nahm Schneider seine Arbeit an der Melsunger Klinik zunächst wieder auf. Schließlich einigten sich der Arzt und der Klinik-Konzern auf einen Vergleich, Schneider beendete seine Tätigkeit bei Asklepios und erhielt eine Abfindung. 

Das Melsunger Krankenhaus ist nicht die erste Asklepios-Klinik, die in die Schlagzeilen gerät. Im vorigen Jahr sorgten sich die Bad Wildunger um die Zukunft ihrer Stadtklinik, nachdem viele leitende Ärzte das Haus überraschend verlassen hatten. Und das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" beleuchtete in einer Titelgeschichte den Klinikkonzern, der "den Ruf eines gnadenlosen Renditetreibers hat, der Gewinne auf dem Rücken von Ärzten, Pflegern und Patienten macht".

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