Serie Böddiger Berg 

Die zweite Chance: Besuch in der Außenwohngruppe für drogenabhängige Jugendliche  der Fachklinik 

Das Team: von links Sozialarbeiterin Svenja Isensee, die Gesamtleiterin der Fachklinik und aller Außenstellen Annette Wenzel sowie Psychologin und Sozialarbeiterin Monica Escudero in der Küche der Außenwohngruppe. Foto: linett hanert

Die Fachklinik Böddiger Berg ist eine feste Institution in Felsberg. Sie bietet Menschen einen Arbeitsplatz und Hilfe für suchtmittelgefährdete oder -abhängige Menschen. In loser Folge stellen wir die Fachklinik und ihre Mitarbeiter vor.

Felsberg – Jugendlichen eine zweite Chance geben, bevor es vielleicht für immer zu spät ist – das ist die Aufgabe der Betreuer der Außenwohngruppe für Jugendliche mit Abhängigkeitserkrankungen der Fachklinik am Böddiger Berg.

Die Außenwohngruppe für suchtgefährdete Jugendliche ist ruhig gelegen im Felsberger Stadtteil Neuenbrunslar. Bereits seit den 1980er-Jahren ist die Wohngruppe Teil des Betreuungsangebots der Klinik. Die Nachfrage nach einem Platz in der Jugend-WG ist groß. Umso bedauerlicher sei es, dass es mittlerweile nur noch sechs Betreuungsplätze gibt, erklärt die Leiterin der Fachklinik, Annette Wenzel.

Zu Beginn waren es einmal 24. Hintergrund seien strengere Regelungen des Jugendamtes. Denn das Jugendamt ist Kostenträger der Außenwohngruppe für Jugendliche mit einem Drogenproblem. Der Tagessatz für einen Platz in der WG liegt bei knapp 135 Euro. Das Gebäude in Neuenbrunslar ist Eigentum der Fachklinik, erklärt Annette Wenzel.

Die Arbeit des Teams in der Außenwohngruppe ist enorm wichtig, um Jugendlichen rechtzeitig einen Weg aus der Sucht zu zeigen, sagt Wenzel. Zum Team gehören Sozialarbeiter, Erzieher, Psychologen, Hauswirtschaftskräfte, Hausmeister und Lehrer. „Damit wird in dieser WG deutlich mehr Wert auf Betreuung gelegt als beispielsweise in einer Substitutions-WG“, sagt Wenzel. Ziele würden in der WG klar formuliert: „Die Jugendlichen sollen hier auf ein späteres drogenfreies Leben vorbereitet werden – da müssen sie sich an bestimmte Regeln gewöhnen und diese auch einhalten“, sagt Wenzel. Sozialarbeiterin Svenja Isensee arbeitet seit 2018 in der WG. „Wir sind quasi ein Eltern-Ersatz“, sagt sie. Die Jugendlichen lernen, selbst für sich zu sorgen. Das sei nicht immer die einfachste Aufgabe. Denn: „Bei manchen müssen wir ganz vorne anfangen – wie Müll regelmäßig rausbringen und Bett machen“, sagt sie. Auch Psychologin Monica Escudero sieht seit Jahren, dass den Jugendlichen eine gewisse Marschrichtung fehle. „Schon das morgendliche Aufstehen kann zur Geduldsprobe werden“, sagt sie.

Die Sozialarbeiter und Psychologen haben auch an den Wochenenden Bereitschaftsdienst. „Es kann immer mal vorkommen, dass die Jugendlichen in Krisen geraten“, sagt sie. Damit ist gemeint, dass die Gefahr groß ist, rückfällig zu werden.

Im Schnitt sind die Jugendlichen sechs bis zwölf Monaten clean, bevor sie in die WG ziehen. Hier sei die Rückfallgefahr aber dennoch groß. Unangekündigte Urinproben gebe es regelmäßig. „Die Jugendlichen haben die Freiheit, sich ganz normal draußen mit Freunden zu treffen, da müssen wir auf Nummer sicher gehen“, sagt Escudero.

Für das Team stehe an erster Stelle, dass die Jugendlichen ihren Schulabschluss oder ihre Ausbildung absolvieren. „Das machen sie entweder in Kassel, oder sie gehen auf die interne Schule am Böddiger Berg“, sagt sie. In den meisten Fällen funktioniere das auch ganz gut, so Annette Wenzel. Egal ob Schulabschluss, Haushalt oder private Probleme – die Jugendlichen werden rund um die Uhr vom Team unterstützt.

Drogenkonsum in der Region 

Seit Jahren sei der Konsum harter Drogen bei Jugendlichen rückläufig, erklärt Annette Wenzel. Allerdings bemerke sie bei ihren Patienten, dass vor allem der Konsum von Marihuana steige. „Aber auch typische Partydrogen, Amphetamine und Ecstasy sind bei den Jugendlichen beliebt“, sagt sie.

In der Kriminalstatistik der Polizei Nordhessen aus 2019 spiegelt sich die Aussage der therapeutischen Leiterin wieder: So heißt es in der Statistik, dass Cannabisbesitz einen Großteil der Betäubungsmittelverstöße darstellt. 1503 der 2456 allgemeinen Verstöße, die beispielsweise den Besitz oder Erwerb erfassen, betreffen Marihuana, Haschisch oder Cannabisprodukte. Rückläufig sei der Konsum von Heroin in Nordhessen mit Blick auf die Fallzahlen. 2019 waren es 73 Fälle, während es 2015 noch 100 waren. Die Zahl der Drogentoten in Kassel und Landkreis ist auf sechs Tote gesunken. Der Schwalm-Eder-Kreis hat keinen Todesfall in Zusammenhang mit Rauschmittelmissbrauch verzeichnet. Der starke Rückgang lasse sich laut Polizei unter anderem auch durch die Sozialarbeit und eine verbesserte Aufklärung erklären.

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