Melsunger und Rotenburger Sänger gaben Konzert

Brahms: Gelobtes Land der Chöre in Melsungen

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Elementarer Schwung und machtvolle Klanggebärde: die Sänger der Großen Kantorei Rotenburg und der Melsunger Musikantengilde sowie das Orchester brachten diese überzeugend in der Melsunger Stadtkirche dar.

Melsungen. Passt das zusammen? Des Komponisten Johannes Brahms romantisches 19. Jahrhundert und unser einundzwanzigstes? „Ein deutsches Requiem op. 45“ und wir, die rastlos Getriebenen ohne innere Heimat?

Aber ja! Eva Gerlach-Klings Behauptung manifestierte sich in überzeugend gelungenen Wiedergaben in Melsungen und Rotenburg des Wochenendes – die erste davon am Freitag in der Stiftskirche in Rotenburg. Am 9. November, einem denkwürdigen Schicksalstag der Deutschen mit den Jahreszahlen 1918, 1923, 1938 und 1989.

DER ANLASS

Passend ausgewählt für eine Trauermusik nicht nur dieses Datum und die Kirchenjahreszeit des Totengedenkens, sondern auch das 150. Jahr der Uraufführung 1868 im Bremer Dom. Passend damals in der Hoch-Zeit der Nationalstaatsbewegung zudem Brahms’ Rückgriff auf deutsche Bibeltexte in Luthers Übersetzung statt der lateinisch-liturgischen Bindung. Aber seltsam genug: Mit dieser Textauswahl wendet sich der spröde, der „in die Scheu vor dem Feuer zurückgezogene“ Brahms den Menschen zu, den (Über-) Lebenden, den Trostbedürftigen. Und versinkt nicht in Tod und Ewigkeit.

DIE AUSFÜHRENDEN

Ein Chorwerk im emphatischen Sinn – der Chor ist an allen sieben Sätzen beteiligt. Hier nun waren es gut einhundert Sänger der Großen Kantorei Rotenburg und der Melsunger Musikantengilde. Sie alle ließen sich zu elementarem Schwung und machtvoller Klanggebärde bis hin zum naturalistischen Schrei („Tod, wo ist dein Stachel?“) inspirieren. Wie sorgfältig müssen sie geprobt haben, um solche Genauigkeit, Deutlichkeit, Beredtheit, identifikatorische Kraft und Zartheit zu erreichen! Eine singende Gemeinschaft, die so viel Ehre einem derart populären Chorstück erweist, darf doppelt zutreffend eine „mündige“ genannt werden.

Chor und Orchester gehören bei Brahms innig zusammen. So schuf auch das Kasseler Kammerorchester Louis Spohr, verstärkt durch Berliner Bläsersolisten, bei aller Großgestik sensible Binnenkontraste mit den erhabensten Momenten bei Oboe, Pauke und der gesamten Tiefton-Abteilung (Posaunen, Bässe). Die beiden Vokalsolisten sangen von der Kanzel herab: Stephan Freibergers Bariton favorisierte die „Rolle“ des stillen Beters (Satz 3) mehr als die des seherischen Propheten (Satz 6). Yamina Maamar hatte in Satz 5 einige Mühe, ihren Aida-Sopran auf das „Trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ zu dimmen.

DIE DIRIGENTIN

Und die musikalische Leiterin? EGK – so sei sie „politisch korrekt“ einmal genannt – vermochte ihre entschiedene Lesart beinahe zwingend auf die Mitwirkenden und die Zuhörer im voll besetzten Kirchenraum zu übertragen: die scharfen dynamischen Kontraste, die meist rasche, aber immer organische Tempowahl, die unmittelbare Sinnfälligkeit des gesungenen Wortes und der instrumentalen Geste. Ihre Aktion profitierte von der gelernten Pianistin, die sie ja ebenfalls ist. Ausgreifende Arm-, Oberkörper- und Kopfbewegungen - keine Regung schien ihr vergeudet, um den musikalischen „Apparat“ anzuspornen. Nach 68 erfüllten Minuten im gelobten Land großer Musik und dem Anschlagen der Totenglocke überaus dankbarer Applaus.

Der Besprechung zugrunde liegt das Konzert in der Rotenburger Stiftskirche.

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